Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 11 (11.1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 195 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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195 liehen Veranlagung befriedigt. Schönheit an sich kann also niemals etwas Schlechtes oder Verderbliches sein. Erst die Art und Weise der Ausgestaltung des Verhältnisses des Menschen zur Schönheit und zur Pflege des Schönen ist maßgebend für dessen Einfluß. Sagt doch der Psalmist von Ott selbst יהוד והדר לפניו Hoheit und Schönheit sind vor ihm; Schönheit gehört also zum Wesen der Gttheit und zeigt sich uns in dem harmonischen Zusammenhang des gttgeschaffenen Weltalls am herrlichsten. Das Judentum, das nichts Unnatürliches von uns verlangt, wird daher niemals die Unterdrückung dieses Sinnes verlangen, sondern es wird im Gegenteil die Entfaltung des Schönheitsstrebens in bestimmten Grenzen fördern und fordern. Allerdings ist der Sinn für Schönheit im Judentum weniger in einzelnen Meisterwerken, wie bei vielen anderen Völkern, zu überragendem Ausdruck gekommen, er hat sich mehr auf das gesamte Kulturleben der Juden niedergeschlagen und verbreitert, wo wir ihn hauptsächlich im jüdischen religiösen Schrifttum und in der Ausgestaltung und Ausstattung des Pflichtenlebens antreffen.*) So gehört zu den Gesetzen, die für das Heiligtum gelten, die Bestimmung, daß ein Priester, der einen Leibesfehler hat, zum Dienste nicht zugelassen wird. Für den Diener im Heiligtuine wird also nicht nur innere Reinheit in sittlicher Beziehung verlangt, sondern auch Schönheit des Körpers und Ebenmaß der Glieder sind Voraussetzungen für seine Tauglichkeit. Der Hohepriester soll neben anderen Eigenschaften, die ihn vor seinen Brüdern befähigen, durch Schönheit der äußeren Erscheinung ausgezeichnet sein. Das Gleiche gilt vom König unter Beziehung auf den Vers in Jesajah: יטלך ביפיו תחזינה עיניך nur in Schönheit mögen deine Augen den König erblicken. Im Traktat Sabbat lesen wir, der Mensch soll zur Ehre seines Schöpfers, in dessen Ebenbild er geschaffen ist, würdig auftreten; er darf daher sein Aeußeres nicht vernachlässigen. Der Thoragelehrte hat diese Pflicht ganz besonders zu beobachten; wenn er durch Unachtsamkeit in seiner Kleidung Anstoß erregt, so ist er sogar des Todes schuldig. Selbst deine Ausdrucksweise sei so gewählt, daß sie dem ästhetisch empfindenden Menschen wohlgefällt. So wird von Rab erzählt, daß er einen Schüler keiner Antwort würdigte, weil er sich eines häßlichen Ausdrucks bedient hatte, und von Hillel, daß er einem Schüler prophezeite, er werde einst ein großer Lehrer in Israel» werden, weil er sich immer bemühte, jeden unschönen Gedanken zu vermeiden. Doch soll die Sprache dabei nicht allzu gewählt und weitschweifig werden, damit nicht die Kürze und die Deutlichkeit der Ausdrucksweise leide. Für die Ausübung der Gebote haben die Weisen folgendes nahegelegt: Erfülle Deine Gebote in schöner ansprechender Weise, deine Laubhütte sei schön, dein Feststrauß, dein Schofar, deine Zizis; wenn du eine Thaurorolle schreiben läßt, so möge sie ein kunstverständiger Schreiber in schöner Schrift hersteilen und sie durch schöne Umhüllung verzieren. Dieses Prinzip der schönen Form bei der Ausübung der Gebote soll nach einer andern Halacha selbst dann durchgeführt werden, wenn es erhebliche Kosten verursacht. Wer in der Lage ist, soll sich bemühen, den Wert der Mizwoh durch schöne Ausgestaltung ihres Objekts zu erhöhen. Aber nicht nur in diesen Anweisungen zur rechten Art der Ausübung der Gebote zeigt sich die Freude der Weisen an dem Schönen, auch dort, wo wir Gleichnisse, Erzählungen von ihrem und anderer Leben erfahren, vor allem in der *) Die folgenden Beispiele sind zum größeren Teile einem ähnlich lautenden Aufsatze von Dr. Unna im Jeschurun I entnommen.