Mannheim
Compact Memory

Blätter · 1919-11-01 · 11 (11.1919) · p. Seite 194

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blätter
Volume
5 (1919)
Issue
11 (11.1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 194 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/6467833-9641057-9626205--1025-9626213
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

194 immer höchsten und vornehmsten Reiz hatte. Und finden wir denn irgendwo bildende Kunst, ohne hundertfältige Darstellung des Menschen und des menschliehen Körpers? Mit diesem Verbot war also dem Entstehen einer bildenden Kunst im Judentum von vornherein der Boden entzogen: Auch im talmudischen Schrifttum werden uns Stellen genannt, die für eine ähnliche Auffassung sprechen. So spricht Rabbi Jakob im dritten Abschnitt der Birke Aboth: ״Wer auf einem Wege geht und lernt und sich in seinem Studium unterbricht und spricht: Wie schön ist dieser Baum, wie schön ist dieses Feld, dem rechnet es die Schrift an, als ob er sich an seiner Seele versündigt hätte“. Diese Mischna berührt uns im ersten Augenblick eigenartig. Sollte dieser Gelehrte so geringschätzig über das Schöne in der Natur gedacht haben? Als Antwort auf diese Frage sei hier der Ausspruch eines Mannes angeführt, der gewiß nicht im Verdacht steht, Anhänger des traditionellen Judentums zu sein, nämlich Achad Haam’s. Er sagt: ״Die Aestheten unter uns haben alle ihre Pfeile gegen diese arme Mischna verschwendet, aber wer auf den Geist achtet, wird auch aus ihr zwischen den Zeilen das Rauschen des Herzens und die zitternde Sorge um das künftige Schicksal eines Volkes heraushören, das auf dem Wege geht und von seinem ganzen Besitz nur ein Buch in der Hand hat. Wendet es seine Aufmerksamkeit von diesem ab, so ist der Zusammenhang zwischen seiner Vergangenheit und seiner Zukunft gefährdet. Sein Erbteil ist allein der eigene Geist, der Geist des Judentums“. Diesen Worten ist nichts hinzuzufügen. Aus der Tendenz dieser Mischna sowohl wie aus dem Gestaltungsverbot der Thauro, dessen Grund wohl die sehr gerechtfertigte Befürchtung war, daß dem Götzendienst durch die Nachbildung von Figuren Vorschub geleistet würde, geht klar hervor: Ueberall dort, wo das Streben nach Schönheit, irgendwelche Bestandteile des religi- Ösen Gutes zu gefährden droht, ist es im Judentum verbannt und verpönt. Das ist der Kernpunkt des ganzen Problems. Die Frage dreht sich nicht darum, ob Schönheit und Kunst wertvolle Güter seien, sondern ob sie weichen müssen, wenn höhere Güter auf dem Spiele stehen. Das Motiv der Thauro ist daher kein feindseliges gegen die Kunst an sich, sondern liegt in dem Bestreben, die religiös-sittliehen Grundlagen des Volkslebens zu schützen. Das Judentum hat der Welt die Lehre von der Einheit Gottes, hat ihr die höchsten ethischen Lehren gegeben. Seine Aufgabe war und ist die Verbreitung und Verwirklichung des Guten, d. h. des von Gott als ״gut“ Gebotenen. Das Schöne konnte bei der Erfüllung dieser Aufgabe, deren Bewältigung die ganze Kraft des Volkes erforderte, nicht die Rolle spielen, die es z. B. im Griechentum einnahm; hier sprechen wir dann auch nicht von einer hohen Auffassung des Gttesbegriffs oder von ewigen ethischen Lehren, um die das Griechentum die Menschheit bereichert hätte. Von ihm erkennen wir nur die Herrschaft im Gebiete des Schönen an. Was folgt aber weiter aus dem vorhin ausgesprochenem Satze: ״Ueberall dort, wo das Streben nach Schönheit irgendwelche Bestandteile des religiösen Gutes zu gefährden droht, ist es im Judentum verbannt?“ Ganz einfach dies: Daß das Streben nach Harmonie und Schönheit dort gepflegt werden dar.f und soll, wo seiner Betätigung vom Religionsgesetz aus nichts im Wege steht, und wo es sogar zur Förderung der religiösen Gesinnung dien t Wenn wir uns die Frage vorlegen, was wir denn im allgemeinen schön nennen, so lautet die Antwort: Wohl das, was bei uns wegen seiner Eigenschaften ein Gefühl der Harmonie hervorruft und den ästhetischen Sinn in unserer natiir-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.