Central-Vereins-Dienst
- Journal
- Central-Vereins-Dienst
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- 6 (17.11.1927)
- Date
- 1927-11-17
- Page
- Seite 108 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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von wissenschaftlicher Genauigkeit, wenn Sie es für möglich halten, daß Gottfried zur Beek die jüdische Zeitrechnung in die christliche umgestellt habe, ohne daß Sie sich offenbar dabei etwas Böses denken. Bei wissenschaftlich geschulten Menschen wird durch eine solche „Umstellung" das Vertrauen in die Wiedergabe historischer Urkunden schwer erschüttert. Und wenn Ihnen schließlich zum gleichen Zweck eine Aeußerung von Jakob K 1 a t z k i n dienlich erscheint, so muß ich wiederum sagen: „Sie wollen unsere Erörterung auf ein ganz anderes Geleise schieben". Denn was hat der verstiegene Nationalismus eines einzelnen Juden mit der Echtheit einer angeblichen mittelalterlichen Urkunde zu tun, noch dazu eines so extremen Zionisten, der nicht einmal von den deutschen Zionisten als maßgebend anerkannt wird, geschweige bei der mit den Zionisten in stärkstem Gegensatz stehenden Mehrheit der deutschen Juden. Die Aeußerung einer Richtung als Auffassung der gesamten Judenheit wiedergeben, verrät ebensolche Gewissenhaftigkeit, als wenn jemand das Programm einer der deutschen Flügelparteien von rechts oder links als Bekenntnis des ganzen deutschen Volkes hinstellen wollte." Alt hebräische Musik im Rundfunk. Der Leipziger Rundfunk hat einen Abend mit dem Titel „Althebräische Musi k", veranstaltet, über den die „Leipziger Neuesten Nachrichten" folgendermaßen berichten: „Ein Abend ohnegleichen aber ging unter dem Titel: Alt hebräische Musik. Geschickt und taktvoll konferierte der Leipziger Hauptkantor Lampel die Gesänge. Niemand wird ohne Schauer die uralten Formeln des Priestersegens, niemand ohne Ergriffenheit das Kaddisch gehört haben. Niemand wird die fromme Bezauberung leugnen, die von den synagogalen Melodien unentrinnbar ausging. Und niemand wird empfindungslos dafür sein, daß hier einer der tiefsten Gründe überhaupt, die Gottseligkeit, sich offenbarte." Wie das Gemeindeblatt der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig weiter mitteilt, hat diese Veranstaltung nicht nur in Leipzig bei Juden und Christen vollste Anerkennung gefunden, sondern es sind auch von auswärtigen Hörern Dankschreiben eingelaufen, die die Bitte, bald eine ähnliche Funkstunde zu veranstalten, enthalten. Die Nachahmung des Leipziger Beispiels ist erwünscht. Ein ehemaliger Judenfeind über Müller * Claudius, „Rassenangst." Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, welches Aufsehen das ausgezeichnete Buch von Studienrat Dr. Michael Müller-Claudius: „Deutsche Rassenangst" erregt hat. Das Organ der Deutschen Volkspartei in Hamburg: „Die Hamburger Stimmen" bringt in seiner Nr. 132 vom 3. Oktober eine Würdigung dieses Buches aus der Feder von Herrn Professor Dr. v. Hauff, der wir die folgenden Sätze entnehmen: „Welches Unheil, diese Unfähigkeit zu sehen, anrichtet, zeigt mit einer erschreckenden Deutlichkeit die Stellung, die der Deutsche heute zur Judenfrage einnimmt. Einer redet es dem anderen nach, daß der Jude an allem Unglück schuld sei, und ob der augenblicklichen Freude darüber, daß der Sündenbock gefunden ist, vergißt man, daß nichts schlimmer ist, als eine falsche Diagnose, weil man durch die Kuren am verkehrten Ort auch noch die gesunden Glieder krank macht. In spannender Darstellung zeigt Müller-Claudius, wie es zu der heute in Deutschland üblichen Stellung zum Judentum gekommen ist, die mit Naturnotwendigkeit gerade das Gegenteil von dem gezeitigt hat, was ursprünglich beabsichtigt war. Man wollte Wertvolles erhalten, und man hat es zerstört, man wollte mutig sein, und man hat sich als mutlos erwiesen: aus dem Rassentrotz ist die Rassenangst geworden. Wir müssen eine energische Schwenkung machen. Wir haben unsere Waffen gegen Ausgeburten unserer Phantasie gerichtet, gegen Nebelgebilde, die sich nach jedem Strich wieder zusammenschließen, anstatt gegen den wirklichen Feind, der in uns selber sitzt und in unserer Angst seinen Nährboden hat. Diese Angst aber führt mit Naturnotwendigkeit zur Entartung, wenn wir ihr nachgeben. Die Angst schwindet in dem Augenblick, in dem wir ihren Ursprung und ihre Art erkannt haben. Es ist genau wie beim Kind, das den schwarzen Mann nicht mehr fürchtet, wenn es sich überzeugt hat, daß er nur ein Schatten ist, ein Gebilde seiner eigenen Phantasie. Wir sehen mit dem Verfasser des Buches sehnsüchtig über die letzten Blätter seines Werkes hinaus. Wir wissen, es ist nur ein Anfang, denn eine solche Hydra fällt nicht auf einen Streich. Aber wir haben die gute Zuversicht, daß Deutsche und Juden Schulter an Schulter den Dämon Rassenangst besiegen werden, nachdem er nun beim rechten Namen genannt ist und sein Versteck im Sumpfe verlassen mußte." Diese Aeußerungen des Herrn Professor v. Hauff sind deshalb besonders wertvoll, weil der Verfasser, der ursprünglich ein ausgesprochener Judenfeind war, durch die Lektüre des Buches von Müller- Claudius seine bisherige Auffassung von der Judenfrage aufgegeben hat. Erfolgreiche Aufklärung. Wir erhalten aus Königsberg den Bericht, über einen Vortrag, den ein hoher protestantischer Geistlicher dort in der Gesellschaft „Deutscher Staat" gehalten hat. Der Vortrag, der das Thema: „Heldischer Gedanke und Christentum" behandelte, enthielt nicht nur keinen Angriff gegen das Judentum, sondern sogar eine Verherrlichung des Alten Testamentes. Diese Tatsache ist deswegen bemerkenswert, weil der Vortragende in einer vor einigen Jahren abgehaltenen Aufklärungsversammlung des Centrai-Vereins in der Diskussion das Wort ergriffen hatte, um zu erklären, daß er bei Anhören des Vortrages zum ersten Mal richtig empfunden habe, wie sehr der jüdische Mensch und insbesondere das jüdische Kind unter dem Antisemitismus zu leiden habe. Er sei durch die Ausführungen sehr nachdenklich gemacht worden und werde Gelegenheit nehmen, in den ihm nahestehenden Kreisen aufklärend zu wirken. Der jüdische Richter. Das folgende Schreiben, das uns mit dem ausdrücklichen Anheimgeben, den uns geeignet scheinenden Gebrauch davon zu machen, zuging, spricht für sich selbst: 108