Central-Vereins-Dienst
- Journal
- Central-Vereins-Dienst
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- 6 (17.11.1927)
- Date
- 1927-11-17
- Page
- Seite 99 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Sehr verehrter Herr Professor! Gestatten Sie mir, daß ich auf Ihr Schreiben vom 15. Oktober nochmals eingehe und Ihnen das Folgende erwidere. Ich möchte mich strikt an Ihren Brief halten und diesen Punkt für Punkt irr* Nachfolgenden von meinem Standpunkt aus behandeln. Wenn Sie Blätter, die zur Wahrung jüdischer Interessen erscheinen, also: „Gemeindeblätter", die „C. V.-Zeitung", das Organ des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, der „Schild" usw. mit „J u d e n b 1 ä 11 e r n" bezeichnen, so ist dagegen gewiß nichts einzuwenden, wenn auch dieses Wort heute einen etwas anrüchigen Beigeschmack erhalten hat. Wenn Sie aber darüber hinaus von einer „Judenpresse" sprechen und unter diese Presse Zeitungen wie das „Berliner Tageblatt", die „Frankfurter Zeitung" usw. einreihen, so ist dazu das Folgende zu bemerken: Die Legende von der Judenpresse dürfte wohl in weite Kreise durch die Schrift von Theodor F rits ch: „Der jüdische Zeitungspolyp" gebracht worden sein. Nach dieser Broschüre sind ca. 9Qp/o der deutschen Presse verjudet und in jüdischen Händen. Nach der Ansicht des Herrn Fritsch ist das gesamte deutsche Zeitungswesen so in der Gewalt der Juden, daß kaum eine dieser Zeitungen es wagen kann, irgend etwas zu veröffentlichen, was den jüdischen Interessen zuwiderläuft. Wir haben uns seinerzeit — im Jahre 1926 — die Mühe gemacht, dieses Heft einer eingehenden Nachprüfung zu unterziehen und zwar anhand von Zahlen, die wir dem Institut für Zeitungsforschung an der Universität München entnommen haben. Diese Zahlen dürften auch heute noch richtig sein oder sich höchstens zu unseren Gunsten verschoben haben, da inzwischen der Einfluß Hugenbergs auf die deutsche Presse eher noch gewachsen ist. Nach diesen als objektiv anerkannten Feststellungen gab es damals in Deutschland im ganzen 3152 Zeitungen, von denen 330, d. h. also im ganzen etwa lOo, linksgerichtete waren. Dabei waren schon 20 Zeitungen mitgezählt, die der kommunistischen Partei gehören, die man also nach ihren antikapitalistischen Tendenzen und nach ihrer Bolschewistenfreundschaft keinesfalls den Linksparteien im eigentlichen Sinne zurechnen kann. Auch von diesen 330 Zeitungen weiß man, daß nur eine kleine Zahl jüdischen Verlegern gehört oder Juden in ihrer Redaktion beherbergt. Man kann auch selbst nach völkischem Sprachgebrauch ehrlicherweise nicht behaupten, daß durch den politischen Umsturz in Deutschland die „Judenpresse" etwa stärker geworden sei. Im Gegenteil hat sich die Richtung in einem großen Teil der deutschen Presse auffallend stark nach rechts verschoben, was folgende Zahlen belegen. Vor dem Kriege bestanden etwa 3300 rechtsgerichtete Zeitungen, denen 671 linksgerichtete gegenüberstanden. Also von diesen 671 sind über 300 in das rechte Lager hinübergegangen. Was von den Zeitungen gesagt ist, das trifft in noch stärkerem Maße auf die Nachrichten- und Korrespondenzbüros zu. Wenn wir vom Wolffschen Telegraphen-Büro absehen, das als amtliches Nachrichtenbüro parteipolitisch nicht eingestellt sein soll, so sind die großen Nachrichten- und Korrespondenzunternehmungen heute alle in Händen der Rechtsparteien, als deren Exponent auf diesem Gebiete der Geheime Finanzrat a.D. Hugenberg zu bezeichnen ist. Man kann wirklich nicht sagen, daß der Scherl-Verlag mit dem „Berliner Lokal-Anzeiger", dem „Tag" und der „Woche", die zahlreichen mitteldeutschen Zeitungen, die „Hamburger Nachrichten" und die „Augsburger Zeitung", wie der „Hannoversche Kurier" und die „Münchener Neuesten Nachrichten", die entweder im