Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 11 (11.1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 200 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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200 Reizen vor der Welt, ja nur vor ihrem Nächsten zu prunken oder von Tänzen und änlichen unjüdischen ״Poesie“-Kundgebungen zu sprechen! — Und heute?... So ungesund wie der Kultus der lebenden Schönheit ist die Verehrung des Schönen in der Schöpfung. Einen Gott nur kennt das jüdische Empfinden. Wer unterwegs in sein Wort vertieft ist und zu Ehren eines göttlichen Geschöpfes aufblickt, der beleidigt gleichsam den Herrn vor seinen Dienern, den ■ewigen Schöpfer vor den vergänglichen Geschöpfen, die der Ewigkeit zu dienen, nicht ihren Dienst zu stören geschaffen sind. Die jüdische Poesie darf also ein poetisches Interesse daran haben, alle Dämonen und Nebengötter, alle Verhimmelung menschlichen Körpers und Geistes, alle Ideale und Idole aus ihrem Kreise zu bannen. Monotheistisch ist gesunder Menschengeist; Gott ist der Pol, um den die Einzelnen — die Seele, wie das Irdische — kreisen, nicht aber der Mensch ein Pol, um den die Schöpfung tanzt IV. Die Gesundheit. Männlich ist nicht bloss das Gegenteil von weiblich, sondern auch von kindlich. Das Nur-Kindliche ist aus der in unserem Sinne jüdischen Poesie ausgeschaltet. ״Haltet eure Kinder vom Fantasieren fern“, warnt ein Talmudwort. Diese Meinung wird von einigen Erklärern auf das bezogen, was der heutige Barmizwajünger ״Bau einer eigenen Weltanschauung“ nennt, von anderen sogar auf das eigenmächtige Sichbeschäftigen Unreifer mit der schriftlichen Lehre ohne Kommentar. ״Wehe dem Land, dessen König ein Kind ist!“ Das Kindlich-Unerfahrene, die Unreifheit, die Empfindungen, die mit der Tatsachenwelt nicht vereinbar sind, sind unserer Poesie fremd. Denn das ist das Urelement aller Grundzüge der jüdischen Poesie: Gesundheit! Nichts Abnormes, Krankhaftes, Ueberreiztes hat in sie Eingang gefunden, nichts Stumpfes, Reizloses und Gewöhnliches. ״Naturalismus“ ist ihr fremd, obzwar oder eben weil sie den Tatsachen treu ist, den gedanklich wohl aufgenommen Beobachtungen. Nicht den dunklen elementaren Gewalten, die der heutige Sprachgebrauch gedankenlos mit ״Natur“ bezeichnet! Lohnt es sich danach noch, den ״jüdischen“ Kindererziehern Verständnis zu widmen, wenn sie noch vor den anmutigen Erzählungen der Bibel — Märchen und Sagen ihren Zöglingen vorsetzen? Man tut freilich, glaube ich, den Brüdern Grimm selber Unrecht, wenn man ihre Sammlung ausschliesslich als Kindermärchenfibel oder -bibel behandelt, besonders wenn man all ihre Teile so nimmt. Wie dem auch sei: Der Laie und besonders, das Kind sieht im Märchen nur das Unheimliche und Groteske, nur den Spuk, nicht den Geist. Man braucht zwar nicht jede Regung des Kinderherzens nach Wunderbarem zu unterdrücken. Aber eben dieses Unwahre, das durch die Märchenwälder spukt, macht seine Fantasien unhaltbar und bietet gesunden Kindern keine Illusion. Der Geist, aus dem und zu dem die wirren Reden der Feen und Sagenhelden sprechen, ist nicht der reine ungetrübte Kindersinn, auch nicht der jugendlich-kräftige Frohsinn, sondern die überreizte Fantasie einsamer Heidekolonisten oder Mönche. Der jüdische Poesiefreund erlebt die Schönheit der Schöpfung auf anderem Wege, erlebt sie ohne unterbrechendes Aufblicken vom Buche des Lebens — und fährt nicht schlechter dabei!