Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 11 (11.1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 192 (sequence 6)
- Language
- German
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192 schlimme Folgen eintreten würden. Von uns beiden jedenfalls wäre ein halachisches Urteil darüber — und nur darum handelt es sich — vermessen. Ueber das von Ihnen gerügte orthodoxe Tanzfest kann ich nichts sagen, ich weiß nichts davon. Ich beklage jedoch die gräßliche Tatsache, daß Sie auch ein solches trauriges Vorkommnis der deutschen Gruppe der Agudas Jisroel in die Schuhe zu schieben geneigt scheinen. Es gehört schon einige Geduld und Duldung dazu, bei solchen Elulgedanken gelassen zu bleiben und nach der Mahnung des (von Ihnen, gewiß nach Graetz, als Verkörperung der Heftigkeit verschrieenen) Schamai ein freundlich Gesicht zu bewahren. — Arg auch ist Ihr Hieb auf die Frankfurter orthodoxe fugend, die selbst in dieser Unglückszeit noch am Erub - Streit starken Anteil nehme. Sie zwingen dem Leser ja geradezu die Gegenfrage auf, ob denn die Jugend der von Ihnen gepriesenen anderen Organisationen ״zu einer Zeit, in der im Osten tagtäglich hunderte von Kindern verhungerten“ ihren Tagesanliegen und Interessen den Laufpaß gab, um Sinnen und Fühlen und Handeln in den Dienst der Unglücklichen im Osten zu stellen. Merken Sie die Ungerechtigkeit Ihrer Anschuldigung gegen Frankfurts orthodoxe Jugend noch immer nicht? Dann darf ich Ihnen sagen, daß allein die Frankfurter Jugendgruppe der Agudas Jisroel für Pogromopfer und Flüchtlinge im Osten ganz letzthin 49 610,78 Mark aufgebracht hat. Daß schließlich die deutsche Gruppe der Agudas Jisroel in ihrer freilich unaufdringlichen, allem Zeitungsgeschrei abholden, dafür G. 8. D. umso gesegneteren Tätigkeit es nicht an ״rettenden sozialen Taten“ fehlen ließ, daß sie nicht ״die Pflichten gegen den Nebenmenschen vernachlässigt“ hat, daß es unwahr ist, sie habe ״den körperlich hungernden und seelisch gefährdeten Brüdern und Schwestern keine Speise und kein Geleit gewährt“, — dafür einige Belege aus der Kriegsarbeit der deutschen Gruppe der Agudas Jisroel: Sie hat gesorgt für die von Kriegsnot betroffenen Brüder in Galizien, Polen, Litauen. Sie hat zahlreiche Schulen errichtet und erhalten für die der Verwahrlosung preisgegebenen Flüchtlingskinder Galiziens. Sie hat die Flüchtlings-Zentren mit Mazzos, Ritualien und Büchern ausgestattet. Sie hat die Jeschiwos und Talmud-Thora-Schulen in Polen wieder aufgerichtet und gefördert. Sie hat den schon dem Untergang verfallenen Cheder in Polen gerettet und neuzeitlich ausgestaltet. Sie hat die Mädchenbildung im Osten (Herr Dr. Fraenkel!) aufgebaut und durch tüchtige Pädagogen thoratreu geleitet. Sie hat die orthodoxen Massen in Polen organisiert, hat überall Jugendvereine gegründet, die Jugend ertüchtigt, daß sie am öffentlichen Leben teilnehmen kann, unter sorgfältiger Wahrung der religiösen Traditionen, und sie hat mannigfache literarische Arbeiten in jüdischer Sprache herausgegeben. Sie hat bei den neusten schweren Heimsuchungen der Unsrigen im Osten eine weitverzweigte Sammeltätigkeit für die Pogrom-Opfer und Flüchtlinge veranlaßt und geleitet. Sie hat zu Gunsten der gefährdeten, Jahrhunderte alten Thorastätten Jerusalems tätig eingegriffen. Sie hat den Kriegswaisenfond geschaffen und mehrere Hundert Waisenkinder bereits versorgt.