Mannheim
Compact Memory

Blätter · 1919-11-01 · 11 (11.1919) · p. Seite 191

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blätter
Volume
5 (1919)
Issue
11 (11.1919)
Date
1919-11-01
Page
Seite 191 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6467833-9641057-9626205--1022-9626210
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

191 Führern in dürren und talmudisch verbrämten Worten auf den Kopf Zusagen, sie hätten Brüder und Schwestern in Tod und Schande versinken lassen und inüssig beim Blute ihres Nächsten gestanden, und das aus ״programmatischen Gründen.“ Bei den programmatischen Gründen lassen Sie uns einen Augenblick halt machen. Ihnen erscheinen sie als Prinzipienreiterei. Mir als halachische Entscheidüng meiner rabbinischen Lehrer. Diese haben den Eintritt in die zionistische Organisation als einen Issur erklärt. Da gilt es gleich, ob der Raw ein Huhn ״assert“, dem die Galle fehlt, oder eine Organisation, der die Seele fehlt. Emun as Chachomim fordert Agudas Jisroel: Disziplin, Selbstbeherrschung, Vertrauen in die Träger der Thora, auch da, wo unser Auge anders sieht, auch da, wo uns vor den Folgen ihres Wahrspruches bangt. Der Ihnen nahestehenden jungen Dame hätte ich, wäre Sie meine Tochter, beherzt untersagt, Blau-Weiss-Führerin zu werden, selbst auf die Gefahr hin, dass sie dadurch die eine blauweisse Seele für den Schabbos nicht würde retten können. Das ist meine von Ihnen besonders ״ganz genau“ gewünschte Antwort. Nicht wahr? in Münchens Strassen tragen Sie am Schabbos kein Brot bei sich auf die Möglichkeit hin, einmal einem Verhungernden damit das Leben retten zu können. Ihre (zu dem prachtvollen Erfolg jedenfalls zu beglückwünschende) Blauweisslerin müsste ja folgerichtig vollends antireligiösen Vereinen auch beitreten. Unterschiede zwischen Subjekt und Objekt der Erziehung zu konstruieren, erschiene mir überhaupt verfehlt; denn sind erst die Subjekte der Führung darin, dann folgen die Objekte der Fürsorge schnell nach, und der schlimmen Folgen gäbe es kein Ende. Es steht uns aber garnicht zu, in derlei Fragen die möglichen unheilvollen Folgen gegeneinander abzuwägen und danach selbständig, jeder nach seinem Gutdünken, zu handeln. Darauf vielmehr kommt es an, ob unsere Thoragrößen den erstrebenswert erscheinenden Schritt billigen oder nicht. Nach dem Grundsatz: mauro rabboch kemauro schomajim wird Ihnen das rabbinische zum göttlichen Verbot, nicht aber zu einem in Verruf zu erklärenden ״programmatischen“ Grundsatz. Die Folgen aber, die bei Ihnen eine seltsame Rolle spielen, stellen Sie ruhig dem himmlischen Gesetzgeber anheim, mit der Bitte: hatauw be-ejnecho assej! Sie sind alsdann joze in dieser und in jener Welt, wie Rabbi Josua es war, als er an dem von ihm errechneten Jomkippurtage mit Stab und Geld auf Rabbon Gamliels Geheiß bei diesem erschien. — Jetzt werden wir einander eher verstehen: Die Zugehörigkeit zum Zionismus halten sämtliche. Rabbiner! der orthodoxen Gemeinden Deutschlands und die meisten andern ehrwürdigen Rabbonim hierzulande für religionsgesetzlich abträglich. Wohl gibt es auch Rabbiner und thoratreue Gelehrte von hohem Ansehen, die anders denken. Allein aus der nun einmal bestehenden Meinungsverschiedenheit ergibt sich für Sie und mich eben erst recht, daß ein jeder sich rückhaltlos dem Standpunkt seiner Lehrer anzuschließen hat. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, wenn Ihnen Ihre zuständigen Rabbonim etwa erlauben oder gar empfehlen sollten, Zionist in misrachistischem Gewände zu werden, und wenn Sie danach handeln. Machen Sie mir aber bitte auch keinen, wenn ich nach Erziehung und dem Einfluß meiner Lehrer jeglichem nicht überlieferten jüdischen Nationalismus fern bleibe. — Schelten Sie bitte auch nicht auf den orthodoxen polnischen Juden, der sich von seinem Rebbe von der Delegierung in eine, wie Sie schreiben, lediglich von Neologen und liberalen Zionisten geleitete Schule zurückhalten ließ. Der Rebbe wird, so gut wie Sie, haben beurteilen können, ob durch Eintritt des einen frommen Mannes in die Schulleitung die Schüler am Sabbat vom Schreiben befreit oder aber, ob andere,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.