Central-Vereins-Dienst
- Journal
- Central-Vereins-Dienst
- Volume
- 4 (1927)
- Issue
- 3/4 (30.5.1927)
- Date
- 1927-05-30
- Page
- Seite 57 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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schiedslos das Zinsnehmen von jedem jüdischen oder nichtjüdischen Bewohner des Landes und gestattet es nur dem Landfremden (Nochri) gegenüber, der sich zu Handelszwecken im Lande aufhält. — In der Bibel ist wiederholt von der Verwerflichkeit des Zinsnehmens die Rede. Da das Judentum die Verzinsung eines Darlehns ganz verbietet, so kennt es auch nicht den Unterschied zwischen Zins und Wucher, d. h. zwischen einem niedrigen, angemessenen und einem übermäßigen Zins. Auch das deutsche Wort „Wucher" hatte ursprünglich nicht den Sinn von übermäßigem Zins. „Wuchern" hieß nur soviel wie Geld gegen Zins ausleihen. Es ist daher eine Irreführung, wenn man immer wieder schreibt, es sei dem Landfremden gegenüber erlaubt, Wucher zu nehmen. — Der Talmud macht hinsichtlich des Zinsverbotes keinen Unterschied zwischen einem jüdischen und nicht jüdischem Schuldner: „Wer sein Vermögen durch Zins und Zuschlag mehrt, sammelt es für den, der gegen Arme mildtätig ist" (Spr. 28, 8) . . . Es sprach R. Nachman: Mir sagt Huna: Dies brauchte nicht erst gesagt zu werden, wenn es sich nicht auch auf Zins vom Nichtjuden (nochri) bezöge (Baba mezia 70 b). Raschi (R. Salomo Jizchaki aus Troyes, 1040 bis 1150), der hervorragende Kommentator des babylonischen Talmud, bemerkt zu dieser Stelle: „Wenn ein Jude vom Nichtjuden (Zinsen) nimmt, geht er zugrunde." (Vgl. auch Maimonides: Hilchot Malwe welowe V. 2 und Schulchan Aruch Abt. Jore Dea 159, 1.) „Sein Geld leiht er nicht auf Zins aus" (Ps. 15, 5) _ auch nicht auf Zins von Heiden (Makkot 24a). Man darf ihm (dem ger toschab — dem Heiden, der bloß den Götzendienst abgeschworen hat, ohne sich zum Judentum bekehrt zu haben) nicht auf Zins Geld leihen und von ihm auch nicht Geld leihen (Gerim III, 3). In seinen selbst erfundenen Zitaten sieht der Verfasser die Begründung für folgenden von Marx entnommenen Satz: „Der weltliche Grund des Juden ist der Eigennutz, sein Kult der Schacher, sein Gott ist das Geld". Es handelt sich hierbei um eine Stelle aus dem Aufsatz von Karl Marx „Zur Judenfrage", der in dem ersten und einzigen Heft der 1844 erschienenen „Deutsch - Französischen Jahrbücher" veröffentlicht wurde. Es heißt darin: Welches ist der praktische Grund des Judentums? — Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus der Juden? — Der Schächcr Welches ist sein weltlicher Gott? — Das Geld. Wie dieser Satz verstanden werden muß, hat jüngst Eduard Bernstein in den „Abwehrblättern" Nr. 3 bis 4 vom 21. 2. 1927 klargestellt. Er weist darauf hin, daß Karl Marx als Sohn eines getauften Juden zurzeit der Abfassung dieser Schrift kaum etwas von den Juden und vom Judentum wußte und auch seine spätere Geschichtsauffassung sich damals noch in den allerersten Anfängen befand. Trotzdem aber Marx den Juden einen großen Teil der Verantwortung für die Ausbreitung des Schachers und der Geldherrschaft in der modernen Gesellschaft zuschrieb, hob er doch schon damals hervor, daß diese moderne Gesellschaft selbst den Schacher und das Geld zur herrschenden Macht erhoben habe. Im gleichen Aufsatz nämlich schreibt er: „Der Jude hat sich auf jüdische Weise emanzipiert, indem durch ihn und ohne ihn das Geld zur Weltmacht und der praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden ist. Aus ihren Eingeweiden erzeugt die bürgerliche Gesellschaft fortwährend den Juden." Darum konnte Marx seinen Aufsatz mit den Worten schließen: „Sobald es der Gesellschaft gelingt, das empirische Wesen des Judentums, den Schacher und seine Voraussetzungen aufzuheben, ist der (so begriffene Jude) unmöglich geworden, weil sein Bewußtsein keinen Gegenstand mehr hat, weil die Basis des Judentums, das praktische Bedürfnis vermenschlicht, weil der Konflikt der individuell-sinnlichen Existenz mit der Gattungsexistenz des Menschen aufgehoben ist. Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum." Diese Sätze wollen besagen, daß die Verwirklichung des Sozialismus auch dem, was man zurzeit die Judenfrage nennt, ein Ende macht. Bernstein weist übrigens auch darauf hin, daß zur Zeit des Erscheinens jenes* Aufsatzes es niemanden, auch in konservativen Kreisen, eingefallen ist, den Marx'schen Aufsatz gegen die Bewegung für die staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden auszunutzen. Das war erst den antisemitischen und völkischen Kreisen von heute vorbehalten. Im Anschluß daran sei gleich ein anderes Zitat erwähnt: „Der Jude Kautsky sagt in der Schrift: ,Rasse und Judentum': „Nur noch das siegreiche Proletariat kann dem Judentum volle Befreiung bringen; an seinem Siege ist das ganze Judentum beteiligt." Hierzu sei zunächst bemerkt, daß Kautsky weder Jude, noch — wie oft von anderer Seite behauptet wurde — Tscheche sei. Er entstammt einer deutschen Beamten- und Künstlerfamilie aus Prag, die, wie es bei den Beamtenfamilien im alten Oesterreich üblich war, viel fremdes Blut aufzuweisen hatten, nur kein jüdisches. Was die Stelle selbst anbetrifft, so ist das Zitat unvollständig. In Wahrheit lautet nämlich das Zitat (S. 92): „..... an seinem Siege ist das gesamte Judentum interessiert, soweit es nicht am Kapitalismus hängt." Durch Weglassung des letzten Teiles wird der Sinn gerade in das Gegenteil verkehrt. Kautsky sagt ausdrücklich: „Die kapitalistischen Juden selbst geben sich überall mit dem Erreichten zufrieden. Ist es auch nicht immer das, was sie wünschen, so besitzen sie doch durch ihren Besitz Macht genug, kleine Unbequemlichkeiten zu überwinden, selbst in Rußland. Und auch, wo dies nicht der Fall, erscheinen ihnen diese Unbequemlichkeiten nicht groß genug, ihretwillen eine Revolution zu riskieren. Das kapitalistische Judentum selbst wird konservativ und findet sich mit dem Bestehenden ab." Daraus geht klar hervor, daß nach der Meinung Kautskys garnicht das gesamte Judentum an der Revolution interessiert ist. — Daher ist es auch unsinnig zu behaupten, alle Führer der Sozialdemokraten, Bolschewisten und Kommunisten sind Juden. Hervorragende Führer dieser Parteien in allen Ländern waren nicht Juden. Es sei nur an Männer wie Friedrich Engels, Bebel und Liebknecht und die große Reihe von Partei- und Gewerkschaftsführern Deutschlands erinnert, neben denen die Zahl der Juden verschwindet. Unter den ca. 130 sozialdemokratischen 57