Mannheim
Compact Memory

Central-Vereins-Dienst · 1926-11-26 · 4/5 (26.11.1926) · p. Seite 86

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Vereins-Dienst
Volume
3 (1926)
Issue
4/5 (26.11.1926)
Date
1926-11-26
Page
Seite 86 (sequence 26)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9620164-9626612-9626439--054-9626465
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

heute schon niemand mehr spricht. Den Höhepunkt des Buches bildet die Geschichte von dem jüdischen Gerichtsvollzieher; sie erinnert nach ihrem Stil, nach ihrer überlegenen Behandlung menschlicher Torheit an die berühmte Geschichte vom Streit um des Esels Schatten in Wielands Abderiten. Auch wenn man feststellen muß, daß sie ihr Vorbild an Geist, Schärfe und vor allem an — Ewigkeitswert nicht ganz erreicht, ist dies kein schlechtes Lob. Wilhelm Levinger. „Trümmer." Zu warnen ist vor dem „Deutschen Roman" betitelt „Trümmer" von Hans Wimmer, Atlantikverlag Bremerhaven, einem mit etwas Musik und Philosophie verbrämten Kitschwerk. Es ist insbesondere nicht Verständlich, was an dem Roman eigentlich „deutsch" sein soll? Wahrscheinlich nur der;uitisemitische Einschlag. Aber auch dieser ist von so ungeschickter Hand und so aufdringlicher Tendenz., daß tast die gegenteilige Wirkung erzielt wird und nichts übrig bleibt, als der Unverstand und die böse Gesinnung des Verfassers. Man höre: die Heldin des Romans, eine schöne und viel bewunderte Künstlerin in Gesang und Klavier war von ihrem 1. Lebensjahr an im Hause eines jüdischen Altertümshändlers, eines tüchtigen und wackeren Mannes, im christlichen Glauben erzogen und reich ausgestattet worden. Sogar eine Kunstreihe nach Amerika wird ihr durch seine Freigebigkeit ermöglicht. Eines Tags findet sie ihren Pflegevater leblos in seinem Kontor vor offenen Schränken und Kassetten. Es fällt ihr nicht ein, nach Hilfe zu rufen und einen Arzt herbeizuholen. Sie läßt den Alten ruhig liegen, steigt über ihn hinweg, macht sich über seine Geheimnisse her und entdeckt Papiere, aus denen hervorgeht, daß sie die uneheliche Tochter einer Gräfin und des zum Generalsuperintendenten aufgestiegenen Johann Weißer ist. „Ein Freudenschrei entrang sich ihrer Brust." Sie verläßt den Toten mit den Worten: „Wenn es eine schmutzige Geschichte gibt, so ist doch immer ein Jude dabei." „Sie wirft einen verächtlichen Blick aut die regungslos am Boden liegende Gestalt." Wahrlich eine herrliche „deutsche" Jungtrau! Im Verlauf der rührsam und stark erotisch sich entwickelnden Liebesgeschichte der Heldin findet sich ganz ohne Zusammenhang eingeschaltet ein Dialog zweier Freunde über die Judentrage, in dessen Verlauf der eine davon eine irrsinnig gehässige Meinung über alles Jüdische verzapft. Dabei werden kritiklos die abgeschmacktesten Dinge aus dem Schmutzkasten der Antisemiten wiedergegeben. „Der Jude durchdringt deshalb heute alles mit seinem Geist, um die für sich günstigste Atmosphäre zu schaffen, es ist die der weitestgehenden Demoralisation, der Korruption aut allen Gebieten des öffentlichen Lebens .... So zersetzt, zerstört, untergräbt, unterminiert er systematisch alles. Ist nicht der Jude schuld an der Intellektualisierung (!?) aller geistigen Bestrebungen?" In diesem Gallimatthias geht es lange weiter. Schließlich wird die Heldin des Romans zur Zeugin all dessen aufgerufen. Sie bestätigt, daß von den Juden mehr Neigung zum Bösen als zum Guten zu erwarten sei, sie muß es ja wissen, sie die Herrliche, die in einem jüdischen Haus autgewachsen und bis zu jener Zeit gelebt hat. Wahrlich ein prächtiges Exemplar edlen Deutschtums! Und vollends