Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 7 (1920-1921)
- Issue
- 4/5 (11.1920)
- Date
- 1920-11-01
- Page
- Seite 52 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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52 wurden oder selbständig gegangen sind; und eine Hilfe für geistig Schwächere, für solche, denen es eben nicht möglich ist, in der gleichen Schnelligkeit oder mit der gleichen Schärfe, wie ihre Mitmenschen, die Probleme, die im täglichen Leben an sie herantreten, zu lösen. Die soziale Arbeit umfaßt aber weiter die Linderung der materiellen Not, gerade -die Tätigkeit, die man vielfach allein unter dem Begriff sozialer Arbeit zusammen faßt. Die Jugendgruppen müssen bei Lösung der ganzen sozialen Fragen beispielgebend vorangehen. Das soll nicht eine stolze Selbstbelobigung sein, das soll nicht etwa eine Spitze sein, die wir gegen die ältere Generation ins Treffen führen wollen; diese Gesichtspunkte liegen mir völlig fern. Im Gegenteil, mir scheint, daß, von jüdischem Gedankenkreis durchdrungen, man stets die größte Ehrfurcht vor der Tradition haben muß, und daß die geschichtlichen Entwicklungen nach jeder Richtung hin für uns gewisse Bindungen enthalten, die unantastbar sind. Ich möchte sagen, das historisch Gewordene hat für den bewußten Jehudi etwas Heiliges. Aber, meine verehrten Anwesenden, der Mensch nennt die Gewohnheit seine Amme. Die Verhältnisse haben sich in unserer Zeit in jeder Beziehung total umgestellt. Das Antlitz der Welt hat sich im Zeitraum weniger Jahre völlig umgekehrt und wir haben die Pflicht, uns so in das neue Weltbild und in das neue Weltgeschehen hineinzuordnen, daß unsere Position eine möglichst sichere ist, d. h., daß wir von unserer Stellung aus möglichst viel für die Thauro erreichen können. Es ist klar, daß die Menschen in dieser neuen Welt sich auch neu einstellen müssen, und dadurch ist es verständlich, daß die ältere Generation nicht so schnell oder überhaupt nicht mit kann. Die schwerwiegenden Umstellungen des geistigen Lebens, die man heute von ein dm Jeden von uns gefordert, können von jungen Leuten viel leichter und um vieles schneller vollzogen werden, als von älteren Herren, die bereits ein Leben lang ihre ganzen Auffassungen und Intentionen nach gewissen festgelegten Gesichtspunkten eingerichtet haben. Darum muß die Jugend gerade bei diesen sozialen Fragen, die heute so ganz anders liegen, als sie noch vor dem Kriege gelagert waren, die Hauptarbeit leisten. Bei der älteren Generation fehlt in vielen Fällen — ich habe das oftmals an den verschiedensten Stellen beobachten können — das Selbstbewußtsein einer selbständigen Orthodoxie. Es fehlt in diesen Kreisen häufig die Ueberzeugung, daß die gesetzestreue Judenheit in jeder Beziehung sich auf eigene Füße stellen müsse, daß auch die sozialen Aufgabenkreise von ihr erfaßt und gelöst werden wollen; es fehlt eben das Verständnis für die Not, die dem Klall dadurch erstanden ist, daß er als solcher verloren ging, daß eben die Gesamtheitsaufgaben nicht mehr von der Gesamtheit erfüllt wurden. Und das ist die Hauptaufgabe, aber auch die Vorbedingung für alle großzügige soziale Arbeit: Daß der Gedanke wieder allseitig anerkannt werde, daß wir, um die jüdische Aufgabe in ihrem ganzen Umfange zu erfüllen, auch durch die Gesamtheit an die Lösung der sozialen Frage herangehen müssen. Und nun zur Arbeit selbst: Die ist natürlich ganz verschieden, verschieden nach Stadt und Land, verschieden nach den einzelnen Gegenden, um die es sich handelt. Und was ich im folgenden zu sagen habe, das stimmt natürlich zum Teil hier und zum Teil dort, zum Teil in der Stadt und zum Teil in einer ländlichen Gruppe. Aber die ganze Art der Tätigkeit, sie dürfte aus meinen Worten wohl erkannt werden können, sodaß die einzelnen Gruppen in der Lage sind, das für sich heraus zu lernen, was für sie möglich und nötig erscheint