Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 7 (1920-1921)
- Issue
- 20 (14.7.1921)
- Date
- 1921-07-14
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 3. Nr. 20. Solidarität der Juden in erster Reihe eigentlich in dieser Beziezung gilt; denn der Satz, auf welchem das Solidaritätsprinzip beruht: „Kol Jisroel arawim seh losch" Besagt zunächst weiter nichts, als daß Religion nicht Privatsache ist, als daß jeder einzelne und die Gesamtheit oer Juden für das religiöse Verhalten des anderen verantwortlich ist. Man muß schon der Wahrheit die Ehre geben und zugestehen, daß damit ein gewisses Recht zur Generalisierung ausgesprochen ist. Wir sind überzeugt, daß auch dieses, an und sür sich drückende System der Generalisierung leicht zu ertragen wäre, wenn ein für allemal dem Unfug ein Ende gemacht werden würde, daß der eine mehr, der andere weniger und schließlich doch fast jeder die Religion als Privatsache betrachtet. Die furchtbare Tragik, die aus dem vergossenen Blute des Zacharias strömte und die die Auswirkung religiöser sittlicher Verkommenheit auch den späteren Geschlechtern klar vor Augen führt, sollte wirklich nicht bloß als episodischer Einfall des stolzen Eroberers gelten, sondern sollte gewertet werden nach den letzten Worten des sterbenden Propheten Secharia. Diese innere Erkenntnis muß unabhängig davon sein, daß man in einer Generation lebt, welche sich religiöse Mahnungen dummstolz und dreist verbittet. Im Gegenteil, die oben geschilderte Tragik lastet dann umso schwerer auf oem Einzelnen und dem Ganzen und es ist Hauptziel der Agudas Jisroel, ihre Glieder so zu beeinflussen, daß sie sich an die Erkenntnis gewöhnen, daß weder ihr eigenes religiöses Leben, noch das religiöse Leben der anderen Privatsache ist. Soweit mein Erlebnis. — Es will uns bedünken, als ob daraus für Agudas Jisroel eine sehr ernste Aufgabe erwächst, eine Erziehungsaufgabe ersten Ranges! Wir möchten darüber hiermit die Diskussion eröffnen! Kopi. Zusammenstellung Oer Beschlüsse der Wiener Zenlralralssitzung. Der Gruppenverband Halberstadt stellte zur besseren Einsicht die Beschlüsse der Wiener Zentralratssitzung vom 30./31. März und 3./4. April 1921 auf mehrfach geäußerten Wunsch nochmals in einen: Rundschreiben an die Orts gruppen, zusammen, das wir nachstehend zunl Abdruck bringen. A. Organisatorisches. I. Zentralrat.! Ter Zentralrat ist konstituiert. Der Sitz des! Zehn Geoie für die Mitglieder der Orts- und Jugendgruppen der A. I. 1. Besuche keine Versammlungen. 2. Wentt Tu kommst, so komme zu spät. 3. Wenn das Wetter schlecht ist, so komme j natürlich nicht. j 4. Wird eine Versammlung vorbereitet, so erkläre die vorbereiteten Arbeiten des Vorstandes und der anderen Mitglieder sür verkehrt. 5. Mmm nie ein Amt an, da es leichter ist zu kritisieren als selbst Arbeit zu leisten. 6. Trotzdem sei gekränkt, wenn Tu zur Mitarbeit im Ausschuß nicht aufgefordert wirst. Ist dies aber der Fall, so gehe nicht zu den Sitzungen. 7. Wenn der Vorsitzende Dich um Deine Meinung fragt, so sage, Tu habest nichts zu bemerken. Nachher erzähle allen, wie es hätte gemacht werden müssen. 8. Tu nur das absolut Notwendigste. Wenn aber andere Mitglieder selbstlos Zeit und Arbeit für die Sache einsetzen, so klage über Cliquenwirtschaft. 9. Bezahle Deinen Beitrag möglichst spät, oder überhaupt nicht. 10. Kümmere Dich möglichst wenig um Werbung neuer Mitglieder. u Laß dies andere tun. „B l s t t e r." Zentralrates ist Wien. Er setzt ftch aas den von den Landesorganisationen entsandten Mitgliedern und einigen von ihm ,elbst hugewählten Mitgliedern des früheren pcotnsorischen Komitees zusammen und ernennt sein Präsidium aus Rabbinen und Laien. Ter Zentralrat ist die oberste Beschlußbehörde der Agudas Jisroel. Nach außen tritt er lediglich durch Vermittlung des Exekutiv-Komitees in London in Erscheinung. Ter Zentralrat soll jährlich mindestens einmal zu einer ordentlichen Sitzung zusammengerufen werden. Seine Aufgaben sind: 1. Tie Vorzeichnung der Richtlinien für die Gesamttätigkeit der Agudas Jisroel. 2. Tie Aufstellung des Finanzvoranschlages für die Gesamtorganisation und die von ihr betriebenen Büros und Somierinstltutionen. 