Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 7 (1920-1921)
- Issue
- 14 (21.4.1921)
- Date
- 1921-04-21
- Page
- [Seite 3] (sequence 3)
- Language
- German
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31 April 1921. Rr 14. Seite 8. nationale Emanzipation. i. Fragen zur Klarstellung. In fernem von den Aguda-Blättern arm 7. Adar II (No. 11) veröffentlichten zweiten Aufsatz über „Tie Idee des Agndismus" gelangt der geschätzte Verfasser zu dem Schlüsse, daß über das uachkcie gliche Judentum die Ausgabe der natio na len Emanzipation verhängt sei. Bei der Prägung dieses Wortes hat der Urheber, darüber ist ein Zweifel unmöglich, eine große Verantwortungslast gefühlt, war er sich der Gefahr bewußt, die eine solche Tatsache für die in keiner Weise daraus vorbereitete geschwächte Judenheit bedeutet. Dennoch zeigt er mit dem Finger aus die ihm feststehende Entwicklung der Tinge, damit Agudas Jisroel in elfter Stunde am Rüstzeug arbeite und rette, was noch zu retten ist. Tie Rettung kann nach Herrn Tr. Breuer durch das Frankfurter Programm erleichtert werden, dieses ist ihm die Mahnung an Agudas Jisroel, die Zeit zu begreifen und ihrer geschichtlichen Mission sich bewußt zu werden. Wie in Parenthese sei hier eingeschaltet, daß das Programm von ausgezeichneter Wirkung sein kann, auch wenn die Voraussetzung, unter der es entworfen wurde, nicht zutressen sollte. Nicht dem Programm wenden sich diese Zeilen zu, sondern der Voraussetzung, die der Versasfer aufstellt. Jedoch wage ich auch nicht, diese Voraussetzung, also die Notwendigkeit der nationalen Emanzipation, schon zu bestreiten, vielmehr möchte ich Fragen stellen. Tie unerhört schwerwiegende Annahme, die uns als unausweichlich dargestellt wird, rechtfertigt, w scheint mir, eine gründliche Besprechung, und diese möchte ich Hervorrufen. Emanzipation heißt wohl doch nach allgemeiner Geltung die Lösung aus Beschränkung, die Zubilligung von Vollrechten. So hat im Deutschen Reich ein Gesetz vom 3. Jnli 1869 den Juden, die staatsbürgerlich bis dahin Rechtsverkürzungen auszuhalten hatten, die Emanzipation, die Gleichstellung mit den übrigen Staatsbürgern ausgesprochen. Tas wäre also die „soziale" Emanzipation gewesen. Nationale Emanzipation für die Judenheit wäre demgemäß die Wiederzuerkennung des seit dem Jahre 70 ihr verloren gegangenen Rechtsgenusses als Natiin und die Gleichstellung dieser Nation mit den anderen Nationen. Hier aber erhebt sich schon eine Frage. Jni Jahre 1869 bestanden in Teutschland einige hunderttausend Juden; mit ihrer Einwilligung versprach ihnen das Reich die vollen Bürgerrechte. Im Jahre 1921 aber besteht eine jüdische Nation nicht (im völkerrechtlichen Sinne; daß Israel als Thora- Nation auch ohne Land, ohne Sprache und ohne wirtschaftliche Gemeirrschastsinteressen besteht, weiß jeder Gleichgesinnte, und nur an Gleichgesinnte wende ich mich). Ter Gegenstand, der die Emanzipation erlangen soll, fehlt somit. Kann mit eigener Zustimmung -emanzipiert werden, was nicht vorhanden ist? — Nun hat freilich der britische Mandatsentwurf die Vorbereitung eines nationalen Heims für die jüdische Nation ins Auge gefaßt. Mit der Annahme des Entwurfes wird demnach der Völkerbund seine Bereitwilligkeit bekunden, den seit 1850 Jahren über den Erdball verstreuten jüdischen Individuen die Anwartschaft aus die Mitarbeit an der Kolonisierung und Kultivierung ihres einstigen Bodens, die Anwartschaft auf die fast unbeschränkte Einwanderung nach Palästina zu geben und damit auch Anwartschaft auf dereinstige Wiederherstellung der bis auf weiteres aus der Völkerreihe gestrichenen jüdischen Nation. Sind wir dadurch, wie Herr Tr. Breuer es ausdrückt, in das Zeitalter der nationalen Emanzipation getreten? Wir unter uns brauchen uns nichts vorzumachen, sondern können ehrlich und nüchtern die Tinge besprechen, wie