Central-Vereins-Dienst
- Journal
- Central-Vereins-Dienst
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- 6 (17.11.1927)
- Date
- 1927-11-17
- Page
- Seite 107 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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„Soeben lese ich Ihre Einsendung an den „Völkischen Herold" unter der Ueberschrift: Der Judenbrief von Toledo. Ich bilde mir nicht ein, durch ein paar Zeilen Ihre judenfeindliche Anschauung erschüttern zu können; denn diese liegt viel mehr auf dem Gebiet des Glaubens, als auf dem des Wissens und kann daher durch rein verstandesmäßige Darlegungen überhaupt nicht geändert werden . . . . Ich gestatte mir, Ihnen zwei Umstände vorzustellen, aus denen sich für jeden, der überhaupt historisch zu urteilen versteht, zwingend ergibt, daß der von Ihnen wiedergegebene Brief (der sog. Judenbrief von Toledo) unecht ist. 1. Ein Rabbiner des 15. Jahrhunderts, der auf seinem Brief das jüdische Monatsdatum angibt, wird niemals auf den Einfall kommen, die Jahreszahl nach der christlichen Zeitrechnung beizufügen; er hätte also statt der Jahreszahl 1489, nach jüdischer Zeitrechnung 5209 geschrieben. 2. Weder ein Jude noch sonst ein Mensch, weder im Mittelalter noch heute, kann einen Brief zwei Monate vor seiner Absendung beantworten; aus jedem jüdischen Kalender oder Religionslehrbuch können Sie aber entnehmen, daß die Reihenfolge der Monate nach dem jüdischen Kalender lautet: Nissan, Ijar, Siwan, Tamus, Ab, Elul, Tischri, Marschechwan, K i s 1 e v , Tebeth, Sehe wat, Adar. In dem von Ihnen wiedergegebenen Briefwechsel geht aber der Schewat dem Kislev voraus. Daß dieser Briefwechsel auch aus sonstigen Gründen, z. B. weil es niemals einen Fürsten der Juden von Konstantinopel gegeben hat, längst als Fälschung erwiesen ist, bemerke ich nur nebenbei. Wenn ein redlicher Mann unwillentlich eine Fälschung weiterverbreitet hat, ist es seine Ehrenpflicht, den Irrtum an gleicher Stelle richtigzustellen. Da ich trotz Ihrer Judenfeindschaft keinen Grund habe, an Ihrer Redlichkeit zu zweifeln, erwarte ich in der nächsten Nummer des „Völkischen Herold" Ihre Richtigstellung zu finden. Falls Sie sich über Ihr „Material" genauer unterrichten wollen, bin ich gern bereit, Ihnen die Schrift von B. Segel: Die Protokolle der Weisen von Zion, kritisch beleuchtet zur Verfügung zu stellen, in der eingehend und gründlich nachgewiesen ist, daß dieses ganze Buch, dem Sie den Judenbrief von Toledo entnommen haben, eine Fälschung ist. Hochachtungsvoll gez. Wilhelm Levinger." In seinem Antwortbrief vom 5. Juni 1927 fragt Graf Recke an, wo er das Buch von Segel „Die Protokolle der Weisen von Zion, kritisch beleuchtet" kaufen könne. Die Frage wird beantwortet. Am 15. Juli wendet sich Herr Justizrat Le vinger neuerdings an Graf Recke mit der Bitte um Mitteilung, wann die Richtigstellung erscheinen würde. Die Antwort lautete folgendermaßen: Kolberg, den 17. Juli 1927. „Ich ließ mir damals sofort das von Ihnen genannte Buch: „Die Protokolle der Weisen von Zion, kritisch beleuchtet" von B. Segel, kommen, fand aber noch nicht Zeit, mich mit demselben zu beschäftigen, da ich wichtigere Arbeiten zu leisten habe. Durch die inzwischen aufgerollte und jetzt erledigte Frage des „Eucken-Briefes" erschien es mir noch weniger notwendig, mich mit dieser Angelegenheit zu befassen. — Sie können ruhig damit rechnen, daß ich die von Ihnen erwartete Richtig* Stellung nicht drucken lassen werde, denn es ist für mich nicht maßgebend, daß Sie