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Central-Vereins-Dienst · 1927-11-17 · 6 (17.11.1927) · p. Seite 98

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Vereins-Dienst
Volume
4 (1927)
Issue
6 (17.11.1927)
Date
1927-11-17
Page
Seite 98 (sequence 10)
Language
German
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„Eine lehrreiche Hundetragödie". Die „Deutsche Handelswacht" brachte in ihrer Nummer vom 21. September einen Artikel „Eine lehrreiche Hundetragödie", die im „Montag Morgen" gestanden haben sollte und die sich in höhnischer Weise über den totgefahrenen Hund einer Berliner Jüdin lustig machte. In ihrer Nummer vom 24. Oktober mußte dann die Redaktion unter der Rubrik „Briefkasten" berichtigend mitteilen, daß die „Lehrreiche Hundetragödie" nicht im „Montag Morgen", sondern in dem völkischen Montagsblatt „Angriff" gestanden habe. In der gleichen Berichtigung wurde mitgeteilt, daß der „Angriff" die Notiz als reines Phantasieprodukt zur „scherzhaften Verhöhnung der Schreibweise jüdischer Journalisten" erklärt habe. Die Schriftleitung der Deutschen Handelswacht fügt zwar hinzu, daß sie bei allem Sinn für Humor und Satire derartige „scherzhafte Verhöhnungen" nicht für ein erlaubtes Kampfmittel halte, gibt aber trotzdem dadurch, daß sie die Notiz selbst in großer Aufmachung und die Berichtigung klein gedruckt im „Briefkasten" bringt, zu erkennen, wo ihre wahren Sympathien sind. Kapitänleutnant von Muecke. Es ist uns wiederholt gemeldet worden, daß Kapitänleutnant von Muecke in seine Vorträge j u d e n - feindliche Bemerkungen einflicht. Vor einem Besuch dieser Vorträge muß also gewarnt werden. Wirtschaftspolitisches. „Die jüdische Presse." Aus Anlaß der Versendung des Aufrufs von Wilhelm Michel „Kampf gegen Gräber" ist Herrn Prof. Goldstein-Darmstadt u. a. der Brief eines Universitätsprofessors zugegangen, der zu einem längeren Briefwechsel Anlaß gegeben hat. Obgleich er teilweise in C. V.-Z. und C. V.-D. bereits behandelte Stoffe berührt, geben wir ihn ausführlich wieder, da er in der Art der Fragestellung besonders typisch, und in der Art der Fragebeantwortung besonders instruktiv ist. Sehr geehrter Herr Professor! In Ihrer Danksagung für die Zusendung des Aufrufes von Wilhelm Michel „Kampf gegen Gräber" fügen Sie einige Zeilen der Anerkennung bei, die ich nicht ganz unwidersprochen lassen möchte. Sie wissen, daß, trotzdem nunmehr fast die gesamte deutsche Presse sich gegen die Schandtaten der Friedhofsschändungen gewendet hat, inzwischen abermals in Köln und in Essen sich solche Vorfälle in bisher noch nicht da gewesenem Ausmaße ereignet haben. Ich bin daher der Ansicht, daß man derartige Auswüchse im öffentlichen Leben Deutschlands, selbst wenn man sie als „Mode" bezeichnet, mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, bekämpfen muß, denn sie kränken ja nicht nur uns deutsche Juden, sondern schädigen darüber hinaus auch das Ansehen Deutschlands. Wie weit die Verhetzung bereits gediehen ist, wird blitzartig dadurch erleuchtet, daß inzwischen auch der christliche Friedhof in B e 1 g a r d in Pommern von unbekannten Tätern zerstört worden ist, daß außerdem erst am vergangenen Sonntag in Leobschütz Kinder von 11 bis 12 Jahren die dortige Synagoge besudelt und Kultgegenstände in ihr zerstört haben. Wenn Sie nun weiter schreiben, daß sich die sogenannte „Judenpresse" — ich unterlasse es absichtlich, in eine Polemik über dieses Wort einzutreten — gegen die Schandtaten in Mexiko nicht gewendet habe, so trifft das zum mindesten auf die tatsächlich jüdischen Zeitschriften nicht zu. Ich erlaube mir nur, als Beispiel (ich könnte sie vermehren) die Nr. 29 der „C. V.