Mannheim
Compact Memory

Blätter · 1919-11-01 · 11 (11.1919) · p. Seite 199

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blätter
Volume
5 (1919)
Issue
11 (11.1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 199 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6467833-9641057-9626205--1030-9626218
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

199 im heutigen Sinne entbehren kann und muss, soll uns der Verlauf unserer nur dem Inhalte der jüdischen Poesie gewidmeten Betrachtung ganz von selber klar, ja selbstverständlich machen. II. Die Männlichkeit. Gross ist die Ehrfurcht, welche die vielgeschmähte alttestamentliche Poesie vor dem Ideale der jüdischen Frau hegt. Das Kapitel Escheth Hajil singt: ״Sie öffnet den Mund in Weisheit, und Gottes gnadenvolle Lehre ist in ihrer Sprache. Geistig wie irdisch ist sie Eser kenegdo, die Stütze des Gatten, seine Ergänzung überall da, wohin seine Veranlagung nicht reicht. Auch ihr Mittragen am Erdenleiden und besonders ihre Hinopferung im Innenleben des jüdischen Hauses mit allen seinen Schmerzen und Entsagungen hört ein Poesie verstehendes Ohr in den Worten des Spruchdichter besungen. Nirgends aber finden wir jene Vergötterung des Weiblichen, die ausserhalb des jüdischen Schrifttums wuchert. Eine Frau als einziges Objekt eines ganzen Schir war allen jüdischen Zeitalter undenkbar; diese Deutung des Schir ha-Schirim blieb erst dem ״Jahrhundert der Emanzipation der Frau“ Vorbehalten. Die Feinfühligkeit des jüdischen Denkens hält es, Gsd. vielfach auch heute noch, für ein Unrecht, das Zarte im weiblichen Seelenleben durch Ignorierung oder durch Vergötterung zu berühren; durch Ignorieren, — das sind die Roheiten der Emanzipation; durch Vergötterung, — das sind die der Poesie. Kennzeichnend für dieses Zartgefühl ist der Brauch, dass die jüdische Frau vom Habdalakelch nicht teilnimmt. Nach einem rätselhaften Talmudwmrte nämlich unterbleibt ihr Mittrinken ״wegen der Geburtsschmerzen.“ Der Kelch des Abschiedes am Sabbath ist für sie nicht bestimmt. Des Mannes Hinopfern der Persönlichkeit geschieht draussen im Lebenskämpfe, der durch den Sabbath unterbrochen wird. Das der Frau kennt keine Unterbrechung, das Leid selbst des Gebärens ist nur der Gipfel. Er wandert vom Ruhetag ins Selbstopfern; sie von Opfer und Opfer; der Kelch, der ihn tröstet, ihr wäre er ein Schmerz mehr. — Darum sagt an anderer Stelle ein Talmudwort: Stets speise der Mensch unter seinem Vermögen, kleide sich entsprechend seinem Vermögen und kleide und ehre seine Gattin über Vermögen. Er ist nicht berufen, den Fluch zu lösen, den sie von Weltbeginn an vor ihm voraus hat. Wohl aber berufen, sich mosser nefesch zu sein zur Erleichterung ihres Loses. So sagt das gesunde Empfinden, und so die jüdische Poesie. So ist auch sie nicht bestimmt, ihn zu mimen, zu kopieren, sondern in ihrer Art Gott zu dienen, nicht ihn ״zu sich hinanzuziehen“, als sei sie das Ideal, sondern den Weg zum höchsten Ideal ihm zu weisen und in Wort und Tat ihn zu leiten. E r preist Gott, der ihn nicht zur Frau gemacht, und s i e preist Gott, der sie gemacht nach seinem Ratschluss. III. Der Monotheismus. ״ שקר החן והבל ־יופיLüge ist die Anmut, Moder die Schönheit“ — so klingt das kleine Hohelied, das Schlusskapitel von Mischle, aus: אשה יראת ה‘ היא תתהלל ״eine gottesfürchtige Frau, sie preist sich selber“. Die Reize der jüdischen Frau, die ewigen wie die zeitlichen, sind für das Ewige geschaffen; diese Unterordnung unter ■das Ewige ist in ihrer Bestimmung enthalten. Nie bringt sie es über sich, mit ihren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.