sie sind, wir können uns also ruhig zugestehen, daß die vorausescomptierte Wied er n atio n alisierun g «immer völkerrechtlich gesprochen) Israels ein politisches Spiel ist, das zwei, drei zionistische Führer bei der englischen Negierung angesangen haben und ans das England einging, um das den Türken in vertvahrlostem Zustande abgenommene Land mit Zuhilfenahme jüdischen Gelbes und jüdischen Schweißes aufbauen z>u lassen. - England will die dichte. Besiedlung Palästinas und gibt auch den daran seit Jahrhunderten interessierten Juden das Recht dazu. Machen die Inden im Lause eines Jahrzehntes, eines Jahrhunderts davon in solchem Maße Gebrauch, daß sie, ohne die Araberrechte zu schmälern, einen maßgebenden Einfluß im Lande gewinnen, dann wäre die Zeit gekommen, die von den Zionisten bereits escomptiert wird, wo also wirklich ein jüdisches Natiönchen (immer weltpolitisch gesprochen) die Zahl der anderen bereichern kann. Taher frage ich nochmals: Wo ist inzwischen die jüdische Nation, die zu emanzipieren wäre? Ist deshalb, weil der Mandatsentwurf von einer jüdischen Nation spricht, die jüdische Nation völkerrechtlich faktisch etabliert und national emanzi- ^ationssähig, dermaßen, daß Herr Tr. Brenn mit ernstester Bestimmtheit die nationale Emanzipation als die Gesamtheitsaufgabe bezeichnen muß, die das jüdische Volk der neuen Epoche zu lösen hat? Nehmen wir an, Herr Tr. Breuer, dessen Blick weiter reicht als meiner, erkennt, man müsse sich jetzt __„m n < t e»"__ schon dafür bereit halten, wenn auch die Nationalisierung Israels durch die Völker nicht jetzt, nicht rn einigen Jahren geschehen, sondern in Jahrhunderten erst Tatsache werden kann. Unter diesem Gesichtspunkt müßte, so mag Herr Tr. Breuer denken, Klugheit in der Tat die Aguda mahnen, "ich aus hie Emanzipation des jüdischen Volkes schon jetzt einzustellen. Ist dem so? Muß, darf Agudas Jisroel aus die Möglichkeit, selbst auf die Wahrscheinlichkeit einer Ausrufung Israels als Nation unter'den Völ* kern hin, dieserhatb in den Gemütern der Unsrigen etwas anderes wecken als Abweisung und Abneigung, Furcht und Abwehrdrang gegen die nationale Emanzipation? Wohl verstanden, Herr Tr. Breuer selber, wenn :ch seinen Aussatz begriffen habe, hat diese Abneigung, hat dieses Uebelgefühl gegen eine „Erdenkrone" für das Thoravolk, „wie ne das Haupt aller Nationen trägt". Er will die Erniedrigung Israels zu einer Nation von Völkerbundsgnaden nicht, er will die nationale Emanzipation, wenn überhaupt, so nur im Geiste der Thora. Er sagt es deutlich: „Wahrlich nicht wir, nicht die Orthodoxie, hat sich in spielerischem Leichtsinn diese furchtbare Aufgabe gestellt." Aber, so fügt er hinzu: „Wir haben nicht mehr die Freiheit der Wahl!" Steht das fest? Wer und was hindert uns, soweit wie die Stimmen einer Million Agudatreuer reichen, die uns wie Hohn und Schande dünkende „Rehabilitierung" abzulehnen? Wer und was hindert uns, der Völkergemeinde zu sagen: Wenn nicht Gott und sein Moschiach unsere nationale Emanzipation verfügt — Ihr könnt es nicht bei noch so dankenswert gutem Willen! — Zu befreien ist die Nation der Thora von der gottfremden, nationalistische;: Fiktion, zu befreien ist das Land der Thora von den Greueln des Abfalls. Zu besiedeln ist Palästina möglichst dicht mit zionstreuen Nichlzioniften. Zu gewinnen ist der Rest Israels für Gottes Gesetz. Daß Agudas Jisroel durch solche Arbeit die nationale Emanzipation, die nur Israels Gott vollziehen kann, beschleunigt herbeizuführen helfe, im nächsten Jahre, in diesem Jahre, heute — in diesen: Wunsch sind wir einig. Vielleicht ist das gar der Sinn des Tr. Breuerschen Aussatzes, den ich nebst anderen Durchschnittslesern nur gründlich mißverstanden habe? Halberstadt, am 12. Adar ll 5681. Gottfried Goldschmidt. II. Ter verehrte Fragesteller saßt kie Begriffe der