der männliche Held des Romans, Johannes Weißer, der Generalsuperintendent, eine überragende Gestalt an Körper und Geist, ein populärer Kanzelredner, führende Persönlichkeit. Er stirbt frühzeitig an den Folgen eines Uebels, das er sich in lasterhafter Jugend zugezogen hat. Der Roman schließt in der ihm eigenen trivialen Form mit der Parole „der allein wahrhaften und echten Humanität und Menschlichkeit^!)". Neue Märchen über Walther Rathenau. Die Deutsche Erneuerungsgemeinde Leipzig gibt ein neues Aufklärungsblatt Nr. 236 heraus, mit der Ueberschrift „Höre Israel". In diesem werden über Walther Rathenau, im Vertrauen darauf, daß der Tote sich nicht mehr verteidigen kann, längst widerlegte Märchen erneuert. Nach einer Auskunft des früheren langjährigen Privatsekretärs Dr. Rathenaus erklären wir zur Kennzeichnung der „Wahrheit" dieses der „Aufklärung" dienenden Flugblattes nur folgendes: Das Flugblatt enthält u. a. die unwahre Behauptung, daß Rathenau „sich bei Kriegsausbruch danach drängte, die Organisation der Kriegsgesellschaften durchzuführen". Die Unrichtigkeit ist durch eine schriftliche Erklärung der damals zuständigen Persönlichkeit des Preußischen Kriegsministeriums festgestellt worden. Eine weitere freie Erfindung ist die Behauptung, daß Rathenau „eines Tages an die deutsche Regierung das Ultimatum stellte: „Bis morgen früh um 10 Uhr will ich die Nachricht haben, daß ich zum deutschen Auf b'auministcr ernannt bin". Hier ist einfach die vor Jahren durch ein Berliner Abendblatt gebrachte Sensationsmeldung aufgewärmt worden, daß Rathenau wegen der Ernennung zum A u ß e n minister ein solches Ultimatum gestellt haben soll. Durch eine schriftliche Erklärung des damaligen Reichskanzlers Dr. Wirth ist die Unwahrheit auch dieser Behauptung festgestellt worden. Die Beweisstücke können jederzeit an Gerichtsstelle vorgelegt werden. Gesellschaft „Deutscher Staat." Das „Deutsche Tageblatt" Nr. 235 vom 7. Oktober bringt einen ausführlichen Bericht über die Haupttagung der „Gesellschaft deutscher Staat", aus dem wir folgenden Auszug hier wiedergeben: „Unter dem Leitgedanken der Wehraufgabe und heldischen Volkserziehung steht die Haupttagung der Gesellschaft „Deutscher Staat", die am Sonntag in Potsdam im Einsiedler eröffnet wurde. Ertüchtigung im Sinne des Friedrizianischen Staatsgefühls, Wille zur persönlichen Dienstpflicht ist für die geistige Atmosphäre Deutschlands eine Aufgabe von nationalster Bedeutung, um die sich die Gesellschaft „Deutscher Staat" hervorragend verdient macht. Den einleitenden Vortrag über das Verhältnis des heldischen Gedankens zum Christentum hielt Professor Hupfeld-Rostock. Gegen Müdigkeit und weichliche Widerstandslosigkeit, gegen die Unterhöhlung des Staatsgedankens durch Wohlfahrtsbeglückung und egoistische Staatskritik fordert er das Bekenntnis zur wehrhafter Männlichkeit, die sich den höheren Zielen des Staates beugt. Steht das Christentum als mitleidsvoll passive Religion im Gegensatz zu diesem Geist der heldischen Energie oder nicht? Professor Hupfeld lieferte den gültigen Beweis, daß Christus ein durchaus kämpferischer, eifernder Charakter, ein schonungslos rechtlicher und das Gute rücksichtslos fordernder Mensch war. Das Neue Testament zeigt vielfach ein soldatisches Bild, das sich vom Heliant bis zum Wormser Bekenntnis Luthers geschichtlich immer wiederholt. Ueber den heldischen Gedanken in der altdeutschen Dichtung sprach als zweiter Redner Professor Gierach-Reichenberg über die Leidenschaft und tragische Schwertlust des gotischen Heldenliedes. 86

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.