Central-Vereins-Dienst
- Journal
- Central-Vereins-Dienst
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- 5 (20.8.1927)
- Date
- 1927-08-20
- Page
- Seite 81 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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ihnen der „Hammer" und ähnliche Schundblätter auftischen wollen, nicht so leicht glauben. Ein wichtiges Kapitel, das vielleicht noch nicht genügend bedacht worden ist, ist die Art, wie die Frau ihre Einkäufe erledigt, wenn sie trotz Wählen und Ueberlegen die Verkäuferin nicht unnötig hetzt und schikaniert, so wird sie sich auch im Geschäftsleben als Jüdin beliebt machen. Es würde zu weit führen, hier alle Möglichkeiten aufzuführen. Wenn die jüdische Frau sich erst klar wird, daß sie jede ihrer Handlungen nicht nur vor sich selbst, sondern vor allen Juden zu verantworten hat, — wenn sie sich bewußt wird, daß der Fehler, den sie begeht, allen Juden zur Last gelegt wird, dann haben wir schon viel gewonnen. Es darf auch nicht sein, daß eine Frau, wenn sie von einer antisemitischen Beleidigung hört, verständnislos die Achsel zuckt und sagt: „Mir ist noch nie etwas antisemitisches passiert". — Ja, hat denn diese Frau so wenig Gemeinschaftsgefühl, daß sie den Schlag, den eine andere versetzt bekommt, nicht am eigenen Leibe spürt? Muß es erst das Kind dieser Frau sein, das blaß und gedrückt aus der Schule heimkehrt und erzählt, daß es dort gequält und gehetzt wird? Die Mutter, die ängstlich ihr Kind vor Gefahr und Krankheit schützen will, — weiß sie nicht, daß es mindestens so wichtig ist, die Seele ihres Kindes zu schützen? Müßte nicht die Liebe zum Deutsch¬ und Judentum panzergleich die Seele des Kindes vor Rohheiten schützen? Die Frau, die weiß was auf dem Spiele steht, wird beizeiten mit ihrem Kinde sprechen, sie wird dem Kinde außer einem kräftigen „Wehre Dich" auch noch so viele ethische Werte mit auf den Weg geben, daß das Kind stolz ist auf seine Religion und seine Kultur und sich als vollgültiger Deutscher fühlt; könnten wir dem C. V. besseres bringen als solche Kinder? Aus dem Gefühl heraus, den Frauen auf den richtigen Weg zu helfen, haben wir in Königsberg eine Frauengruppe gegründet. Wir sagten uns: Die Frauen müssen aufgerüttelt werden, sie müssen vom Antisemitismus wissen, und sie müssen von jüdischen Dingen wissen; hier gilt an erster Stelle das Wort: Wissen ist Macht, denn nur, wenn die Frau vom Jüdischen etwas weiß, vom Talmud, Schulchan Aruch, von jüdischen Festen und Speisegesetzen, kann sie sich verteidigen, kann falsche Behauptungen widerlegen und kann, wenn sie geschult genug ist, auch einmal in einer gegnerischen Versammlung das Wort ergreifen, um sich auch da ihr Recht zu verschaffen. Nur, wenn die Frau von diesen Dingen etwas gelernt hat, kann sie ihrem Heim ein Gepräge geben, das den C. V.-Gedanken verkörpert. Unsere Frauengruppe wurde vor ca. 4 Jahren gegründet und zählt heute 180 Mitglieder; von Statuten haben wir abgesehen, da wir uns als eine Filiale des C. V. betrachten. Ein Arbeitsausschuß, 7 Frauen und 2 junge Mädchen leistet die laufende Arbeit. Jedes Jahr im August, spätestens Anfang September, legen wir genau auf den Tag unser Winterprogramm fest, das in der Hauptsache aus Vorträgen besteht, die wir von berufener Seite einmal monatlich halten lassen. Um auch in unserer Gruppe Deutschtum und Judentum zu vereinen, suchen wir unser Programm so zusammenzustellen, daß abwechselnd einmal deutsche, einmal jüdische Interessen behandelt werden. — Im Dezember gibt es einen gemütlichen Chanukka-Kaffee, an dem sich unsere Mitglieder tüchtig ausplaudern können; für eine Ueberraschung, Gesang, Rezitationen, Kindertänze, ist stets gesorgt, — so gehen unsere Damen von dieser Veranstaltung besonders befriedigt nach Haus. Ich möchte Ihnen das Programm eines Winters verlesen: 1. Talmud und Schulchan Aruch. 2. Judentum, Christentum und Islam. 3. Aufgaben der modernen jüdischen Frau. 4. Politik und Moral. 5. Jüdische Sitten und Gebräuche. 6. Autorität und Freiheit in der Erziehung. 7. Wie die Tageszeitung entsteht (mit Führung durch die Werkräume der „Hartungschen Zeitung".) 8. Die Gestalt der Königin Esther in Bibel und Drama. Wir bekommen vierteljährlich einen Durchschnittsbeitrag von 2 Mk., davon bezahlen wir die Honorare für die Referenten, Drucksachen und Porti, außerdem geben wir eine, bescheidene Summe an den C. V., für die unsere Mitglieder die C. V.¬ Zeitung erhalten. Von dem Wunsch geleitet, uns allein weiterzubilden, kommt der Arbeitsausschuß monatlich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen, eine der Damen referiert über eine einschlägige Broschüre und es gelingt immer, eine Diskussion herbeizuführen. Ich sagte schon vorhin, daß zwei junge Mädchen bei uns mitarbeiten, wir brauchen ihre Hilfe, um eine Brücke zur Jugend zu schlagen; immer wieder versuchen wir, an die Jugend heranzukommen, in dem Bestreben, dem C. V. einen Nachwuchs zu schaffen. Im letzten Winter haben wir sogar eine große Jugendversammlung aufgezogen, die allerdings nicht unter unserer Flagge segelte. Unter unserer Leitung wurde ein Comite von jungen Mädchen und jungen Leuten gebildet, das mit der Devise: „nicht über 30 Jahr" die Einladungen verschickte; das Thema lautete: „Der Weg der jüdischen Jugend unserer Zeit". Der Redner und der Versammlungsleiter waren auch Jugendliche und so konnte sich die Jugend einmal frei aussprechen. Wir wissen aber, daß mit einem Mal nichts getan ist, sondern daß wir ständig um die C. V. - Jugend werben müssen. Die Jugendbewegung steht immer wieder auf unserer Tagesordnung und macht uns noch viel Sorge und Kopfzerbrechen. Wir haben auch versucht, die Jugend zu kleineren Arbeitsgemeinschaften heranzuziehen. Wir haben sie eingeladen, einen Kreis von 12—14 jungen Menschen bekamen wir zusammen; ein Buch nach Wunsch wurde gelesen — und trotzdem bröckelte bei jedem Sonnabend etwas ab; wir mußten schließlich diesen Versuch als gescheitert aufgeben. — Wir sind aber nicht mutlos geworden und werden immer und immer wieder versuchen; wir sind uns 81