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Blätter · 1919-11-01 · 11 (11.1919) · p. Seite 198

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blätter
Volume
5 (1919)
Issue
11 (11.1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 198 (sequence 12)
Language
German
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198 über die Grenzen hinaus! Darin liegt die bedeutsame Mahnung, die in den vorausgehenden Zeilen bereits betont wurde: Wo die Aesthetik mit den Forderungen der Ethik, der Religion in Konflikt gerät, muß sie unbedingt zurücktreten. Die Verbindlichkeit der Gebote muß unangetastet bleiben und darf nicht ästhetischen Rücksichten geopfert werden. Wie die Weltanschauung des alten Griechentums zu Grunde ging, wie jene Geistesrichtung bei uns keinen Bestand haben wird, der die Flucht in die Welt des Schönen und der Kunst ein gleichwertiger Ersatz für die verloren gegangene Religiosität scheint, so muß jede Weltanschauung zusammenbrechen, die allein auf die Verherrlichung des Schönen gerichtet ist. Die ästhetische Verfeinerung ist nur ein Moment in der sittlichen Erziehung. Der Spruch Noach’s, mit dem er die künftigen Aufgaben der Völker bestimmen wollte יפת אלק־כ ליפת וישכון באהל' שם wird von den Weisen ausgelegt: Die Schönheit Japhets wohne in den Zelten Sems, der hohe und ernste Beruf Sems möge durch das schöngeistige Wirken Japhets ergänzt werden. Möge auch auf uns der Geist des Schönen bei der Erfüllung unserer Pflichten im schweren Lebenskämpfe seine leuchtenden und erwärmenden Strahlen senden. A. B. Altjüdisches und modernes Poesie-Ideal. Zehn ״Herabsteigungen“ Gttes schildert uns ein alter Midrasch, zehn Eingriffe seiner strafenden Hand in das Weltengeschehen. Ihnen gegenüber zählt ein anderer Midrasch zehn Erhebungen des Menschen in die Ewigkeitssphären auf, zehn Lieder, die aus dankbaren Menschenherzen zum gttlichen Erlöser emporgestiegen sind. Sie stammen aus allen Zeitaltern der glorreichen Vergangenheit; nur eines, das letzte, ist der großen, dereinstigen Erlösung Vorbehalten. Alle Lieder dieser Reihe, die sämtlich in der heiligen Schrift enthalten sind, führen den Titel ישירה ein weibliches, zartes Lied; das Lied der großen Zukunftserlösung dagegen heißt שיר. In männlicher Kraft und Fülle wird sein Ton dereinst himmelan steigen aus dem Munde des Volkes, das nach jahrhundertelanger Ohnmacht von neuem mit Mannesmacht ausgestattet ist. In dieser Gegenüberstellung erkennen wir deutlich den Angelpunkt des Unterschiedes zwischen jüdischem und außerjüdischem Poesie-Ideale. Letzteres klingt in den Worten: ״Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“ in die Apotheose des Weiblichen aus; unsere Poesie aber? — Gleichzeitig sehen wir aus der weltumfassenden Zehnzahl des genannten Midraschwortes, daß eine erschöpfende Dar- Stellung des jüdischen Ideales auch in starken Bänden nicht möglich ist, geschweige in den Grenzen dieser Betrachtung. Nur die Grundzüge ihres Gegensatzes zu modernen Begriffen wollen wir besprechen, und auch von diesen nur die markantesten: Die schon genannte Männlichkeit, den Monotheismus, die Gesundheit, die Einheit und die Reinheit. Auch dann können wir nicht systematisch Vorgehen, sondern nur an einzelnen Beispielen aus Lehre und Leben des Judentums die Grundlagen seiner Poesie erkennen. Dass sie jeder Form, jeder Metrik, jedes Versmasses

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