Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 7 (1920-1921)
- Issue
- 14 (21.4.1921)
- Date
- 1921-04-21
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2, Nr. 14. N l ii t t e r 21. April 1SU. Solange es sich um die Beziehung von Mensch zu Mensch handelt, tritt hie individuelle Ueberzeugung in den Vordergrund und erscheint das Judesein lediglich als ein qualifiziertes Menschsein. Aber schon, in dem berühmten »der berüchtigten — Austrittsstreit ist deutlich zu erkennen, daß dem Präger der Wortverbindung: Mensch-Jisroel das Judesein als Gemein s ch a f t s s e i n doch noch mehr bedeutete M ein qualifiziertes Menschsein, daß das jüdische G e m ein s ch a f t s s e i n nicht mehr auf die retn individuelle Ueberzeugung abzuftellen war, vielmehr über die Individuen und ihre subjektive Ueberzeugung hinaus auf eine rein objektive, rein göttliche, ewige Organisation hinführte, deren Konstituante nicht mehr die den Gemein- .schastswillen als bindend anerkennende subjektive Ueberzeugung, sondern der göttliche Wille schlechthin, nicht mehr das „Religionsgesetz", sondern Gottes Gemeinschaft stiftendes Recht in vollster Souveränität bildete, dem gegenüber die jüdischen Individuen nicht mehr als wertende, erkentrende und anerkennende Persönlichkeiten, sondern in ihrem historischen Verstricktsein als Rech tunterwo rfene, Rechtuntertanen erscheinen mußten. Daß der Präger der Wortverbindung: Mensch-Jisroel zugleich der Retter der souveränen jüdischen Gemeinschaft, zugleich Retter der Auffassung des Judentums als Inbegriff des absoluten, Gehorsam heischenden Rechtes Gottes geworden ist, das nur Gehorsam kennt oder Verrat und das seine Herrschaft als Gemeinschaftskonstituante nicht mit irgend einem anderen Faktor auf Erden teilen kann; diese geschichtliche Tatsache ist, wie keine andere, geeignet, die Lebensleistung des großen Mannes in ihrer zeitlich-ursächlichen Bedingtheit sowohl wie in ihrer zeitlosen Ewigkeit ins rechte Licht zu rücken und vor jedem Mißverständnis endgültig zu schätzen. 'Die Zeitgenossen haben sich von Mißverstand nicht frei zu halteil vermocht. Sie sind in begeisterter Zustimmung' den: Präger von „Mensch-Jisroel" gefolgt. Aber als ihr Führer den großen Schritt wagte, der sie über „Mensch- Jisroel" hinaus, der sie als „Mensch-Jisroel'' dahin hätte bringen sollen, wo Gottes ewige Gemeinschastsstiftung ihrer als Gottes Rechtsuntertanen harrte, wo Gottes Gemeinde als Bestandteil dieser ewigen Gemeinschaftssiistung jede Menschenwillkür weit von sich wies, die sich erkühnte, neben Gottes Schöpfung ihr Tagesgeb'lde zu setzen oder Gottes Schöpfung zu ihrem Tagesgebilde herabzuwürdigen: da haben sie ihm vielfach die Gefolgschaft verweigert und haben so etwas wie „Separation" in einem Akt erblicken zu müssen geglaubt, der dem Nachfahren als nichts anderes erscheint, als der wahrhaft grandiose An sch l n ß von „Mensch-Jisroel" in seiner .geläuterten Subjektivität an die rein objektive, rein absolute, rein voll Gottes Recht getragene jüdische Rechtsgemeinschaft Kl all Jisroel jüdische Nation. — Seit dem „Austrittsstreit" ist das ehedem so frische Geistesleben der deutsch-jüdischen Orthodoxie mehr und mehr einer bedenklichen Versumpfung Verfällen. Der gleichzeitig emporwuchernde Antisemitismus hat ein übriges getan, um das Interesse nach einer ganz anderen Richtung zu lenken. Auf den Lorbeeren von „Mensch-Jisroel" ist die deutsch-jüdische Orthodoxie eingeschlasen. Ihr Schlaf hat die schweren organisatorischen Kämpfe der letzten Jahrzehnte, hat selbst das Emporkommen des Zionismus überdauert. Der deutsch-jüdischen Orthodoxie ist es fast gar nicht zu Bewußtsein gekommen, daß im Grunde schon der „Austrittsstreit", ganz gewiß aber die organisatorischen Auseinandersetzungen nur den Auftakt zu einem neuen Zeitalter bildeten, dessen Grundproblem nicht mehr die Beziehungen des Judesein zum Menschsein und erst nicht die Beziehungen des