Central-Vereins-Dienst
- Journal
- Central-Vereins-Dienst
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- 5 (20.8.1927)
- Date
- 1927-08-20
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Straßers Behauptungen sind Unwahrheiten. Anläßlich einer Rede, die der Reichstagsabgeordnete S t r a ß e r Mittte Mai in Bremen gehalten hat und die uns im Wortlaut übermittelt wurde, haben wir eine genaue Nachprüfung eines Teiles der von ihm aufgestellten Behauptungen vorgenommen, die zu folgendem Ergebnis geführt hat: l Straßer sagte: „Dabei ist ein Nationalsozialist, der behauptet hat, die S. P. D. habe von Stinnes 250 000,— Goldmark erhalten, vom Gericht freigesprochen worden mit der Begründung, daß der angetretene Wahrheitsbeweis geglückt sei." Hierzu teilt uns die sozialdemokratische Partei folgendes mit: 1. „Die S. P. D. hat noch niemals von Stinnes Geld erhalten. Lediglich ein Mitglied der S. P. D., dessen Vater schon der Partei angehört hat, hat während der Inflation, nachdem er an einem amerikanischen Patent sehr viel Geld verdient hatte, 250 000,— Papiermark ohne irgendwelche Bedingungen übergeben, was damals ausdrücklich festgestellt wurde. 2. Zu einem Prozeß, in dem diese Angelegenheit behandelt wurde, kam es anläßlich einer Versammlung in Worms, in der ein Amtsrichter die oben zitierte Behauptung aufgestellt hat. Der dortige Parteisekretär der sozialdemokratischen Partei erklärte aufgeregt, daß diese Behauptung eine Lüge und Verleumdung sei und bediente sich dabei einiger nicht salonfähiger Ausdrücke. Deswegen kam es zu einer B e - leidigungsklage des Amtsrichters. Lediglich die Beschimpfung war Gegenstand des Prozesses und wegen dieser Beschimpfung wurde der Parteisekretär damals bestraft. Der Amtsrichter selbst mußte vor Gericht erklären, daß er seine Behauptung, die er von dritter Seite erhalten habe, nicht aufrechterhalten könne." II. Straßer sagte: „Der „Vorwärts" hat von der jüdischen Darmstädter und Nationalbank ein Darlehen von 800 000,— Mk. erhalten." 1. Die sozialdemokratische Partei erwidert darauf, daß von einem Darlehen der Darmstädter und Nationalbank von 800 000,— Mk. an den „Vorwärts" nichts bekannt sei. 2. Der „Vorwärts" schreibt uns: „Wir teilen Ihnen höflichst mit, daß der Vorwärts-Verlag G. m. b. H., der Herausgeber der Zeitung „Vorwärts", kein Darlehen bei der Darmstädter und Nationalbank aufgenommen hat. Inwieweit die Vorwärts-Buchdruckerei und Verlagsanstalt P. Singer & Co. in geschäftlicher Beziehung mit der Darmstädter Bank steht, entzieht sich unserer Kenntnis." 3. Die Vorwärts- Buchdruckerei und Verlagsanstalt P. Singer & Co. teilt uns folgendes mit: „Der „Vorwärts" hat niemals ein Darlehen bei der Darmstädter und Nationalbank aufgenommen. Darlehensnehmer war die Vorwärts-Buchdruckerei bezw. die Aktiengesellschaft Lindenhaus, welche Besitzerin der Grundstücke Lindenstraße 2 und 3 ist, wo der Verlag des Vorwärts und die Vorwärts- Buchdruckerei domizilieren. Verlag und Drukkerei sind zwei verschiedene Gesellschaften mit völlig getrennter, voneinander unabhängiger, selbständiger Geschäftsführung. Der „Vorwärts" wird von der Druckerei im Lohndruck hergestellt. . . Die Hypothek von 800 000,— Mk. wurde im Spätsommer 1926 von der Druckerei und der Aktiengesellschaft aufgenommen, einmal für große Betriebserweiterungen der Druckerei und weiter zur Zahlung der Kaufrate neu erworbener benachbarter Grundstücke ... Im übrigen ist diese Grundschuld bereits am 1. Februar 1927 getilgt worden." III. Straßer sagte: „Auf der Friedenskonferenz in Versailles war Max Warburg Chef der deutschen Finanzkommission. Vorsitzender der französischen Finanzkommission war Paul Warburg aus Paris, sein leiblicher Bruder. Amerikanischer Finanzsachverständiger war Ottto Schiff, New York, der Schwager der Max und Paul Warburg. Diese drei Brüder haben dann darüber beraten, was das schaffende Volk bezahlen soll." Hierzu übermittelt uns Herr Max M. Warburg durch seinen Anwalt folgende Erklärung: „Die Straßer'sehen Behauptungen sind von A bis Z Erfindungen. Herr Max Warburg war nicht Chef der deutschen Finanzkommission, gehörte auch nicht zu den deutschen Delegierten, sondern war nur einer der Finanzsachverständigen, die der deutschen Delegation mitgegeben waren, und die nur die Delegierten beraten haben, nicht aber mit Irgendjemandem von der anderen Seite verhandelt haben. Ueber die hermetische Abschließung, unter der die Deutschen gehalten wurden, sollte übrigens auch Herr Straßer unterrichtet sein. Herr Paul Warburg war weder Vorsitzender der französischen, noch irgend einer anderen Kommission, noch überhaupt in Paris. Ebensowenig war irgend ein anderer Bruder von Max Warburg, noch irgendein Schwager eines der Brüder in Paris. Ein Schwager des Namens Otto Schiff existiert nicht. Die Aeußerung Straßers ist nichts anderes als eine Wiederholung immer der gleichen, aus der Luft gegriffenen Unwahrheiten, deren phantastische Darstellungen sich voneinander nur durch Vertauschung der beliebig gegriffenen Namen oder Personen, und der diesen Personen angedichteten Tätigkeit unterscheiden. Daß Max Warburg den Abschluß des Vertrages von Versailles sowohl in Versailles widerraten, als auch in Weimar gegen den Abschluß gekämpft hat, wird natürlich auch immer wieder verschwiegen." (Siehe hier auch die Ausführungen des damaligen Reichskanzlers Prinz Max von Baden in seinen jetzt erschienenen Memoiren.) 70