Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 11 (11.1919)
- Date
- 1919-11-01
- Page
- Seite 190 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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190 in Kattovvitz wirklich nicht die Rede. Ohne grosse Mühe werden Sie noch andere Bibelstellen finden, die in Kattowitz nicht vorgebracht wurden. Doch hatte die große Versammlung nicht recht eigentlich die Gründung eines Vereins zur Bekampfung des Mädchenhandels zur Aufgabe, wie verdienstlich dies auch gewesen wäre. Und dass die ״Austrittsorthodoxie“ den Mittelpunkt der Verhandlungen ausgemacht hätte, werden Sie auch nicht wahrhalten können. Das schrieben Sie vielleicht aus augenblicklichem Unmut über eine Richtung, der Sie nicht hold sein mögen, deren Sache aber auch von dem Gegner einen größeren Respekt verdiente, als Sie ihr mit Ihrem wegwerfenden Wort zu bezeugen beliebten. — Weiter. Sie meinen, die dem sittlichen Elend verfallenen Seelen jüdischer Schwestern aus Polen und Litauen könnten mir und meinen Gesinnungsgenossen vor dem himmlichen Richter dereinst die Frage vorlegen, ob wir berechtigt waren, sie verderben zu lassen. 8 i e haben wohl durch Ihren Anschluss an den Misrachi dieser schicksalschweren Frage vorgebeugt? Das wäre tatsächlich ein verblüffend einfaches Rezept — für den, der daran glaubt! allein mir fehlt der Glaube. Ihre Elulgedanken, Herr Dr. Fraenkel, sind von hohem sittlichem Ernst getragen — nur endet jeder maßlos ausfallend gegen die deutsche Gruppe der Agudo. Warum? — Ich übergehe Ihre tönenden Lobsprüche auf rettende soziale Taten der zionistischen Organisation und den fortwährenden Segen, den sie ausströme. Es ist nicht jedermanns Geschmack, die eigene Sache dadurch zu verteidigen, dass man die andere hinabzieht. — Doch auf Dr. Birnbaum hätten Sie sich besser nicht berufen bei ihrem Bemühen, die deutsche Gruppe der Agudo herabzusetzen. Denn es muss Ihnen aus dem Zusammenhang unzweideutig klar sein, dass Dr. Birnbaum in dem angezogenen Satz soziale Taten garnicht im Auge hatte. — Auch Ihrer hübschen Abhandlung über die beiden Bedeutungen der Elul-Buchstaben bin ich ein aufmerksamer Leser, kein Kritiker. Wir sind darin einig, dass alle unsere Gesetze, ob sie auch von unseren Weisen aus rein systematischen Gründen in solche lamokaum und solche lachawerau klassiert werden, einheitlich Pflichten gegen Gott sind. Herzzereißend ist nur Ihre zügellose Neigung, just den Ihnen durch Gottesfurcht und Pflichttreue — ״das ist das ganze Menschentum“* — am nächsten stehenden jüdischen Brüdern etwas am Zeuge zu flicken. Und wenn nun das Häuflein konsequenter Jereim in Deutschland seine Kräfte auf diejenigen jüdischen Aufgaben allein konzentriert hätte, die von den andern Körperschaften gänzlich im Stich gelassen werden? Wenn diese kleine Schar dem Verein zur Bekämpfung des Mädchenhandels diese seine Mizwo neidlos überließe und sich dafür mit aller Hingabe zunächst derjenigen, auch nach Ihrem Herzen und Ihrer Überzeugung unerlässlichen Aufgaben annimmt, für die es keine Vereine gibt? Wäre das für Sie ein Grund, über die deutsche Gruppe der Agudas Jisroel herzufallen? Müssten Sie sich nicht umso inniger ihr anschließen, umso treuer zu ihr stehen, umso wärmer ihrem Führer danken, je schmerzlicher Sie ihre, der Agudo, Taten in allen andern Lagern vermissen müssen? Ich habe, lieber Herr Dr. Fraenkel, für Ihr Verhalten nur die eine Erklärung, dass Sie der Agudo wirklich unendlich nahestehen und aus eifernder Liebe Tadel auf Tadel häufen, wie zuweilen ein temperamentvoller Jüngling in überreicher Liebe seinen Bruder quält oder eine ehrgeizige Mutter ihr Kind. Doch sollten Sie sich veranschaulichen, dass Sie keine Mutter sind, die deutsche Agudogruppe nicht Ihr Kind und der Agudogedanke zu erhaben ist für brüderliche Verunglimpfung. Ihre Liebe geht einfach zu weit, wenn Sie den * Kauheles’ ausklingender Satz.