Central-Vereins-Dienst
- Journal
- Central-Vereins-Dienst
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- 5 (20.8.1927)
- Date
- 1927-08-20
- Page
- Seite 79 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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die Spur eines Rechtes und einer inneren Logik vorhanden ist. Naumann unterscheidet drei Gruppen jüdischer Bevölkerung: Zionisten, Nationaldeutsche und — Zwischenschichtler. Was die Zionisten sind, wissen wir: es ist die völkische Gruppe innerhalb des Judentums, die die Juden wieder in ihr „Heimatland" zurückführen will. Die nationaldeutschen Juden sind solche, die sich vollkommen als Deutsche fühlen, immer nur deutsch und wieder deutsch, 100 prozentige Deutsche, wie die Alemannen und Franken, Schwaben und Sachsen usw. Dies Nationaldeutsche ist Gefühlssache; wie die Magnetnadel zum Norden, so schlägt dies Gefühl unbeweglich und unbeirrbar zum Deutschtum aus. Ein Beispiel. Der Ostjude ist für den nationaldeutschen Juden kein Bundesbruder; er tritt nicht für jenen ein, der Deutsche steht ihm näher. Dies Paradigma ist kennzeichnend für den Geist der Naumann'schen Haltung und Phraseologie. Es ist ein durchaus undeutscher Geist, und noch mehr: es ist ein inhumaner Geist, es ist chauvinistischer Geist, es ist der Geist einer prätentiös aufgemachten Unkultur. Die wirklichen deutschen Christen sind seinerzeit für ihre armenischen Glaubensbrüder eingetreten, obwohl die hohe Politik nichts davon wissen wollte. Ein deutscher Jude, der die Ostjuden — denn sind es vielleicht nicht Glaubensgenossen, so sind es doch Juden — mit einer chauvinistischen Geste von sich weist — die Deutschen stehen uns näher — der mag wohl ein tüchtiger National-Deutscher sein, aber ein Bekenner des großen allgemeinen Glaubensguts edler und reiner Menschlichkeit ist er nicht. Wenn Herr Naumann glaubt, sich mit dieser chauvinistischen Visitenkarte im deutschen Volk als tadelloser Nationaldeutscher einzuführen, irrt er sich. „Es liebt der Bruder seinen Bruder, und w o e r kann, da hilft er gern." Das hat uns Beethoven in seinem Fidelio in einer einschmeichelnden Melodie als Vermächtnis edelsten Kosmopolitentums, das mit nationaler Gesinnung nicht in Widerspruch steht, hinterlassen. Das darf man im Jahre von Beethovens Säkularfeier feststellen..... Nun kommt der große logische Sprung: der Metaphysiker Naumann wird zum Dogmatiker eines plump-groben Realismus. Den „Zwischenschichtlern" — das ist die große Mehrheit der deutschen Juden — spricht er diesen untrüglichen Kompaß des Deutschgefühls ab. Woher weiß er das? Hat er den 200 000 erwachsenen Juden und Jüdinnen so unters Brusttuch gesehen, daß er ihre nationalen Gefühle so dogmatisch negativ valorisiert? Ist es nicht vielmehr richtig, daß er nur einige hundert kennt, auf die vielleicht seine Stigmatisierung paßt? Ich und viele andere deutsche Volksgenossen kennen jeder hunderte von Juden, die sich an Deutsch-Gefühl von keinem anderen übertreffen lassen. Woher nimmt, so muß man wirklich fragen, Herr Naumann die Dreistigkeit, 95 Prozent der deutschen Juden als „Zwischenschichtler" zu charakterisieren, denen jede im Gefühl verankerte rein deutsche Gesinnung abzusprechen sei? Das ist doch eine Brunnenvergiftung, wie sie schlimmer nicht geübt werden kann .... Auch bei vorurteilsfreiester und nüchternster Prüfung seiner Schriften kommt man über die Tatsache nicht hinaus, daß hier ein dichterisch