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Blätter · 1920-11-01 · 4/5 (11.1920) · p. Seite 56

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Journal
Blätter
Volume
7 (1920-1921)
Issue
4/5 (11.1920)
Date
1920-11-01
Page
Seite 56 (sequence 16)
Language
German
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56 aber andererseits die Möglichkeit, bezahlte Kräfte hierzu zu nehmen, ausfällt'. Ich’ver- ' stehe darunter ferner die Hülfeleistung überall da, wo die Mutter durch Schi wo, durch Tätigkeit im Berufsleben etc. nicht in der Lage ist, dem Hauswesen so vorzustehen, wie es nötig wäre. Natürlich sind diese Fälle einzeln genau zu untersuchen. Ich wollte jedoch anregen, daß man sich überhaupt auch diesem sozialen Gebiet widmet, und daß hier Möglichkeiten gegeben sind, helfend und vor allen Dingen für die Jüdischkeit förderlich einzugreifen. Die Notwendigkeit solcher Unterstützung wird sich insbesondere in den Kreisen der Ostjuden zeigen. Und damit komme ich zu einem ganz neuen Kapitel, das ich hier auch kürz behandeln möchte, das ist unsere Stellungnahme zu den Ostjuden. Diese müssen wir nach jeder Richtung revidieren. Erstens 'mal rein geistig! Schon der Name „Ostjude“ ist etwas ganz Sonderliches, Ueberhebliches. Was “ soll denn das heißen, diesen Unterschied zwischen Juden konstruieren, und von Ost- und Westjuden, Nord- und Südjuden zu sprechen! Juden sind wir doch wohl alle. Gewiß, ich habe nichts dagegen, wenn man von Ostjuden spricht und darunter diejenigen versteht, die im Osten wohnen und im Osten geboren sind. Aber wenn wir heute von Ostjuden reden, so bedeutet das ein Werturteil, so bedeutet das eine Klassifizierung, und dagegen müssen wir uns mit allen Kräften wenden. Wenn der Areiwus-Gedanke, wie ich das eben gefordert habe, einmal in unseren Gruppen lebendig geworden ist, wenn das AreiWus-Gefühl einmal genau so in uns brennt, wie die Liebe zu unseren Verwandten, dann wird es sicherlich kein Ostjudenproblem in Deutschland mehr geben, zumindest nicht in unserem eignen Kreis. Gleichzeitig mit dieser theoretischen Neueinstellung muß aber auch die praktische fortschreiten. Da ist im Schiur ein Herr, da ist im Schiur ein Mädchen. Man hat sie nie gesehen, weiß nicht, wer sie sind, und woher sie kommen. Da muß es für einen Agudisten selbstverständlich sein, diesen Fremden anzusprechen. Ein Fremder in des Wortes wahrster Bedeutung ist es sicher nicht. Kommt er in unseren Schiur, dann ist damit schon zur Genüge bewiesen, daß er sich zu uns gehörig fühlt oder zu mindesten doch zu uns kommen will. Und da ist es wiederum nicht damit getan, daß wir ihm „Gut Schabos“ sagen und ihn mit einem wunderschön schabosmäßg lächelndem Gesicht anschauen, sondern dann sind wir verplichtet, uns nach seiner wirtschaftlichen Lage zu erkundigen, nach seiner Beschäftigung uns umzusehen, festzustellen, ob er Logis, ob er Esssen hat und all das zu erfragen, wonach man sich bei einem Menschen, der einem etwas näher steht, erkundigen muß. Es dürfte sich da in vielen Fällen zeigen, wie leicht es für uns ist: zu helfen durch geschäftliche Verbindungen oder durch sonstige Unterstützungen, und wie viel Gutes wir gerade nach dieser Richtung ohne viel Mühe leisten können. Endlich, was ich beinahe für das Wichtigste halte: Wir sollen uns nur nicht zu gut sein, diese Leute in’s Haus zu nehmen, sie in unsere Familie zu ziehen, ihnen all' das zu ersetzen, wss sie in dem Furor des Ostens verloren haben. Haben wir doch endlich Verständnis dafür, in welcher Not, und in welchem Elend sich diese Unglücklichen befinden, die von all dem, was ihnen zeitlebens lieb und teuer war, verjagt und vertrieben sind, und nun allein und hilflos in der weiten Welt stehen. Auch geistig sollten wir in allen Fällen, wo es nottut, zu helfen versuchen. Ich denke da jetzt gerade an die vielen Flüchtlingsfamilien, die sich in Deutschland aufhalten, von denen sich bestimmt viele bei uns niederlassen werden. Da ist dafür zu

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