Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 11 (11.1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 201 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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201 V. Die Einheit und die Reinheit. Infolge des Bewußtseins, einem großen Getriebe anzugehören, empfindet es die jüdische Seele nicht als Zwang, daß sie durch Gesetze des Meisters diesem Getriebe angepaßt werden soll, denn diese harmonische Einfügung in das Weltganze ist der Gipfel des Poetischen im Judentum. Aber nur dann, wenn diese Einheit sich mit ununterbrochener Regelmässigkeit aus der Urväter Zeiten her sich durch uns, durch die tätige Gegenwart, in die ferne Zukunft fortpflanzt. So sind Einheit des Ganzen und Reinheit des Einzellebens eng miteinander verwirkt. Alle Regungen und Erscheinungen des Lebens durchflicht das Gesetz, auch die, welche in anderen Religionen als jenseit des Heiligen gelten. Gerade an die unteren Grenzen des Bewusstseins stellt es seine Posten, ״zu hüten den Weg zum Baume des Lebens.“ Ein einheitlicher Gesichtspunkt beherrscht das ganze Dasein. Es soll nicht nötig sein, dass man den Alltag mitsamt seinen Sorgen und Freuden flieht und in Utopien sogenannte ״Erbauung“ sucht. Das Leben des Alltags selber ist heilig und durch die Heiligkeit schön. Zerrissenheit aber und Disharmonie ist das Merkmal aller modernen Poesie, und an Zerrissenheit und Disharmonie krankt das Leben und Schaffen der Westjuden. Keine Einheit mit der zeitlich und räumlich uns umgebenden Welt, keine Reinheit in Mikrokosmos. Täglich gehen unbefriedigende Kompromisse in Szene. Kinder, die in nichtjüdischer höherer Schule, in nichtjüdischer Berufsgemeinschaft, und, was das allerschlimmste ist, in religionsindifferentem oder ״religiös“ sich nennendem Freundeskreise aufwachsen, vor denen der Talmud sich sozusagen für seine Existenz entschuldigen muss — solche Kinder gehören nicht der Gemeinde des ״Sollens“ an, deren herrliche Geschichte Breuer in seiner Abhandlung über den Messianismus ergreifend malt. Die Widersprüche in der Lebensgestaltung des Einzelneu, an deren Duldung die Juden Westeuropas in stumpffester Weise sich gewöhnt haben oder zu gewöhnen drohen, bilden eine Gefahr, viel grösser noch als die Bekleidung des jüdischen Volkskörpers mit dem modischen nurnationalistischen Kleidchen. Denn die Politisierung der Judenheit kann, was freilich schon schlimm genug ist, das Volksleben als ganzes entgöttlichen, die geistige, kulturelle und gesellschaftliehe Vermischung aber geht selbst dem ans Leben, der sich dann dem Volksleben entziehen würde, um rein zu bleiben! Poesie ist das ״Soll“ des menschlichen Lebens. Zurück zur altjüdischen Poesie der Einheit und Reinheit! —• Zwei Augenblicke gibt es im menschlichen Leben, vor deren Weihe selbst die göttliche Gemeinsamkeitsforderung zurücktritt: Der Schmerz des Verwaisten und die Freude des Neuvermählten. Aber auch das ist keine Durchbrechung eines der besprochenen Grundsätze. Nein, es ist ein Konsequenz der Forderung der Reinheit. Der Schmerz um den in die Ewigkeit vorausgeeilten Verwandten soll in seinen ersten Tagen den ganzen Menschen erfüllen, vor allem die Fürsorge um die sterblichen Reste derselben, in denen Gottes Ebenbild geehrt wird. Selbst das Gebet, der höchste der Gedanken, hat dieser Sorge zu weichen, damit niemals ein Gottesebenbild ungeehJt dahinfaule. Und ebenso ist das tägliche Gebet ausser Kraft in den sieben Tagen des Mischteh, wo das Menschenpaar seiner Pflicht für die Ewigkeit