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Blätter · 1919-11-01 · 11 (11.1919) · p. Seite 196

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blätter
Volume
5 (1919)
Issue
11 (11.1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 196 (sequence 10)
Language
German
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196 Agada finden wir diesen Geist. Die Zahl der poetischen Agadoth und Midraschim ist außerordentlich groß. Wie oft finden wir diese Midraschim und Meschalim im Spruchschatze anderer Völker durch die schöne äußere Form als Künder tiefer Lebensweisheiten pädagogisch besonders geeignet. Die Fundgrube liegt jedoch im eigenen Schrifttum und mit wenig Mühe können wir hier selbst köstliche Schätze geben. Welcher poetische Schimmer verklärt hier die Sabbat-Feier, den Freitagabend und die jüdischen Feste überhaupt. Ein Midrasch lautet: Die Sabbat-Feier ist es, die ‘“הקיפי am Ende des Schöpfungswerkes in die Welt treten ließ, daß dem gemalten und getäfelten Baldachin die Braut nicht fehle. Sie ist es, die Gttes kostbarstes Kleinod war. und zu der er kein schicklicheres Gegenstück fand, als Israel. Einer andern Agada zufolge sitzt sie wie eine Prinzessin, wie eine Braut zwischen ihren Gespielinnen buntgeschmückt verborgen in einem Palast im Paradies, im innersten von 7 Gemächern und ihre 6 Mädchen, die 6 Werktage, bedienen sie. Bei ihrem Eintritt in die Stadt wenden alle ihr Antlitz gegen das Tor und empfangen sie mit dem Gruße: Willkommen, o Braut, willkommen, 0 Braut, Königin Sabbath. (Leider ist von dem Zauber dieser Sabbathstimmung in unsern Tagen wenig mehr zu spüren.) Selbst viele Halachoth atmen diesen Geist. So folgende: ״Man darf am Sabbath weder mit dem Schwert, noch mit dem Bogen, noch mit dem Panzer, noch mit der Lanze ausgehen. Rabbi Elieser sagt: Sie sind ein Schmuck für ihn und man darf mit ihnen ausgehen. Die Weisen aber sagen: Sie sind ein Schandmal für ihn, denn es heißt: Sie sollen ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden, ihre Lanzen zu Rebmessern, nicht soll Volk gegen Volk das Schwert erheben und den Krieg soll man fürder nicht mehr erlernen.“ Ferner sind über schöne Bäume und Lebewesen Segenssprüche auszusprechen. Von Rabbi Simon ben Gamliel wird erzählt, daß er einst auf dem Söller des Tempelberges stand und eine schöne Heidin sah; da rief er als Segensspruch den Psalmvers aus: Wie groß sind deine Werke, o Gtt! Und wenn einer sagt: ״Wie schön ist dieses Brot, wie schön sind diese Feigen, gepriesen sei, der sie geschaffen hat“, so gilt das als Segens- Spruch über sie. Auch im Innern der jüdischen Häuser kam dieser Sinn für das Würdige und Formenschöne zum Ausdruck. Mit welch liebender Sorgfalt ließ man die Menoroth, Chanuckah- und Sabbathleuchter!!erstellen; wie wurden sie geschätzt, und als kostbares Erbstück von den Kindern übernommen! Eine schön geschriebene Megillah, eine alte Habdalahbüchse, eine getriebene Esrogschale, eine silberne Sederschüssel waren gar begehrenswerte Dinge und der Stolz derjenigen, die sie besaßen. Der vielgerühmte Familiensinn der Juden hat nicht selten seine Ursache in der anheimelnden Wirkung dieser Gegenstände, in dem frohen Festgeist, der mit jedem Feiertag ins Elternhaus eingezogen ist und dort alles mit harmonischer Ruhe erfüllt hat. ln der Ausstattung der Synagogen, von einfachen, ruhigen und gediegenen Räumen auf dem Lande bis zu den prachtstrotzenden Tempeln der Großgemeinden zeigt sich gleichfalls das Streben nach Würde und Schönheit. Gute Beispiele waren da die biblischen Vorbilder. Wir bewundern heute noch die erlesene Zusammenstellung der Teile der Stiftshütte; die Pracht des Salomonischen Tempels ist allgemein bekannt. Die Verwendung von Gold, Marmor und Elfenbein geschah hier in einem Ausmaße, das wir uns kaum vorstellen können. Was uns besonders an den Festtagen den Besuch des Gottesdienstes so wert macht, das sind die Pijutim, die tiefen, religiösen Dichtungen gottbegeisteter Männer. In den köstlichen Melodien, den Neginoth der Gebete spiegelt sich der

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