3. Die Beschlußfassung über die Deckung des Finanzbedarfes. II. Geschäftsführender A u s s ch u ß des Zentralrates. Ter Zentralrat wählt den Geschäftsführenden Ausschuß. Von den Mitgliedern des G. A. sollen je 6 und je 3 womöglich an einem und demselben Ort wohnen (6 in Wien und 3 in Frankfurt a.M.) und alle 9 sollen in stetiger enger Fühlung miteinander arbeiten. Es ist die Aufgabe jeder der beiden Gruppen des G. A.. . mit den ihnen erreichbaren Mitgliedern des Zentralrates bei wichtigen Angelegenheiten in Beratung zu treten. Tie Mitglieder des Präsidiums des Z. R. können an den Sitzungen des G. A. stimmberechtigt teilnehmen. In den G. A. sind gewählt worden: In Wien Rabb. Tr. P. Kohn, Wolf Pappenheim, David Schreiber, A. Hornstein und je ein Vertreter der tschechoslowakischen und polnischen Landesorganisationen, beide mit ständigem Sitz in Wien. In Frankfurt: Jacob Rosenheim. Jacob Strauß, Leo Wreschner. Als Ersatzmitglieder, die bei der ressortmäßigen Verteilung der Geschäfte mitherangezogen und allen Sitzungen des G. A. beiwohnen sollen, aber nur in Vertretung von abwesenden G. A.-Mitgliedern stimmen dürfen, wurden gewählt: Tr. Ehrmann, Rechtsanwalt Tr. Breuer. Dr. Jonas Simon. III. Exekutiv - Komitee London. Seine Aufgaben sind: 1. Vertretung der Gesamtorganisation nach außen, sowohl in der Presse wie vor Behörden. 2. Schaffung und Ueberwachung der Landesorganisationen b) in finanzieller Hinsicht, a) in organisatorischer Hinsicht, a) In organisatorischer Hinsicht übt das Londoner Exekutio-Komitee seine Befugnisse durch Vermittlung des Zentralbüros Ost in Wien aus, soweit es sich um die östlich von Deutschland bezw. Oesterreich liegenden Länder Europas und um Erez Jisroel handelt. b) In finanzieller Hinsicht übt das Londoner Exekutiv-Komitee in allen Ländern seine Befugnisse direkt aus. Es ist insbesondere dafür verantwortlich, daß die Ortsgruppen die ihnen obliegenden finanziellen Leistungen den Landesorganisationen gegenüber und die Landesorgani- 14. Juli 1921. sationen der Gesamtorganisation gegenüber nach den Beschlüssen des Zentralrates pünkrlich 'erfüllen. 3. Tie Bearbeitung der politischen Erez Jisroel-Angelegenheiten. 4. Die Initiative zur Veranstaltung von Sammlungen für Thora-Zwecke oder soziale Zwecke, sowie Hilfsaktionen politischer oder sozialer Art. IV. Dem Exekutiv-Komitee untersteht das Central Office of Agudas Jisroel in London. Tas Budget des Central Office ist in den Gesamt- Boranschlag der Agudas Jisroel einzustellen. Hinsichtlich der allgemeinen Prinzipien feiner Tätigkeit ist es an die Beschlüsse des Z.R. gebunden. Es soll sich, soweit wie technisch nur irgend durchführbar, aus dem Wege der Korrespondenz und häufiger persönlicher Aussprache in stetiger Fühlung mit dem G. A halten. Tiefer bestimmt, an welches von seium Mitgliedern die Korrespondenzen zu richten sind. V. Dem G. A. des Zentralrates untersteht das Zentralbüro Ost mit dem Sitze in Wien. Seine Aufgaben sind: 1. Tie organisatorische Ueberwachung sämtlicher östlicher Landesorganisationen in Vertretung des Londoner Exekutiv-Komitees. 2. Die Herausgabe des Haderech. 3. Ter Betrieb des Emigrationszentrale d:r Agudas Jisroel. 4. Tie Ausführung der vorbereitenden Arbeiten zur Einberufung der Kenessio geoaulo. 5. Tie Ausführung der vorbereitenden Arbeiten zur Bildung des Rabbinischen Rates. 6. Ter Betrieb der österreichischen Palästina- Zentrale der A. I. 7. Tie Errichtung und der Betrieb des Jugendamtes der A. I. VI. Der Zentralrat wählt eine F i n a n z k o m - Mission von 5 Mitgliedern mit dem Sitz in Wien. In diese Finanzkommission wurden gewählt die Herren Siegmund Bondi, Kallmann Pappenheim, David Schlesinger, Lippe Türkel, Nathan Kohlmann. B. Finanzgebahrung. I. Tie Deckung des z. Zt. vorhandenen Defizits von ungefähr 250 000 Mk. übernehmen das bisherige provisorische Komitee und der deutsche Gruppenverband. II. Die Finanzierung sämtlicher in Wien konzentrierter Institutionen (Zentralrat, Zentralbüro Ost, Emigrationszentrale, Haderech, Jugendamt, österreichische Palästinazentrale) übernimmt di? Wiener Aguda bis zum 31. Dezember 1921 mit etwa 3 Millionen