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Central-Vereins-Dienst · 1927-11-17 · 6 (17.11.1927) · p. Seite 91

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Journal
Central-Vereins-Dienst
Volume
4 (1927)
Issue
6 (17.11.1927)
Date
1927-11-17
Page
Seite 91 (sequence 3)
Language
German
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faltige Anforderungen gestellt wurden, wie an die Juden. Trotzdem glaubt Belloc, daß 2000 Jahre dieses so schwierigen Anpassungsprozesses nicht an eine europäische Umgebung, sondern an die zahlreichen beständig wechselnden europäischen Umgebungen ohne Spur an den Juden vorübergegangen sind. Die angeblich bestehende Aehnlichkeit eines Juden mit dem anderen und von ihnen allen m i t ihren palästinensischen Vorfahren ist ein Hirngespinst Bellocs. Russische, deutsche, französische und englische Juden sind untereinander genau so verschieden, wie Russen, Deutsche, Franzosen und Engländer dies sind. Belloc erkennt zwar den Juden die Fähigkeit zu, sich äußerlich der Art und dem Ton der sie umgebenden Gesellschaft anzupassen, aber er behauptet, daß man stets den alten Juden wieder finden wird, der geistig vollkommen identisch mit seinem Glaubensgenossen in den verschiedenen Ländern ist. Belloc könnte diese Behauptung niemals aufstellen, wenn er die starken Antipathien kennen würde, die Juden verschiedener Nationen gegen Juden anderer Länder hegen. Es gibt viele amerikanische und englische Juden, die für deutsche und russische Juden genau das empfinden, was ein Amerikaner oder Engländer für Deutsche oder Russen empfindet. Sie betrachten sie als Fremde und sprechen auch als solche von ihnen. V. Belloc bezeichnet jeden, der es wagen sollte, die von ihm aufgestellten Behauptungen anzuzweifeln und die daraus gezogenen Schlüsse zu verwerfen, als Lügner, der mit Blindheit geschlagen ist. Die Geistesverfassung, die ihn berechtigt zu sagen, daß alle, die ihm nicht zustimmen, Lügner sind, mag beneidenswert sein, aber sie macht eine anständige und vernünftige Diskussion unmöglich. Die Analyse des jüdischen Problems, die Belloc vornimmt, stellt keine offensichtliche Beleidigung des jüdischen Staatsbürgers der westlichen Länder dar. Aber kein Mensch, der seine gefährliche, anmaßende, entschiedene und radikale Gesinnung kennt, kann auch nur einen Augenblick daran zweifeln, daß er schwere Beleidigungen beabsichtigt hat. Die Schlußfolgerung ist und soll sein, daß jede Treueerklärung, jeder Lehenseid, den ein französischer, britischer, amerikanischer oder sonst in einem westlichen Lande lebender Jude geleistet hat, eine a b - sichtliche und bewußte Lüge war. VI. Belloc stellt fest, daß der Krieg etwas ist, womit die Juden nichts zu tun haben, daß ihre prominentesten Finanzvertreter im Gegenteil alles getan hätten, was sie konnten, um ihn zu verhindern. Dies ist ein wichtiges Zugeständnis. Selbst wenn wir zugeben, daß die phantastische Annahme, die Juden seien eine Nation und jeder Jude sei nur seiner jüdischen Nation treu, richtig ist, so würde es doch ein Trugschluß sein, zu folgern, daß die Juden dem Kriegsausgang gleichgültig gegenüberstanden. Betont nicht Belloc, daß die Juden den Krieg zu verhindern suchten, es aber nicht konnten und daß sie durch Abschluß des Versailler Vertrages in der Lage wären, willkürliche Kontrollen auf die alliierten Politiker auszuüben, die nur als ihre bestochenen Werkzeuge tätig sind? Wir können, wenn wir von Bellocs Voraussetzungen ausgehen, nur zu dem Schluß kommen, daß anstatt an dem Ausgang des Krieges gleichgültig zu sein, seine jüdische Nation die stärksten politischen Gründe gehabt haben müßte, einen Sieg der Alliierten zu wünschen. Er würde natürlich auch sagen, daß gerade die britischen Juden kein Interesse an dem Schicksal Großbritanniens hätten, ebenso wären die deutschen und österreichischen Juden abgestumpft gegen das Schicksal ihrer Länder. Dies ist zwar nicht offen bestätigt. Aber es ist schwer zu sagen, wie Belloc es hätte vermeiden können, das eine ohne das andere zu behaupten. Denn nach seiner Ansicht gehört die Treue des Juden einzig und allein seiner eigenen Nation. Es ist eine von Bellocs Thesen, daß man nicht Patriot und gleichzeitig international sein kann. Seine Erklärung, daß eine Kombination von Patriotismus und Internationalismus „eine große moderne Lüge" ist, ist eine der höflichen Bemerkungen, die er in regelmäßig wiederkehrenden Abständen einfließen läßt, um sein wackliges Gebäude zu stützen. VII. Das Prinzip, daß Patriotismus u n d Internationalismus einander ausschließen, ist die Kardinalhetzerei des Chauvinismus. Von ihr ist die abscheuliche Doktrin abgeleitet: „My country — right or wrong". Es ist klar, daß man nicht zu gleicher Zeit Patriot und Antinationalist sein kann. Wenn die Antinationalisten ihre Doktrin fälschlich als Internationalismus bezeichnen, dann kann Unkundigen kein Vorwurf gemacht werden, wenn sie glauben, daß Internationalismus Patriotismus ausschließt. Der bekannte Vertreter des Antinationalismus, H. G. Wells schlägt in seinen Plänen zu einer Weltorganisation absichtlich die Verwischung der psychischen und physischen Grenzen zwischen den Nationen vor, in der Absicht, alle Rassen und Völker zu einer homogenen, vollkommen gleichen Menschenmenge zu verschmelzen und diese Menschenmasse einer Weltrcgierung zu unterwerfen, die, wie'er ausdrücklich sagt, nicht „nach internationalem Recht, sondern nach Weltrecht" zu regieren ist. So lange diese Pläne Wells fälschlicherweise den Namen „Internationalismus" tragen, ist dies eine Entschuldigung für den Fehler, den Belloc macht. Internationalismus ist genau das Gegenteil von dem, was Wells sagt. Man kann der Welt als Verbesserungsplan der menschlichen Beziehungen nicht ein Pogramm anbieten, dessen erstes Erfordernis darin besteht, daß alle Menschen in den staatlichen Bildungsstätten und Schulen nach Piatos Staatsideal geformt werden. Bellocs Vorstellung von der Unvereinbarkeit von Patriotismus und Internationalismus ist unrichtig. Das richtige System wird das sein, in dem die verschiedene Individualität und Persönlichkeit jeder Nation nicht nur vollständig erhalten bleibt, sondern noch gesteigert und verstärkt wird; aber sie wird ihre Vervollkommnung nicht „auf Kosten der anderen", sondern durch Steigerung des Wohls aller anderen finden. Dies ist der vornehme Grundsatz des Internationalismus, den Mazzini aufstellt. 0!

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