Central-Vereins-Dienst
- Journal
- Central-Vereins-Dienst
- Volume
- 3 (1926)
- Issue
- 4/5 (26.11.1926)
- Date
- 1926-11-26
- Page
- Seite 73 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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D. V. B. „christlich" nicht eng konfessionell, „national" nicht parteipolitisch auffaßt. Als Mitglieder sind uns alle christlich denkenden und deutsch fühlenden Männer und Frauen erwünscht. Ob darin eine „judenfeindliche" Tendenz zu finden ist, ist ohne weiteres zu verneinen." Karin Michaelis über die Juden. Im „Morgen" Nr. 5 (erster Jahrgang) hat sich Herr Professor Dr. G o 1 d s t e i n mit der kleinen Broschüre von Karin Michaelis auseinandergesetzt, die über den „Fall d'Annunzio" vor Jahresfrist erschienen ist. Herr Professor Dr. Goldstein hatte die Gelegenheit benutzt, um auf die auch bei Karin Michaelis zu beobachtende nachgerade typisch gewordene Erscheinung hinzuweisen, daß eine irgend einmal zu irgendwelchem Zwecke aufgestellte Behauptung — hier die von d'Annunzio-Rappaports ostjüdischer Abstammung — als historische Wahrheit in die Literatur überzugehen beginnt. Ein Abzug des „Morgen"-ArtikeIs war Karin Michaelis zugesandt worden. Die Schriftstellerin hat nun in einem sehr temperamentvollen Schreiben geantwortet, das wir auszugsweise hier wiedergeben: Mein lieber Herr Prot. Dr. Julius Goldstein! Erst heute komme ich dazu, Ihren Brief oder vielmehr Ihren zugeschickten Auszug aus „Der Morgen" zu beantworten. Mitten in einer großen Arbeit konnte ich nicht. Es tut mich mehr als leid, daß ich dies verfluchte Zeilen geschrieben habe. Wissen Sie, es ist ja geradezu irrsinnig, daß ich, die vielleicht eine der größte Philosemiten, die leben, das eben ich Worte schreiben sollte, die dazu dienten, die Juden zu ^kränken. Ich kann nur sagen, was ich auch Professor Warburg in Hamburg (der mich deshalb geschrieben und dem ich im Vorsommer besuchte) gesagt habe: In meiner Streit mit d'Annunzio war es mich derart auffallend, daß er sich einnisten konnte unter Mobilien und Kunstschätze, die ihm nicht angehörte. Ich dachte, wie ist es möglich? Dachte dann, weil man mir gesagt hatte, daß er Rappoport geboren war. Aha, er ist fremd. Er lebt nicht unter seine eigene Kultur. Er ist aus Polen. Deshalb fühlt er sich gerade so wohl da wie dort, wenn er überhaupt fremd ist. Ich gehöre sogar zu den Philosemiten, die sonst nicht einmal zugibt, daß es auch nicht herrliche Juden gibt. Vor mehr als ein halbes Jahr habe ich meine Verleger auf meinen Irrtum aufmerksam gemacht und ihm gebeten, falls neue Auflage, sofort diese Sache zu ändern. Bis heute ist, glaube ich, keine Neuauflage erschienen, weil das erste sehr groß war. Jetzt werde ich Sie etwas anders erzählen. Als nun diese Sache geschehen war und ich sehr betrübt, dann schrieb ich eine Feuilleton „Warum ich die Juden so liebe . . ." Und erklärte dort, wie ich von meiner ersten Kindheit, dort und nur dort Verständnis gefunden. Wie ich als Erwachsene den Juden fast aller Freuden schuldig bin. Die Gastfreundlichkeit, die nur Juden besitze, die Kunstliebe .... kurz — schön. Es wurde in „Prag er T a g b 1 a 11" veröffentlicht, und ich bekam Briet von Juden aller Alter, aller Verhältnisse, so wunderbare, daß ich weinen mußte, während ich sie las. Aber — — denken Sie nur, ich die heute ganz Mitteleuropas Presse zur Verfügung habe, i c h konnte diese Artikel, der so schön und wahr und klug, (ich meine klug, weil nicht übertrieben oder überschwänglich) ich konnte ihn in keine deutsche Zeitung unterbringen. Warum: „Deutsche Allgemeine" ... Sie verstehen warum! Obwohl ich den Chefredakteur alles versprach, wenn er es nehmen wollte, Berliner Tageblatt, Vossische, alle alle sagten sie dasselbe: Man schimpft uns ohnehin Judezeitung... Also. Frankfurter auch. Ueberall. Allgemeene Handelsblatt in Amsterdam nur wollte ihn deshalb nicht haben, weil „im Holland kennen wir keinen Judenhaß überhaupt". Ich habe so ausführlich geschrieben, weil ich nicht aushalten kann, daß „meine Juden" wegen mir trauern sollen. Herzliche Grüße Ihre (gez.) Karin Michaelis. f Professor Lienhard. Wer über die an den Besuch von Frau Dr. Edelheim bei Professor Dr. Friedrich Lienhard in Weimar anknüpfenden Angriffe gegen Lienhard Näheres erfahren will, wende sich mit der Bitte um Ueberlassung des Materials an uns. „Der Sturm". Die von Georg Quindel herausgegebene völkische Wochenschrift „Der Sturm" in Hannover hat mit Ablauf des vorigen Quartals ihr Erscheinen eingestellt. Die Gründe dafür dürften wohl finanzieller Art sein. Wirtschaftspolitische Mitteilungen. N. A. G. und G. D. A. Es wurde uns gegenüber die Vermutung ausgesprochen, daß die „N. A. G." (Nationale Automobil- Gesellschaft) sowie die ihr angeschlossene „G. D. A." (Gemeinschaft deutscher Automobilfabriken) nicht von Juden kaufen und auch keine jüdischen Angestellten haben. Wir leiteten Nachforschungen ein und stellten das Folgende über die Verhältnisse in den beiden Gesellschaften fest: Im Aufsichtsrat der „N. A. G." befinden sich neben den Geheimräten Deutsch und M a m r o t h noch drei jüdische und drei christliche Herren. Die „G. D. A." ist von der „N. A. G." begründet worden und wird von ihr als Verkaufsorganisation dirigiert. Unter dem Personal der „N. A. G." befinden sich etwa 25 jüdische Angestellte. Der relativ geringe Prozentsatz erklärt sich aus der Zusammensetzung des Betriebes, der verhältnismäßig wenig Stellungen für diejenigen sozialen Schichten aus denen die deutsche Judenheit größtenteils zusammengesetzt ist, bietet. Auf unsere Antrage hin wurde die Personalfrage sofort mit dem Personalchef 'besprochen. Es ergab sich, daß hinsichtlich etwaiger Benachteiligung jüdischer Bewerber keine Einwände bestehen. Im Verkaut werden vielfach frühere Offiziere beschäftigt, die häufig sehr erfolgreich tätig sind und im Verkehr mit Behörden, Großindustriellen und ähnlichen Kreisen, — ihre Fähigkeit und Zuverlässigkeit vorausgesetzt —, leichtere Arbeit haben. Nach der politischen Anschauung wird selbstverständlich nicht gefragt. Völkische Betätigung wird aber in den meisten Fällen zur Entlassung führen, was auch bereits vorgekommen ist. Eine Auswahl der Fabrikanten nach konfessionellen Gesichtspunkten ist ausgeschlossen. Die Dispositionen erfolgen nach rein geschäftlichen Grundsätzen. 73