Mannheim
Compact Memory

Central-Vereins-Dienst · 1927-05-30 · 3/4 (30.5.1927) · p. Seite 49

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Vereins-Dienst
Volume
4 (1927)
Issue
3/4 (30.5.1927)
Date
1927-05-30
Page
Seite 49 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9620164-9626613-9626468--075-9626485
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Wir sind dann aus dieser Periode heraus und in die Periode des Experiments eingetreten, die in der Anlegung von Siedlungen, in der Heranbringung von Kolonisten und solchen, die Palästina zu ihrer Heimat machten, bestand. Wir sind nun auch über diese Etappe hinaus und in die weitere Etappe des praktischen Aufbaus eingetreten. Wir sind jetzt in einer sehr wichtigen Periode der Geschichte Palästinas und der Geschichte der Juden überhaupt. Ich bin nicht Zionist, bin nie einer gewesen, fuhr Marshall fort. Einige Leute würden denken, dies sei ein Scherzt aber ich wiederhole es, wie ich es immer gefühlt habe: ich bin etwas Besseres als Zionist oder Nichtzionist — ich bin Jude. Unsere Vorfahren standen alle auf dieser selben Plattform. Es ist nun die Zeit gekommen, da wir über alles andere hinweg an die Tatsache denken müssen, daß das Problem Palästina ein jüdisches Problem ist. Es gab in der Vergangenheit Differenzen, es wird auch in der Zukunft Differenzen geben. Das Leben wäre sehr uninteressant, wenn wir alle nur die gleichen Ansichten hätten. Meinungsverschiedenheiten sollte es stets geben, aus verschiedenen Meinungen kristallisiert sich schließlich die Wahrheit heraus. Die Differenzen der Vergangenheit sind nun schon überwunden, die Wahrheit hat sich herauskristallisiert. Blicken wir nicht zurück, blicken wir vorwärts. Seitdem die Balfourdeklaration veröffentlicht worden ist, die auch an das American Jewish Committee direkt gerichtet war, steht die amerikanische Judenheit auf der Plattform der Mitarbeit an dem Aufbau Palästinas. Als vor mehr als zwei Jahren Dr. Weizmann, der ein Idealist und Humanist ist, dabei über Diplomatie und feinen Takt verfügt, zu uns kam und uns fragte „Seid Ihr als Nichtzionisten bereit, mit den Zionisten zusammenzuarbeiten, indem ihr in die auf unparteiischer Basis begründete Jewish Agency eintretet?", da sagten wir aufrichtig „Ja". Wir wollten in die Agency eintreten. Unnötig, auf die Gründe einzugehen, die die endgültige Aktion hinausschoben. Es mag die Feststellung genügen, daß niemand auch nur einen Augenblick lang daran gedacht hat, die Idee an sich aufzugeben. Heute sind wir an dem Punkt angelangt, da unsere Pläne unmittelbar vor der Vollendung stehen, wir werden in ein paar Tagen in der Lage sein, genau mitzuteilen, was getan werden muß und wer es tun muß. Es gibt einige, die ungeduldig werden, wenn man im Hinblick auf Palästina von praktischen Erwägungen ausgeht. Ich würde es aber als einen Fehler betrachten, wenn wir fortfahren würden, in der Luft zu schweben. Für uns ist Palästina etwas Lebendiges, kein bloßer Traum. Wir sind duch die Träume hindurchgedrungen. Man kann von Träumen nicht leben, Palästina aber braucht jetzt Brot. Diejenigen, die mit der Zionistischen Organisation auf der Basis der Jewish Agency zusammenarbeiten wollen, verfolgen keinerlei Privatinteressen. Sie wollen nur ihre Pflicht als Juden erfüllen. Eine besondere Mahnung an diese Juden erübrigt sich, sie wissen, daß die große Sache materielle und moralische Mittel erfordert. Was uns not tut, ist nicht Streit, sondern Frieden und Einigkeit. Der Beizer Rebbe über den Zionismus. Das „Argentinische Wochenblatt" in Buenos Aires veröffentlicht in der Nummer vom 