-Zeitung" beizufügen und Sie dort auf den Aufsatz „Der Präsident von Mexiko" zu verweisen. Ferner liegt diesem Brief die C. V.-Zeitung Nr. 34 bei, in der gegen die Ausschreitungen in Belgard scharf Stellung genommen wird. In vorzüglicher Hochachtung gez. Prof. Goldstein. * Hochgeehrter Herr Professor Goldstein! Ich danke Ihnen verbindlichst für Ihre Zeilen und die gütige Zusendung der C. V.-Blätter, die ich in meinem Wartezimmer (neben dem Abwehrblatt) lange aufliegen hatte, bis ich das wegen ihrer Einseitigkeit unterlassen mußte. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß ich den Ausdruck „Judenblätter" nicht im Tone der antisemitischen Presse angewendet habe. Letztere ist mir schon wegen ihrer Dummheit ein Greuel. An der Tatsache, daß wir eine Judenpresse haben, ist doch nichts zu ändern! Und zwar ist diese zweierlei Art. Wir haben 1. Blätter, welche von Juden zur Wahrung jüdischer Interessen herausgegeben werden, 2. Blätter, die ohne solches Programm in Judenhänden sind, (z. B. Berliner Tageblatt, Frankfurter Zeitung, Neue Freie Presse usw.) Ein politisches oder ein Werturteil ist damit nicht gefällt. Was den Hauptpunkt unserer Differenz betrifft, bin ich leider hartnäckig. Die Friedhofsschändungen sind entsetzliche Roheiten. Immerhin sind Untaten an Toten m. E. nicht so bedeutungsvoll, wie solche an Lebenden, seien es nun Juden oder Nichtjuden (Pogrome, Sowjetschandtaten, mexikanische Greuel). Was ich an der jüdischen Presse beider Art tadele, ist — die eine C. V.-Zeitung-Schwalbe dürfte doch keinen Sommer machen — daß wohl Kränkungen der Juden gebracht werden, Verfehlungen dagegen, die von allerdings nicht religiös, sondern nur rassenmäßig dem Judentum zugehörigen Kreisen verübt werden, recht wenig berücksichtigt, ja noch beschönigt werden und daß man über berechtigte Klagen betr. Vordringen jüdischen Einflusses und Kapitals meist stillschweigend hinweggeht. Ich finde Antisemitismus und Philo-Semitismus in Praxi sehr ähnlich. Wie die Antisemiten es in Sperrdruck bringen, wenn irgend ein galizischer Mädchenhändler ein paar Huren für ein Bordell aufkauft (Mädchenhandel!!), so schreit nach einem bekannten Witzwort Rothschild in Paris auf, wenn man in Moskau einem Juden auf die Hühneraugen tritt, d. h. getreten hat. Nur dank diesem Vertuschungssystem ist es möglich, daß Hanswürste wie Hitler und Ludendorff eine Rolle spielen können, die traurig und gefährlich ist. Ich wünsche Ihrem Kampf gegen diese Leute vollen Erfolg. Aber glauben Sie: Dieser wird erst kommen, wenn man ihm auch jeden berechtigten Grund nimmt. Gerade wie es keine Sozialdemokratie gäbe, wenn alle Unternehmer und der Staat rechtzeitig ihre soziale Pflicht erfüllt hätten. Ob aber diese sozialen Zukunftsträume sich je erfüllen werden, ist ja leider recht fraglich und für uns objektive und haßfreie Menschen und Vaterlandsfreunde sieht die Zukunft sehr trübe aus. Der Sozialismus ist nun einmal die auf falsches Gleis verschobene Reaaktion der Unzufriedenen und der Antisemitismus ist der Sozialismus der Dummen. — Entschuldigen Sie zuletzt die späte Antwort. Ich war in Urlaub. In vorzüglicher Hochachtung gez. Unterschrift. 98

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