Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 11 (11.1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 197 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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197 Sinn des Volkes fiir Rhythmus und Gesang wieder. Die Wiedergabe der Empfindüngen des reichen jüdischen Gemütes in diesen einzigartigen Melodien ist besonders im Ostjudentum zu hoher Vollendung gediehen. Sehr viel wäre noch über das Vorhandensein von Poesie und Schönheit in unserem gewaltigsten Werke, der Bibel, zu sagen. Bei der großen Ausdehnung dieses Gebietes kann hier nur das für unser Thema Kennzeichnende gebracht werden, zumal ja jedem der Inhalt leicht zugänglich ist. Welche Anmut liegt da über der Rutherzählung, über der Brautwerbung Rebekkas durch Elieser, den treuen Knecht Abrahams! In herrlichen Gleichnissen haben Jakob und Moses ihren Segen über die 12 Stämme ausgesprochen, hat Salomon uns seine Weisheit mitgeteilt. Liebliches Saitenspiel dringt beim Lesen der Davidsgeschichte an unser Ohr; wir sehen die anmutigen Reigentänze der Mädchen im Freien und machtvoll steigen die vielstimmigen Chöre der Leviten zum Himmel empor. Poetische Kraft und bezwingende Schönheit liegt in den Weissagungen eines Jesaja, und die wehmutsvollen Trauerklänge eines Jeremija haben in den vielen Jahrhunderten der Not und Peinigung des jüdischen Volkes in dessen Herzen tiefsten Widerhall gefunden. ״In Leid und Freude muß ich G’tt dienen,“ so jubelt der Psalmist und immer wieder fordert er den Menschen, die Tiere, die Natur und alles, was darin ist, auf, zusammenzustimmen zu brausenden Harmonien, mit schmetternden Fanfaren, mit Harfen und Flötenspiel, mit Cymbeln und Posaunenschall, miteinzustimmen in die gewaltige Symphonie zum Preise und Lobe Gttes. Eine Fülle von Poesie ist hier verschwenderisch ausgestreut, ein lebendiger Sinn für das Schöne überall zu spüren; und es ist nicht zu verwundern, dass jene Werke weit über das Judentum hinaus Gemeingut der Menschheit geworden sind. Wahrlich: die Ausbildung der Seele zur Harmonie muß uns durch die Aneignung des biblischen Stoffes und die Verwirklichung seiner Lehren gelingen! — Wir wollten mit flüchtigen Strichen zeigen, welche Rolle im Judentum die Schönheit spielt. Es liegt nahe, die Lehre für unsre Zeit zu ziehen und die Frage zu stellen, ob denn die Worte!דרכיה דרב* ניעב, die unsre Weisen oft als Riehtschnür selbst in halachiseher Beziehung anwenden, von uns genügend beachtet werden. Diese Worte: ״Ihre Wege seien Wege der Anmut“ sollten auf unsre Lebensweise maßgebenden Einfluß in der Richtung ausüben, daß wir alles Häßliche, Geschmacklose und Unschöne aus unserm Gedankenkreis verbannen. Und da müssen wir bekennen, daß es bei uns, im Leben des Einzelnen, wie in der Oeffentlichkeit Erscheinungen gibt, die alles andre als eine Verwirklichung des oben angeführten Schriftve1־i>es bedeuten. Nathan Birnbaum hat in seiner Schrift ״Gttes Volk“ in dieser Hinsicht harte Worte an die Frommen Israels gerichtet: ״Ihr seid nicht emporgeschritten in der Heiligkeit der Pracht, von der Gtt den Menschenkindern zugeteilt hat. Ist es nicht deshalb, weil ihr sein Gut nicht gehütet habt, nicht gedachtet der Würde euerer Ahnen, der Anmut eurer Ahninner, und der Schönheit ihrer Zeiten, nicht liebtet Ordnung und Reinheit in eurem kleinen Bereiche, wie Er Ordnung und Reinheit liebt in seinem großen Bereiche, sondern immer für Euere Ruhe fürchtet, nur um Euere Bequemlichkeit besorgt seid“. Und für die Schaar der Aufsteigenden wird dort als Forderung aufgestellt: ״Um aufzusteigen in der Pracht, verpflichten wir uns zum Streben nach Schönheit und Anmut, nach Reinlichkeit und Ordnung an uns und an allem, was in unserem Bereiche ist, doch nicht über die Schranken und Grenzen der Züchtigkeit, der Erkenntnis und des Erbarmens hinaus.“ Nicht