Central-Vereins-Dienst
- Journal
- Central-Vereins-Dienst
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- 3/4 (30.5.1927)
- Date
- 1927-05-30
- Page
- Seite 62 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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V die Warnung unserer altjüdischen Bevölkerung beherzigen müssen, und so streng etwa wie die Vereinigten Staaten die Grenze gegen jeden weiteren wesentlichen Zuzug vom Osten schließen. Wir werden aber auch die deutsche Gesinnung der jüdischen Bevölkerung unseres Landes vor und während des Krieges, wenn wir gerecht sind, wie einst ehren und anerkennen, so wie wir Ehrung unseres Volksbewußtseins als Teil unseres Menschheitsweges verlangen. Wir werden als ganzes Volk Dichter deutschjüdischer Herkunft wie Lissauer und Wassermann liebhaben. Wir werden mit dem Vorurteil dilettantischer Rassenforschung brechen und nach gewandelten Grundsätzen unsere Zukunft neu bauen, in Stolz auf reiche eigengewordene Wesensart, in Gastfreiheit und Duldsamkeit gegen Wanderer fremder Herkunft, die zu uns kamen, und zugleich mit dem Willen der Versöhnung nach viel, sehr viel Bitterkeit 'von beiden Seiten. Denn nichts war schmählicher in unserer Zeit als der Tonfall der völkischen Chauffeure, nichts abstoßender als das Inzuchtslob bestimmter jüdisch geleiteter Presseerzeugnisse, die Erniedrigung volksbewußten Schaffens durch sie und der abstoßende Boykott politisch nicht behagender Literatur. Wir werden in Gerechtigkeit und Ehrlichkeit ein neues Bewußtsein erwachen lassen, das die heutige rasende Stimmung Deutschlands gegen Deutsche wie einen Alb hinter uns liegen läßt. Dazu diene die neue Disziplin der Rassenkunde, die der Entwicklung unseres Volkstums, der Ertüchtigung des Menschen dienen und eine der wichtigsten Aufgaben der Wissenschaft werden soll, statt wie bisher Grund sinnloser Selbstzerfleischung zu sein." Rassenwissenschaft und Rassenwahn. Unter diesem Titel behandelt Dr. Hugo Iltis in Brünn im Februarheft der „Gesellschaft" (J. H. W. Dietz Nachf., Berlin) ausführlich die Rassentheorie und besonders das Buch Hans F. K. Günthers „Rassenkunde des deutschen Volkes". — Nachdem er eingehend die von Günther in seinem Buche vorgetragenen Theorien dargestellt hat, gibt er folgendes Urteil über sie ab: „Das was Günther und seine Schule dem Publikum als Endergebnis ihrer Forschung vorzusetzen wagen, das ist keine Rassenwissenschaft, das ist Rassenwahnsinn. Man würde es nicht für möglich halten, das kritische Beurteiler diesen Rattenschwanz größenwahnsinniger Phantasie ernst nehmen könnten. Aber Kritik wird geübt, wenn Interessen in Frage kommen. Wenn sich selbst einzelne nüchterne, sympathische Forscher Schwedens durch den Weihrauch, der immer wieder der nordischen Rasse gestreut wird, benebeln und für den Rassenwahn gewinnen lassen, dann darf man sich nicht wundern, wenn in der politisierten deutschen Wissenschaft auch einzelne hervorragende Vertreter der Vererbungsforschung, der Anthropologie und Prähistorie den rassenfanatischen Verbrechern am deutschen Volksgeist Mauer stehen. Zwar wird man in den Werken dieser Forscher die Phantasien des Rasseglaubens höchstens angedeutet finden. Aber durch wohlwollende Kritik, durch gemeinsame Arbeit mit rassegläubigen Autoren und durch Heranbildung junger Forscher für die Arbeit im Fahrwasser des Rasseglaubens stellen sie sich fördernd hinter die neue Richtung, ungefähr so wie sich die Femerichter hinter die Fememörder stellen. So wenig man es nach den angeführten Kostproben glauben würde: Der Rassenwahn steht im Begriff, sich die Sanktion der deutschen Wissenschaft zu erobern. Da der Klassencharakter dieser Wissenschaft von den breiten Massen noch immer nicht erkannt ist, liegt in dieser Stellungnahme für politisch richtunggebende Anschauungen eine große Gefahr." (S. 108/109.) Gegenüber dieser sogenannten Rassenwissenschaft stellt Iltis fest, was wirklich als wissenschaftlich haltbar über die Rassen gesagt werden kann: „Reine" Rassen, sogenannte „reine Linien" sind beim Menschen, selbst bei isolierten Gruppen, viel seltener festzustellen als bei manchen Haustieren und Kulturpflanzen. Denn Isolierung und Auslese vermögen die Rassenkreuzung nicht so zu verhindern wie die nach bestimmten Zielen wirkende Hand des Züchters.....