veranlagter Mann spricht, der etwas Großes und Besonderes will, aber nichts anderes erreicht, als daß er sich in die Nebenhöhle einer schwungstarken Phraseologie verirrt hat, der auch das be« scheidenste Maß politischer und sozial-anthropologischer Einfühlung fehlt. Herr Naumann ist ein begabter Mann; aber er irrt und er irrt bedenklich, weil sein Irrtum eine Waffe wird, die sich mit der Zeit gegen ihn selbst und das von ihm vertretene Judentum richten muß." Warburg und der Keren^Hajessod. Anläßlich des 60. Geburtstages des Herrn Max Warburg veröffentlichte die „Jüdische Telegraphen- Agentur" ITA in ihrer Nummer 126 vom 3. Juni eine Nachricht, in deren Schluß-Passus sich die Mitteilung befand, daß Warburg Mitglied des Keren-Hajess o d ist. Auf Grund zuverlässiger Information dementierten wir diese Notiz in der C. V.-Zeitung Nr. 24 vom 17. Juni. Darauf entgegnete die „Jüdische Rundschau" in ihrer Nummer 49 vom 21. Juni, unsere Angaben seien falsch und die Angaben der „ITA" richtig. Aus durchaus zuverlässiger Quelle erfahren wir dazu, daß die Angaben der „Jüdischen Rundschau" sich nicht bestätigen. Richtig ist vielmehr, daß die Firma Warburg & Co. vor Jahren einen Beitrag für den Keren- Hajessod gezeichnet hat; Max Warburg selbst hat es immer abgelehnt, dem Keren-Hajessod beizutreten. / Jüdisch»Wissenschaftliches Institut. Wir teilen auf Anfrage Folgendes mit: Das Jüdische Wissenschaftliche Institut wurde vor etwa zwei Jahren in Berlin als Forschungsinstitut für jiddische Kultur, Sprache und Geschichte be^ gründet. Es hat Zweiganstalten in verschiedenen Ländern Europas und in Amerika und zerfällt in einige Forschungsgruppen. Nominell steht in Berlin an der Spitze Professor S. D u b n o w. Die tätigen Berliner Mitglieder sind Dr. E. Tscherikower, Dr. J. Lestschinsky und Herr J. Koralnik. Der Initiator ist Herr N. Stif (Baal Dimjon), der früher als Emigrant in Berlin lebte, jetzt die jiddische Abteilung der Kiewer Wissenschaftlichen Akademie leitet. Es handelt sich um eine Gruppe „Jiddischisten", die in einem gewissen Gegensatz zum Hebraismus stehen. Von dieser Tendenz ist aber der Historiker Dubnow auszunehmen. Zur Klarheit ist noch festzustellen, daß diese Gruppe keinerlei Kontakt zu den russisch-jüdischen Kommunisten, die gleichfalls eine „Jiddischisierung" anstreben, unterhält. Das Institut hat bereits einige Hefte mit Forschungsergebnissen historischer und ethnographischer Natur veröffentlicht. Kahle, „Zu Talmud, Maimonides und Schulchan Aruch'*. Aus Anlaß des Prozesses, den Dr. Holländer gegen Fritsch wegen dessen Auslobung anstrengte und der mit der Verurteilung Friischs endete (vergl. C. V.¬ Zeitung 1925 Nr. 19) erstattete Prof. O. K a h 1 e ein Gutachten, das unter dem Titel Zu Talmud, Maimonides und Schulchan Aruch" in einer beschränkten Anzahl gedruckt wurde. Dieser Abdruck, der als Material für unsere Mitarbeiter gedacht ist, wurde u. a. auch den in Betracht kommenden Universitätsinstituten, den Büchereien der Oberlandesgerichte, Rabbiner usw. zur Verfügung gestellt. Die Herausgabe des Gutachtens wurde überall lebhaft begrüßt. Die zur Verfügung stehende Anzahl von Exemplaren ist bereits vollständig verteilt. An eine Neuauflage ist nicht gedacht, da die Stellen, die dafür in Frage kommen, sämtlich beliefert sind. Nur wenn sich eine dringende wissenschaftliche und politische Notwendigkeit ergeben sollte, würde die Herstellung einer Neuauflage erwogen werden. 79