12. Februar ein Interview, das sein Mitarbeiter Ludwig Klingenberger mit dem verstorbenen Beizer Rabbi Socher Beer R o k a c h im August 1924 in Marienbad hatte. Aus dieser Unterredung, die unter anderen für die Einstellung der Mehrheit der Chassidim zum Zionismus interessant ist, geben wir folgende Stelle wieder: „Nach den üblichen Begrüßungsworten, bat ich den Rabbiner, mir seine Ansicht über den Zionismus zu sagen, die mich aus dem Munde eines streng orthodoxen Judenpriesters interessiert. Der Rabbi begann mit Zitaten aus gelehrten Schriften, die mir seine „Getreuen" verdeutschten, um zu beweisen, es sei Gottes Wille niemals gewesen, daß die Juden eine Nation, ein Volk bilden. Die Juden seien von Gott zur Verteidigung ihres Glaubens, ihrer Religion in die ganze Welt verstreut. Für ihren Glauben hätten sie gestritten und gelitten und stark ausgehalten. Nationen, Völker sind zugrunde gegangen. Die Juden aber werden nach dem Willen Gottes als Kämpfer ihrer Religion immer bestehen. Und ein krasses Beispiel gegen die Zionisten: Theodor Herzls Sohn hat sich taufen lassen. Max Nordau hat eine Christin geheiratet. Seine ganze Familie ist vom Judentum abgekehrt. Da muß doch die Idee von der Nation der Juden in sich selbst zusammenfallen, wenn die Familien und die Kinder der Führer der Bewegung ihr „Volk" verlassen. Krieg und andere Ursachen haben Völker von dem Erdboden verschwinden lassen. Gott wird die Juden als Hüter seiner Lehre ewig beschützen." Organisation. Vorbildliche Arbeit in Ortsgruppen u. Landesverbänden. Im Gegensatz zu vielen anderen — auch größeren — Ortsgruppen, die sich in Stillschweigen hüllen, hat die Ortsgruppe Vogtland (Plauen und Umgebung) wiederum einen ausführlichen Jahresbericht eingesandt, der die unter Leitung unseres überaus rührigen Hauptvorstandsmitgliedes, Herrn Rechtsanwalt Dr. G o 1 d b e r g , Plauen, geleistete Arbeit zeigt. Die Ortsgruppe, der von jeder jüdischen Familie mindestens eine Person als Mitglied angehört, hat es verstanden, durch unaufhörliche Aufklärung und energische Gegenmaßnahmen, die im Vogtland besonders bedrohliche völkische Bewegung — etwa 10 Prozent der Gemeindemitglieder sind persönlich in Mitleidenschaft gezogen worden — einzudämmen und vor allen Dingen die Fabrikanten, die mit den Nationalsozialisten liebäugeln, zu einer öffentlichen Erklärung gegen den völkischen Terror zu veranlassen. Auch e ine ungewöhnlich große Anzahl von Strafprozessen gegen nationalsozialistische Unruhestifter zeugt von der erfolgreichen Abwehrarbeit. Bei der Erledigung innerjüdischer Aufgaben hat die Ortsgruppe besonderen Wert auf die Fühlungnahme mit der deutsch-jüdischen Jugendbewegung und deren Unterstützung gelegt. * Die Ortsgruppe Frankfurt a. Main hat eine intensive Werbetätigkeit aufgenommen. Sie bearbeitet den Stadtbezirk zunächst durch Werbeversammlungen in einzelnen Bezirken. Ueber ihr Verfahren berichtet sie Folgendes: „Zu der Bezirksversammlung Bockenheim wurden Einladungen an zirka 200 Adressen verschickt. Das Material war aus Gemeindekartothek, Gemeindeblatt, Logenadreßbüchern, und mit Hilfe eines Bockenheimer Vertrauensmannes zusammengestellt. Anwesend waren etwa 70 Personen, davon ca. 50 bereits Mitglieder. Es meldeten sich an Ort und Stelle 11 neue Mitglieder an, zwei schieden als Zionisten und zwei als mittellos aus der Werbung aus, die drei restlichen wird der Vertrauensmann nochmals bearbeiten. Den zu der Versammlung nicht erschienenen Eingeladenen ging am nächsten Tage die Jubiläumsnummer der C.V.-Zeitung mit einem allgemeinen 49

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.