Einzelnen zum Judentum, dessen Grundproblem vielmehr das Wesen der jüdischen Gemeinschaft als solches, bas' Wesen der I u d e n e i n h e i t bildete, zu dessen Ergründung nicht nur das Auseinandersallen der deutschen Juden in Orthodoxe uuDi Liberale, sondern ebenso sehr 8er Antisemitismus tausendfältigen Anlaß bot. Während solchermaßen der Durchschnitt der deutsch-jüdischen Orthodoxie, soweit er nicht überhaupt, angewidert mm dein fruchtlosen „Austrittgezänk", dem öffentlichen jüdischen Leben sich fernhielt, in müder Lethargie das einlullende Bewußtsein hegte, daß Rabbiner Hirsch s. A. einfür allemal die Probleme der Neuzeit für sich und für alle Nachfahren gelöst habe, vollzog sich unmerklich eine völlige Umwandlung dieser Neuzeit, eine Umwandlung, die für die deutsch-jüdische Orthodoxie die Gefahr völligen U e b e r r a nn t we r d en s irr sich birgt, wenn sie sich nicht in elfter Stunde ermannt und die Traditionen ihrer Väter.in voller geistiger Wachheit da fortsetzt, wo sie selber einst die Entwicklung gehemmt und gehindert hatte. Das Zeitalter der nationalen Emanzipation hat im Gegensatz zum Zeitalter der sozialen Emanzipation nicht eine zentrifugale, sondern eine zentripetaleBe w e g u n g ausgelöst. Die Tatsache der Judeneinheit ist dem Empfinden unseres Zeitalters fast zur baren Selbstverständlichkeit geworden. Aber das Zentrum, zu dem die geistige Bewegung unserer Tage petiert, ist nicht das historische Zentrum der historischen Judenheit, sondern das materielle Substrat diesen Zentrums, ist nicht die nationale Thora, sondern die Nation selber, die nicht mehr zielbewußte Schöpfung Gottes, sondern Selbstzweck ist, vom Schicksal geformt, erhöht, erniedrigt und künftiger Erhöhung gewärtig. Es ist vielleicht efne besondere Fügung Gottes, daß das Ostjudentum, im Gegensatz zum Westjudentum, die soziale Emanzipation zugleich mit der nationalen Emanzipation durchzuringen hat. Vielleicht gelingt es, die zentrifugalen Kräfte der einen Bewegung durch die zentripetalen Kräfte der anderen zu paralysieren und so dem Ostjuden tum die Katastrophe des Westjudentums 51t ersparen, vorausgesetzt, daß die Einstellung des historischen Gesamtjudentums auf die nationale Emanzipation und damit die Nutzbarmachung ihrer zentripetalen Kräfte für die historische Judeneinhejt in Klarheit und Tatkraft unverzüglich in Angriff genommen wird. Wie ich unter sozialer Emanzipation das Hinaustreten des einzelnen Juden in den Kreis seiner Mitmenschen verstehe, so fasse ich unter dem Merkwort der nationalen Emanzipation all die Strömungen zusammen, die znm Hinaustreten der Judeneinheit in den Kreis der historischen Menscheneinheit, zur Anknüpfung von Beziehungen zwischen der Judeneinheit und den übrigen historischen Menscheneinheiten Hintreiben. Wie im Zeitalter der sozialen Emanzipation der einzelne Jude die Aufgabe hatte, im Kreise seiner Mitmenschen sein Judentum zu erhalten und trotz der westeuropäischen Kultur durchzusetzen und zu verwerten, so hat im Zeitalter der nationalen Emanzipation die historische Judeneinheit die Aufgabe, ihre unvergleichliche, unmittelbar aus den Gott der Geschichte hinweisende Eigenart ihren einzelnen Gliedern einznprägen und nach außen hin gegenüber dem erdumfassenden Antisemitismus, gegenüber den politischen Nationen, in deren Mitte ihre zerstreuten und dennoch geeinten Glieder weilen, nicht zuletzt aber gegenüber der großen Weltmacht, die ihr, aus Gründen welcher Art auch immer, eine kleine Türe zur Politischen Tribüne öffnet, in vollster Klarheit, in einer jedes Mißverständnis ausschlietzenden Eindeutigkeit herausznstellen. Dem jüdischen Einzelnen mag die Thora sein von iubtötbucller Ueberzeugung getragenes religiöses Gesetz — Religionsgesetz — bedeuten; er mag sich im Gegensatz zu dem abgefallenen Stammesgenossen als g'esetzestreu bezeichnen. Aber die Thora ist nie und nimmer das — Religionsgesetz der von Gott gestifteten