die Ausführungen Ihres Rassegenossen für einwandfrei halten. Welche Schlüsse sie daraus ziehen wollen, ist mir gleichgültig. gez. Graf Reckt." Herr Justizrat L e v i n g e r erwiderte auf diesen Brief das Folgende: „Ihr Brief vom 17. d. Mts. erinnert mich an den alten Volksspruch: „Freund, Du hast unrecht, denn Du wirst grob!" Sie selbst fühlen auch, daß Sie Unrecht haben; aus welchem Grund sonst versagen Sie mir die üblichen Höflichkeitsformeln, während Sie mich in Ihrem ersten Brief noch mit der Anrede: „Sehr geehrter Herr!" und dem Schlußwort: „ergebenst" ausgezeichnet hatten? Sie wollen unsere Erörterung auf ein ganz anderes Geleise schieben; sie drehte sich anfänglich nicht um die Echtheit der „Protokolle der Weisen von Zion" und noch weniger um den ganz nebensächlichen Eucken-Brief. Auch wenn dieser gefälscht ist, werden dadurch die „Protokolle" nicht echt. Sie drehte sich auch nicht darum, ob ich Aeußerungen eines „Rassegenossen" für einwandfrei halte; das wäre freilich für Sie nicht maßgebend. Vielmehr hatte ich Ihnen logisch zwingend nachgewiesen, daß ein im Mai geschriebener Brief nicht im Mär^ des gleichen Jahres schon beantwortet sein kann und dieser Beweisführung schienen auch' Sie, Herr Graf, sich nicht zu verschließen, daß demgemäß der von Ihnen im „Völkischen Herold" abgedruckte sogenannte Toledo-Brief nicht echt sein kann. Trotzdem scheinen Sie es für ehrenhaft zu halten, das Ihnen angesonnene Bekenntnis Ihres Irrtums und seinen öffentlichen Widerruf zu verweigern. Die Schlußfolgerung aus diesem Verhalten brauche ich nicht erst zu ziehen; sie ergibt sich von selbst. Ich könnte heute den vorletzten Absatz meines Briefes vom 3. Juni 1927 nicht mehr in unveränderlicher Fassung niederschreiben. Die Höflichkeit gebietet mir auch dieses Schreiben zu zeichnen hochachtungsvoll gez. Levinger." Im Anschluß an die Wiedergabe dieses Briefwechsels im „Völkischen Herold" führt Graf Recke dann aus, daß er die unter 1 und 2 in dem Schreiben vom 3. Juni angeführten Gründe selbstverständlich nicht widerlegen könne, es erscheine ihm aber nicht ausgeschlossen, daß in dem Briefe das Rabbi von Arnes ein Schreib- oder Druckfehler übersehen sei — es müsse wahrscheinlich 1488 heißen —, sodaß also zwischen den beiden Briefen ein Zeitunterschied von 10 Monaten liegen würde. Er fährt dann fort, daß es ferner möglich sei, daß Gottfried zur Beek die jüdische Zeitrechnung in die christliche umgestellt habe, weil das Buch für Niehtjuden geschrieben sei — jedenfalls könne er der Erwartung den „Judenbrief von Toledo" für eine Fälschung zu erklären, nicht entsprechen. Schließlich erwähnt Graf Recke dann noch Aussagen des Zionistenführers Dr. Jakob K 1 a t z - k i n, die dieser in der jüdischen Studentenverbindung „Nehardea" in Basel gemacht habe, und schließt seine Ausführungen mit folgenden Sätzen: „So steht der Jude als selbsterklärter und selbstgewollter Fremdling seines Wirtsvolkes da, feindlich allen seinen Strebungen gegenüber, und hat deshalb kein Recht, an dem politischen, geistigen und nationalen Leben seines Wirtsvolkes als Staatsbürger irgend einen Anteil zu nehmen. Ob das deutsche Volk nun endlich aufwachen wird?!" Herr Justizrat Levinger brachte den Briefwechsel mit folgendem Schreiben zum Abschluß: „. . . . Wenn Sie glauben, durch Ihre Zusatzbemerkungen die Wirkung dieser Richtigstellung abzuschwächen, so will ich Ihnen diesen Glauben nicht rauben. Nur wirft es ein bezeichnendes Licht auf die in völkischen Kreisen herrschende Auffassung 107