sozialen und der nationalen Emanzipation zu eng; darin liegt die Wurzel seines Mißverständnisses. Weder bei der sozialen noch bei ler nationalen Emanzipation denke ich an eine Emanzipation im Rechts sin ne. Das Gesetz vom 3. Juli 1869 ist mir völlig gleichgültig, und selbst das englische Mandat hat für mich nur die Bedeutung eines allerdings recht augenfälligen S h m p t o m s. Ausschlaggebend ist dagegen für mich die mit dem Stichwort der sozialen Emanzipation gekennzeichnete geistige Bewegu n g innerhalb des westeucopärschen Judentums des 19. Jahrhunderts, der ich die mit dem Stichwort der nationalen Emanzipation gekennzeichnete geistige Bewegung innerhalb des Gesamtjudentums der Gegenwart zur Seite setze. Wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Bewegung einsetzte, die jeden westeuropäischen Juden, in Ablehnung oder in Zustimmung, zwang, sich mit der Kultur Westeuropas auseinanderzusetzen ind über sein Verhältnis zu den Bürgern seines Staates in eine grundsätzliche Ueberlegnng einzutreten, so nötigt die Bewegung unserer Tage nicht nur jeden Einzelnen unter uns, sondern auch Israels Gesamtheit, über Wesen, Aufgabe und Ziel der jüdischen Nation, über das welthistorische Verhältnis der jüdischen Nation zu den politischen Nationen des Erdballs, ja selbst über das Verhältnis des jüdischen Einzelnen zur jüdischen Nation und zu den politischen Nationen völlige Klarheit zu erringen und dem Id een komplex des Judentums diejenige Ausprägung zu geben, die dem Problem der Gegenwart, dem schwersten vielleicht, das je zu lösen war, gerecht zu weroe.: vermag. Agudas Jisroel hat keine andere Gesamtheitsaulgabe, als die jüdische Nation und die jüdischen Einzelnen aus der furchtbaren Gefahr zu retten, in die sie durch die nationale Emanzipation als geistige Bewegung geraten sind, keine andere Gesamtheitsansgabe. als die latenten Kräfte dieser Bewegung, soweit sie für den Tienst Gottes zu verwerten find, zu aktualisieren und einzusetzen. Tie Erkenntnis, daß es gegenwärtig, da die Wogen der nationalen Emanzipation als geistige Bewegung über uns znsammenschlagen, um Sein oder Nichtsein der jttdrschen Nation in ihrer historischen Eigenart geht, diese Erkenntnis scheint mir die Grundvoraussetzung von Agudas Jisroel als Weltbewegung zu sei:. Taß Agudas Jisroel mcht berufen ist, die nationale Emanzipation im Rechtssinn in Angriff zu nehmen, ist nach obigem wohl selbstverständlich. Im übrigen darf ich den Herrn Fragesteller auf die weiteren Artikel verweisen, die denselben Gegenstand behandeln und zur Klarstellung Einigebeitragen werden. Tr. Jsaae Breuer. Der Begriff der Organisation. Tie Geschichtsschreiber der kommenden Zeiten werden einst — mit einem gewissen Schmmi^ zetn über ihre leichte Ausgabe — wststellen, daß in unserem Geschlecht das Problem der Organisation das leitende Motiv aller politischen und sozialen Geschehnisse darstellte, daß in unserem Zeitalter sich oftmals die geistige Gestaltung in Fragen des gesellschaftlichen Zusammenschlusses erschöpfte. Ter Geschichtsphilosoph, der — sich über die Zeitlichkeit der Ereignisse erhebend — die inneren Zusammenhänge, und Verknüpfungen mit den großen kosmischen Bewegungen erforschen will, wird erkennen, daß alles so und nicht anders eintreten, daß die Geschichte diesen und keinen anderen Weg einschlagen konnte, weil die Menschen dieses Geschlechtes ihren littlichen Beruf verstümmelt und verkannt hatte-:. Wohl stellt auch in dieser Zeit das Zehnwort, das durch die göttlich« Erscheinung unter Aufregung der ganzen Natur am Sinai offenbart ward, das konstituierende Moment der Gefellschaftsbildung dar, wohl la^eu sich überall im geistigen Leben seine Einflüsse beobachten, aber man vergaß diese Grundlage und ihre Answirkungen bei dem Ausbau des sittlichen Lebens, man wußts oder wollte nichts wehr von der göttlichen