Judeneinheit, und diese Judeneinheit — Gottes Nation — Klall Jisroel — hat es wahrlich nicht nötig, sich als gesetzestreu von irgend einer sonstigen Judeneinheit — gibt es denn noch eine? —- abzuheben. Im Zeitalter der nationalen Emanzipation, da die politischen Nationen, da jeder Bürger auf der Straße die Judeneinheit als vorhanden empfindet, in einem solchen Zeitalter, da die gefährlichste aller Abfallsbestrebungen, gestärkt und gestützt durch „Gesetzestreue", die dem „Religionsgesetz" nach wie vor anhangen, eine fürchterliche Verfälschung de- Wesens der Judeneinheit vornimmt und hierbei nur zu sehr auf das Verständnis der politrschen Nationen und des Bürgers auf der Straße rechnen kann, in einem solchen Zeitalter muß die wahre und echte Judeneinheit, vielleicht zum ersten Male seit Beginn des Golus, vor den Augen der Welt, für die Welt und für ihre eigenen Glieder, das Diadem anlegen, mit dem sie Gott einst geschmückt, und muß durch den Mund der Organisation, der einzigen, die den Weg bis zu ihr gefunden, muß durch Agudas Jisroel der Welt und ihren eigenen Gliedern laut und öffentlich erklären: Gottes Nation sind wir, Gottes Thora ist unser das ganze nationale Leben erfassendes und regelndes Recht, die Verwirklichung dieses göttlichen Rechts ist unsere einzige nationale Bestimmung, nach Gotte- Land geht unsere Sehnsucht, weil nur in Gottes Land das Recht Gottes vollste Verwirklichung finden, nur nach Wiedervereinigung der Nation Gottes und des Landes Gottes unter der Herrschaft der Thora als Gottesrecht der Natian nach prophetischer Verheißung der Gottesstaat neu erstehen und Gottes Herrlichkeit wieder in unsere Mitte sichtbarlich einziehen kann. Die Thora ist nicht das „Religionsgesetz" der jüdischen Nation, dergestalt, daß innerhalb dieser Nation eine Partei denkbar wäre, die das Religionsgesetz — wie Religion überhaupt — negiert, und eine andere Partei, die sich algesetzestreu zu ihrem Sachwalter macht. Die Thora ist das Recht der jüdischen Nation, ihr einziger konstitutiver Faktor, dergestalt, daß, lver dieses Recht negiert oder es zu bloßer Parteifache herabwürdigt, ob er will oder nicht, die Nation selber der Auflösung seinesteits preise gibt. Die Herausstellung des wahren Wesens 8er Judeneinheit ist aber nur die eine, die leichtere Aufgabe von Agudas Jisroel. Will Agudas Jisroel die Organisation dieser Jndeneinheit fein, muß sie auch ihre Bestimmung Herausstellen und übernehmen. Es hat aber die Judeneinheit im Golus keine andere Bestimmung, als — sich des Golusendes würdig zu machen. Es war das Sehnen der Einzelnen in alk den vergangenen Jahrhunderten, ihr eigentlicher Lebenszweck, ihres Teils das Golusende herbeizuführen. Im Zeitalter der nationalen Emanzipation, da die Wogen des Abfalls turmhoch über uns zusammenschlagen, du die Völker und irrende Stammesgenossen sich förmlich verbündet haben, den Blick der Nation wie ihrer Glieder von ihrer einzigen Golnsbestimmung abzulenken, in einem solchen Zeitalter bleibt uns keine Wahl: die Judeneinheit selber muß durch den Mund ihrer Organisation ihre Glieder aufrufen, diese Organisation selber muß in den Dienst der Bestimmung der Judeneinheit im Golus treten, muß diese Bestimmung zu der sie tragenden Grundidee machen-und muß aus dieser Bestimmung all ihre einzelnen Aufgaben in unmittelbarer Folgerung herleiten. Agudas Jisroel ist zu Bewußtsein gebrachte Judeneinheit. Die Idee des Agudismus ist zu Bewußtsein gebrachte Golusbestimmung dieser Jndeneinheit. Und so ergibt sich als JSee des AgudisnnO was folgt: Agudas Jisroel erstrebt die Bereitstellung der Nation Gottes und des Landes Gottes für ihre Wiedervereinigung unter der Herrschaft de- Rechtes Gottes zum GotteSstaat. Aus dieser Idee sind die Aufgaben der gesamten Agudas Jisroel wie jeder einzelnen Ortsgruppe abzuleiten, wie dies für die Frankfurter Ortsgruppe im Frankfurter Programm versucht worden ist. Dr. Jfaac Breuer-Frankfurt a. M.