Kronen. Hl. Für den Bedarf des Londoner Zentralbüros sind 200 Lstrl. monatlich für die nächsten sechs Monate von den Landesorganisationen wie folgt aufzubringen: Deutschland 30 000 Mk., Tschechoslowakei 40 000 Kr., Schweiz 4000 schweizer. Frcs., Holland 3000 fl., Belgien 5000 Frcs., Skandinavien 3000 Kr., Bessarabien 40 000 Lei, Erez Jisroel 5000 Mk., Polen 100 000 Mk., Argentinien 40 000 Mk. Ein Drittel der Beträge soll sofort, zwei Drittel am 1. Juli 1921 zahlbar sein. Dem Londoner Exekutiv-Komitee wird die Eintreibung der Beträge und die Abführung nach London überantwortet. Der Wem- und Aruchtmartt Palästinas. Tie Palästinazentrale der A. I. übersandte uns folgenden Bericht über Erez Jisroel, der der Voss. Ztg. entnommen ist: Palästina ist in weitaus größerem Ausmaß als die übrigen Mittelmeerländer ein ausgesprochenes Gartenland. Auf den breiten Streifen zwischen dem judäischen Gebirge und dem Meer, der von Zahlreichen perennierenden Bächen durchzogen, wird und dessen leicht hebbares Grundwasser in geringer Tiefe liegt, gedeihen Orangen und Zitronen in einer sonst unbekannten Güte. Tie palästinensische Orange ist ein Primeurobst. Wein gedeiht in demselben Gebiet. Aber der fälligen Süße, die die Sonne der Traube gibt, entspricht nicht überall des Bouquets, das seinen ganzen Reichtum erst in den Sorten des judäischen Gebirges erhält. Oel und Mandeln gedeihen, im ganzen Lande. Im Gebiet des Tiberiassees werden neuerdings Tomaten als Frühgemüse erfolgreich gezüchtet. Tie Bananenkultur, die bisher ausschließlich in El Arisch an der ägyptischen Grenze gepflegt wurde, macht kräftige Fortschritte. Kirschen gedeihen im Lande nicht. Tie bisherigen Apfelsorten waren ohne Qualität. Seltsamerweise ist die Anpflanzung von Nußbäumen noch nicht ernsthaft versucht worden. — Ter jüngst erschienene Bericht des Direktors der Commerce and Jndustry Departements gibt nähere Angaben über die Ausfuhr einiger Fruchtsorten: Es wurden ausgeführt im Jahre 1919—20 : 635 040 Kisten Orangen im Werte von 161104 Pfd. Sterl. Im Berichtsjahr haben diese Zahlen eine Steigerung um etwa 15—20 pCt. erfahren; die genaueren Angaben liegen noch nicht vor. Tie Ware ging vorzugsweise nach Aegypten und England: neuerdings konnte sich die Jaffaorange auch in Nordamerika durchsetzen trotz der erheblichen Transportkosten und der kalifornischen Konkurrenz. Ter Export von Melonen aus dem Gebiet von Tulkerem (etwa 15 000 Pfd. Sterl.) erreicht nur Aegypten. An Wein wurden etwa 25 000 Hektoliter produziert, wovon nur etwas mehr als die Hälfte vorzugsweise (nach Aegypten) ausgeführt wurde. Ein Hauptabnehmer, Nordamerika, ist wegen der Abstinenzgesetze ausgetreten. Tie Herstellung von Alkohol aus Traubenresten ist noch in den Anfängen. Immerhin ist die Produktion 1920—21 auf 890 Hektoliter gegenüber 390 Hektoliter 1919—20 gestiegen. Tie Technik ist noch ganz auf ausländische Zufuhren eingestellt? Ebenso ist die Fabrikation von Essig aus Weinrückständen kaum über die ersten Anfänge hinausgekommen. — Wesentliche Fortschritte macht das Verpackungswesen für Orangen. Tos Kistenmaterial ist vorzugsweise (mittelbar) in geschnittener Ware aus Teutschland gekommen. Neuerdings schiebt sich Finnland als Lieferant ein. Es sind jetzt aus Amerika Maschinen geliefert worden, die die Orangen sortieren und waschen werden. Versuche sind im Gange, Eßtrauben und die Feigen aus Samaria für den Export rationell zu packen. Freilich geht noch ungeheuer viel von diesen edlen Früchten verloren, da nur die schlechtweg idealsten Exemplare ausgeführt werden. Ueberraschend bleibt, daß bisher trotz aller Anregungen und der neuerlichen Anforderungen des Departements Jam (Marmelade) und Fruchtkonserven im Lande nicht hergestellt werden. Ter Jnlandsverbrauch (einschließlich der Aegyptens) würde allein schon die Fabrikation rentabel machen. Gleiches gilt für die Essenzenfabrikation; bleiben doch die duftigen Blumen des Landes, das im Frühling einem edlen Teppich gleicht, die Blüten der überan als Schutzhecke angepflanzten Akakia mimosa, vor allem die vielen Millionen Zitronen, di? seit dem Verlust des russischen Marktes unverkäuflich sind, ungenützt. -