(S. 109.) Es wäre falsch — und in diesen Fehler verfallen die modernen Rasseforscher zu leicht — die Rasse bloß als durch unveränderliche, starre Erbanlagen bedingt anzusehen. Wenn ein Volk durch Jahrtausende in einem bestimmten geographischen Milieu lebt, können seine rassisch heterogenen Elemente sich diesem Milieu anpassen, gleichsam äußerlich und innerlich „umgeschmolzen", phänotypisch und genotypisch geändert werden.......Nach Untersuchungen von Boas gibt es eine „amerikanische Schädelfor m", an die sich die Nachkommen der Einwanderer aller möglichen Rassen nach mehreren Generationen mehr oder weniger ausgleichen. Und H e 11 p a c h hat sogar zu beweisen versucht, daß die Sprache imstande ist, die Gesichtsform einer Bevölkerung zu modeln. Wenn Herr Günther nun darauf verweist, daß die herrschenden Schichten überall „hochgewachsen" sind und dies als nordischen Zug auffaßt, so ist die Er-, klärung dafür viel eher in dem für die oberen Zehntausend aller Völker stets günstigem Milieu zu suchen. Freilich die Rassegläubigen leugnen die Bedeutung der Umstände, des Milieus, für die Rasseentstehung und für die dauernde Rasseänderung. Aber daß sie diese Bedeutung leugnen, ist eben einer ihrer vielen methodischen Fehler . . . . (S. 109/110.) Im Gegensatz zu den chauvinistischen Rasseforschern sind wir überzeugt, daß das Milieu, Geographie und Wirtschaft, Kultur und Erziehung, durch andauernde Wirkung eine erbliche Aenderung, Verbesserung oder Verschlechterung der Rasse herbeiführen können. Es ist ein Eintagsfliegenstandpunkt, deshalb, weil wir solche erblichen Wirkungen auf den ersten Blick nicht sehen, ihre Existenz leugnen wollen.....(S. 113.) Ausführlich setzt sich Iltis auch mit den Werturteilen auseinander, die von völkischer Seite auf Grund dieser angeblich sicheren Ergebnisse der Wissenschaft über die einzelnen Rassen gefällt werden: Die immer wiederkehrenden Werturteile über die einzelnen Eigenschaften und den gesamten Charakter der Rasse, die die wesentliche Eigenheit der rassegläubigen Werke bilden, ist auch ihr wesentlichster Fehler. Es ist schon eine Anmaßung, die weiße Rasse gegenüber den farbigen höher zu schätzen — auch wenn man von Rousseauschen Naturschwärmereien absieht, braucht man das idyllische Dasein der Eingeborenen auf den Südseeinseln oder das freie Leben der Indianer weder vom Standpunkt der Moral noch von dem des Glückes geringer zu werten als die gehetzte Existenz des überzivilisierten Broadwaymenschen. Und noch viel klarer ist es, daß die Werturteile, durch die die einzelnen, nahe verwandten europäischen Rassen gegeneinander abgewogen werden, nichts als subjektive Spielereien sein können, die mit Wissenschaft nichts zu tun haben. Wenn Herr Günther das unverschämte Wort von der „Rangabstufung der Deutschen nach ihrem Blut" (4, 62) prägt, so sollten ihm darauf alle minderwertigen Deutschen ostischer, dinarischer und ostbaltischer Rasse die gebührende Antwort geben. Der kästen- und ahnenstolze, kriegerische und eroberungssüchtige Vertreter der nordischen Rasse ist für die breite überwiegende Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung unserer Erde — und nur diese hätte das Recht auf Wertung — alles andere, nur kein Ideal. ..... Herr Günther propagiert die Selbsthilfe der nordischen Menschen und ruft damit zum Rasse- 62