Basis wissen, die dieses ganze Gebäude trägt — und schuf solchermaßen einen Luftbau, dem man nun hinterher ein sicheres Fundament schenken wollte. Losgelöst hatte sich das geistige Leben von der Idee des 'lebendigen Gottes, fre: hatte sich die gesellschaftliche Verbindung von dem Grundsatz der Gotteskindschaft gemacht und sich auf die Suche nach Surrogaten begeben. Glücklicherweise fand sich bald das Ersatzideal, aus dessen Geist sich das große Meist chengefchehen in seine einzelnen Faktoren auflösen und ihr Zusammenwirken erkennen lassen sollte; Entwicklung h:eß das Zauberwort. Entwicklung mit seinen Trabanten Vererbung und Anpassung wurde der Schlüssel zum Verständnis des Weltenlaufes. Kampf ums Dasein hieß das regulierende Moment, das den Entwicklungsvorganz in die richtigen Bahnen leitete; Tifferenzierung und Assoziation bilden die Imperative, denen zu folgen die Pflicht aller Wesen darstellt, um sich im irdischen Getriebe behaupten zu können. Um die Anfeindungen der Natur bestehen zu können, schloß man sich überall zusammen, suchte man Schutz in Verbindungen. Organisation bildet das Allheilmittel, daß den Menschen aus den Krallen des Daseinskampfes rettet. Organisation ist der Höhepunkt des Prozesses der Loslöfung vom lebendigen Gott, die Ueberwindung der göttlichen Seele im Menschen, ist die Hingabe an die Ichheit, an die Welt des Seins, ist! die Konstituierung der menschlichen Selbstherrschaft, ist der Ausdruck der größten Verirrung des Menschen. Und wozu dann Agudas Jisroel? Wir Inden, die das göttliche Recht erfüllen, stellen den ewigen Protest gegen diese entgottete Auffassung der Schöpfung dar. Bewußt beugen wir uns unter die unumschränkte Herrschaft Gottes, um seinen Zielen zu leben. Aus der kausalen Bedingtheit des Universums, aus der natnrgesetzlichen Beherrschung des Kosmos, ans der Sphäre des Seins, in der dev Kampf ums Tasein richtunggebender Faktor bildet, erhoben sich unsere Urväter — durch das göttliche Gesetz und die gewährte Gottesnähe — in die Gotteswelt, in die Welt der Freiheit, in die Sphäre des Sollens, in der der Mensch außerhalb jedes Kausalgewebes sich ohne Zwang gestaltet um — der göttlichen Seele in sich freie Auswirkung bietend — sich zum Ebenbild Gottes zu formen. Ter Geist der Sollenswelt fordert kategorisch die Ueberwindnng des Seins, das Befreien von irdischer Gesetzmäßigkeit und diesen göttlichen Willen müssen wir vollführen, um die Grundlage unsres Soseins zu erringe:: und zu erhalten. Nicht schließen wir uns zusammen, um den Kampf ums Tasein zu bestehen, nicht verbinden wir uns, nur unser Sein zu behaupten, im Namen Gottes einen wir uns, um seinen Gesetzen zu folgen, die von unfern Vätern erreichte Höhe zu behaupten, in ihrer Freiheitswelt leben zu können; im Kamps ums jüdische Sosein stehen wir zusammen, das Sofern, das der Väter Leben gestaltete, das uns Gott nahe gebracht, das den Sinn unsrer Nation bildet. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen alle, aber auch alle ihre Kräfte dieser jüdischen Organisation zur Verfügung stellen, nicht darf der Einzelne zaudernd — besorgt um die eigene Persönlichkeit, die doch erst in der Gemeinschaft ihren Wert erhält — znrückstehen, fest muß er für das erkannte Notwendige einrteten, um es zur Höhe zu führen. Lehagdil tanroh ulehadiroh! Artur Rathaus-Nürnberg, Vom Misralki' Ter Berliner „Jüdischen Preise" dem Zentralorgan des Misrachi in Teutschland ist es natürlich sehr unangenehm, daß gerade im jetzigen Augenblick, wo die zionistische Organisation bestrebt ist, de«« Keren Hajessvdfonds auch in nichtzionist'stchen Kreisen zu propagieren, der Zentralrat der Aguda den in unserer vorigen Nummer mitgeleilten Beschluß go-, saßt hat. Man sollte nun eigentlich meinen, daß die „Jüdische Presse" den Nachweis verfncht, daß die Motive, welche den Zentralrat zu diesem Be-