Besitze Hugenbergs sind, oder an denen er ausgiebig beteiligt ist, die Interessen der Juden irgendwie besorgen. Wer nur ein wenig mit den Verhältnissen der Provinzpresse Bescheid weiß, sieht klar, daß heute bereits 1600 Zeitungen durch Korrespondenzkonzerne und die Telegraphen- Union bedient werden, die Hugenberg nahestehen, also rechtspolitisch orientiert sind: ungefähr 57<y0. Außer der großen Telegraphen-Union bestehen dort noch elf Korrespondenz-Dienste, die telefonisch, telegraphisch und brieflich versandt werden. Um sämtliche redaktionellen Abteilungen der Zeitungen zu erfassen, ist auch ein Sportdienst eingerichtet, werden Handelsdienste ausgegeben, ein Parlamentsdienst, ein Asien-Ost-Europa-Dienst, ein deutscher Schnelldienst für Politik und Wissenschaft, ein allgemeiner Bilderdienst und als besonderer Köder für die Provinzzeitungen treten auch hier noch die Auslandsbriefe hinzu. Auch für die ganz kleinen Blätter sorgt Hugen-* bergs „W i p r o" zunächst als „Bund der Kreisblatt Verleger" bezeichnet, die den sogenannten Maternzeitungen für ein billiges Geld die notwendigen Matern, das heißt, den fertig abgesetzten und unabänderlichen Redaktionstext liefert. Daneben gehören diesem auch noch die Annoncen- Expeditionen Ala, Haasenstein & Vogler und Daube, eine Anzahl in der Inflationszeit sehr verdienstreicher Papiergroßbetriebe und Filmgesellschaften (wie die Deulig und die Ufa) und eben der erwähnte Verlag August Scherl an. Darüber, ob Schändungen an Lebenden oder Toten vom moralischen Standpunkt aus verwerflicher sind, läßt sich selbstverständlich streiten. Qualen und Martern, denen Lebende ausgesetzt sind, sind gewiß vom rein menschlichen Standpunkt aus trauriger und erschütternder. Es war jedoch von jeher eine Pflicht der anständigen Gesinnung eines jeden Volkes und zu jeder Zeit die Toten zu achten, ihre Ruhe nicht zu stören. Daß diese Ansicht auch in weit rechtsgerichteten Kreisen glücklicherweise heute noch gilt, dafür mag Ihnen ein Aufsatz aus der „Frankfurter Post" (vgl. S. 94) Beweis sein, den wir auszugsweise in der Anlage beifügen. Wenn Sie nun weiterhin schreiben, daß Antisemitismus und Philosemitismus in praxi — d. h. wenn man ihren Motiven nachgeht — recht ähnlich seien, so ist dazu das Folgende zu bemerken: Wenn jüdische Blätter sehr vorsichtig darin sind, die Mängel oder Fehler oder auch Verschuldungen ihrer Glaubensgenossen in der Oeffentlichkeit ausführlich zu behandeln, so werden sie zu dieser Haltung vor allem durch die Gegenseite gezwungen. Wer sich einmal persönlich mit dem Ethos des Judentums etwas eingehender befaßt hat, der wird feststellen müssen, daß das Gerechtigkeitsgefühl gerade im Judentum besonders ausgeprägt ist. Er wird gerade in der Bibel — ich denke dabei an die Propheten — Stellen finden, in denen mit rücksichtsloser Offenheit die Fehler des Judentums aufgedeckt werden. In der Gegenwart ist es aber leider so, daß gerade die Eingeständnisse irgendeiner Schuld von jüdischer Seite stets dazu geführt haben, daß sie von antisemitischer Seite in unerhörter Weise ausgeschlachtet wurden. Wenn irgend ein Jude oder ein Renegat — ein ganz unbedeutender Mensch vielleicht — an irgend einer Stelle einmal eine unvorsichtige Aeußerung getan hat, so wird uns diese durch Jahre und Jahrzehnte stets als Spiegelbild vorgehalten, wobei es sich doch lediglich nur um eine singuläre Erscheinung gehandelt hat. Das ist es ja gerade, daß die Antisemiten das, was wir selbst zugeben, immer wieder vorbringen, daß sie aber niemals ihren Irrtum eingestehen wollen. Daher, ich wiederhole, mag es kommen, daß die jüdische Presse in dem Eingeständnis irgendeiner Verfehlung außerordentlich vorsichtig geworden ist. Das entspringt dem Triebe der Selbsterhaltung. In vollem Umfange trifft das yy