Central-Vereins-Dienst
- Journal
- Central-Vereins-Dienst
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- 5 (20.8.1927)
- Date
- 1927-08-20
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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IV. Straßer sagte: „16 000 000 000,—Goldmark sind in einem Jahr an der Börse verdient worden. Nur 10 oder 20<>/o Steuer von diesem arbeitslosen Gewinn; mit diesen 3,2 Milliarden Wohnungen gebaut, damit löse ich das Problem der Erwerbslosigkeit." Diese Behauptungen sind wohl am schwersten zu widerlegen, obwohl ohne weiteres behauptet werden kann, daß sie in der Form, in der sie Herr Straßer vorbringt und wie sie bei seinem Vortrag auf das naive Publikum wirken müssen, völlig unrichtig sind. Unser Gewährsmann kann uns lediglich Auskunft über die Verdienste geben, die an der berliner Börse gemacht wurden und stützt sich dabei auf den von der „Frankfurter Zeitung" in Heft 1 des Jahrganges 1927 der „Wirtschaftskurve" aufgestellten Index, der allgemein in der deutschen Wirtschaft den Berechnungen zugrundegelegt wird. Nimmt man unter Zugrundelegung dieses Index den 2. Januar 1926 als Stichtag, dann sieht man, daß im Verlaufe eines Jahres tatsächlich eine Verdoppelung des Berliner Börsenkapitals statttgefunden hat. Das würde also bedeuten, daß tatsächlich ungefähr 10 Milliarden an der Berliner Börse „verdient" worden sind. Bei dieser Behauptung bleibt vollkommen unberücksichtigt, daß das, was angeblich im Jahre 1926 verdient worden ist, durch den enormen Rückgang der Kurse im Jahre 1925 vorher verloren worden war, sodaß man sagen kann, daß Ende 1926 die Kurse das gleiche Niveau wie Anfang 1925 hatten. Lediglich in den letzten Wochen, also seit Beginn des Jahres 1927, hat bei einigen Aktien eine Kurssteigerung über das Niveau vom Februar 1925 stattgefunden. An der Börse entsteht, volkswirtschaftlich betrachtet, überhaupt kein neues Geld. Es handelt sich hier um Besitzübertragungen von Person auf Person oder von Spekulant auf Spekulant. Mit Geld, das durch die Höherbewertung ein und derselben Aktien, d. h. ein und desselben Sachwertes, verdient wird, kann man keine neuen Häuser bauen und auch Arbeitslosen keine Unterstützung! zahlen. Man könnte zwar 10 oder 20°/o, wie es Straßer vorschlägt, dem Reich als Steuer zuführen; dann handelt es sich aber um eine T e i 1 s o z i a 1 i - sierung, wie man sie bei jeder Besitzvergütung auf dem Papier durchführen kann. Dabei muß natürlich immer beachtet werden, daß es sich hier um fiktive Werte handelt. Deswegen schreibt ja auch die Goldbilanz ausdrücklich vor, daß Wertpapiere in die Bilanz nur zum Einstandspreis ohne Kurssteigerung eingesetzt werden sollen. Mit dieser Vorschrift hat der Gesetzgeber bereits ausgedrückt, daß es sich bei der Steigerung nur um fiktive Werte handelt. Denn wenn die Aktienbesitzer ihren Gewinn auf einmal realisieren wollten, würden diese Verkäufe naturgemäß einen Kurssturz herbeiführen, sodaß der Gewinn zum größten Teil wieder verloren ginge. Damit ist aber ausgedrückt, daß eben durch dieses Kapital, das der Wirtschaft in Form von Aktien zugeführt wird, die Wirtschaft selbst überhaupt nur in Gang gehalten werden kann. Tatsächlich erfaßt die Kapitalertragssteuer in Deutschland nur die Dividenden und nicht den sogenannten „arbeitslosen" Gewinn, also nicht die Kurssteigerung. Wenn es praktisch einen Weg gäbe, eine solche Steuer durchzuführen, dann wäre es sicher schon längst geschehen. V. Straßer sagte: „Ein Zeitungsmann hat den Vorsitzenden der amerikanischen Bankiervereinigung Mac Garrah gefragt, ob er glaube, daß Deutschland den Londoner Pakt erfüllen könne. „Natürlich", habe dieser geantwortet, „nur wird es notwendig sein daß die deutsche Frau ihr Pferd verkauft und sich selbst vor den Pflug spannt, daß der deutsche Mann 14—16 Stunden arbeitet; dann kann Deutschland leicht bezahlen." Diese Aeußerung soll Mac Garrah vor ungefähr IV2 Jahren getan haben. Da Mac Garrah tatsächlich Mitglied des Generalrates der deutschen Reichsbank ist, wurde seine damalige Rede sehr stark beachtet. Die Hugenberg-Presse hat seinen Vortrag ausgebeutet und stützte sich dabei auf die erste Wolffsche Telegraphenmeldung, die ungefähr das enthielt, was Straßer zitiert hat. Aber der Wolffsche Bericht war sehr mangelhaft und was Mac Garrah tatsächlich gesagt hat, wurde in der „Vossischen Zeitung" Nr. 28 vom 17.1.26 festgestellt. Es heißt da: „Die Rechtsblätter schrieben: „Deutschland wird die ihm auf Grund des Dawes- Planes obliegenden Verpflichtungen erfüllen, wenn es kann, und ist in dieser Hinsicht von Hoffnung erfüllt. Wenn die Deutschen willens sind, täglich; 10 bis 14 Stunden zu arbeiten, ohne sich vor irgend einer Arbeit zu scheuen, wenn die deutsche Frau als Pferd den beladenen Arbeitskarren ziehen hilft, wenn der deutsche Knabe nach der Anleitung seines Vaters den Garten bearbeitet, dann kann der Erfolg und die Ernte nicht ausbleiben." Die „Voss" stellt dagegen folgenden Wortlau fest: „Wir sehen, wie das deutsche Volk, nachdem der Mechanismus des Dawes-Planes geschaffen ist, aus dem Bankrott auftaucht. Seine Kolonien sind dahin; der Umfang seines früheren großen Absatzmarktes in Rußland ist jetzt praktisch bedeutungslos; sein privates Kapital ist begrenzt und das Aüslandskapital natürlicherweise zurückhaltend; das Land ist übervölkert; die Löhne sind niedrig und die Kosten des Lebens hoch, und die deutschen Grenzen sind von Zollschranken umgeben, die vor dem Kriege nicht bestanden haben — das sind die Bedingungen, unter denen Deutschland sich gezwungen sieht, Aufbauarbeit zu leisten und mit den Zahlungen zu beginnen. Sie interessieren sich für die Frage der Reparationszahlungen. „Kann und wird das deutsche Volk zahlen?" Ich zögere nicht, zu antworten: ,,Es wird zahlen, wenn es kann!" Und außerdem: „Das deutsche Volk wird unzweifelhaft zu seiner Zeit zahlen können!" Man kann nicht verfehlen, von Zeit zu Zeit den bemerkenswerten Wechsel festzustellen, der im Geiste des deutschen Volkes eingetreten ist. 71