Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 8 (8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 140 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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140 damit in Deutschland durch den wertvollen zahlenmäßigen Zuwachs wieder starke gottesfürchtige Massen heimisch werden. 3. Was ist es, das die Annäherung, die so dringend nötige, zwischen den jung- und den alteingesessenen Juden erschwert? Gemeinsam ist ihnen das Jüdischste, nämlich Lehre und Gesetz, gemeinsam die Abstammung, gemeinsam Leid und die Sorge für unsere Gesamtheit, gemeinsam die Sehnsucht nach dem Land und seinem Erlöser, gemeinsam das Gebet, gemeinsam sogar, dem Ursprung nach, die Umgangssprache: dort das Mittelhochdeutsch von vor 3-400 Jahren mit hebritischen und polnischen terminis technicis, hier Neuhochdeutsch mit entwickelter Grammatik. Was sie trennt, sind alledem gegenüber Nichtigkeiten: dort, um ein Beispiel zu nennen, die der slavischen Umgebung eigene Lebhaftigkeit des Sprechens und der Geste — hier die dem Westeuropäer abgelauschte steifere Redeweise und abgemesseneres Auftreten, was dem unruhigen Oestier als Schwerfälligkeit und Phlegma erscheint. Solche äußerlichen Unterschiede, die lediglich unter dem Einfluß der Außenwelt entstanden sind, haben schließlich auch zwei leibliche Brüder, die, früh getrennt, in verschiedene Weltteile gerieten; auch sie finden einander beim Wiedersehen absonderlich — bis sie von Vater und Mutter, Geschwistern und Heimat sprechen. So werden auch die Brüder, die drei bis vier Jahrhunderte räumlieh getrennt gelebt haben, sich schnell nähern müssen, wenn sie von Abraham und Sara, Jisroel und Erez Jisroel sprechen. Der Anfang nur muß gemacht werden, das Mißtrauen gegen — Ejsek taatsch auf der einen, gegen den — Pollak auf der andern Seite überwunden, nicht aber der Abschluß gegen einander noch hermetischer werden. Den Anstoß zur Annäherung sollten wir geben, indem wir die Ostjuden zu Versammlungen bitten, ihnen durch unsere und ihre Redner klar zu machen suchen, daß es uns ernst ist mit dem Willen zum Zusammenschluß, zu gemeinsamer geistigen und tätigen Arbeit für einander —* und miteinander für unser heilig Volk. Eindringlich sollte ihnen vor Augen geführt werden, so eindringlich wie nur große Liebe es vermag, in welche Gefahren ihrer Kinder einzigwahre Jiidischkeit gerät, wenn diesen Gefahren nicht durch unsere organisatorischen Mittel beizeiten begegnet wird. Abneigung gegen jegliche Organisation aus Selbständigkeitsdrang, aus Widerwillen gegen ״taatsche“ Disziplin ist freilich eine stark ausgeprägte ostjüdische Eigenschaft (wir selber laborieren noch daran) und viel Takt, Geschick, Geduld, Zähigkeit, Ehrlichkeit und — nochmals — Liebe wird vonnöten sein, um zum Ziel zu kommen. Wie Wolken wurden einst die jüdischen Gemeinden aus Deutschland gen Osten gepeitscht, als ob sie wolkengleich zerstieben müßten. Nach Jahrhunderten kehrt ein Teil von ihnen — bis zur endlichen Heimkehr ins Väterland — hierher zurück, wie Tauben nach langem Ausflug zu ihren Schlägen (Dir. Hirsch zu Haftoras ki sowau). Den Wolken gleich können sie unserem dürren Boden segnendes Naß spenden; den Tauben gleich sei ihnen die alte Heimat desto anziehender, je länger sie von ihr getrennt waren. (Julius Hirsch zu Jesaias 60., 8:). ״Wer sind diese? Wie Wolke eilten sie dahin — doch wie Tauben zn ihren Schlägen.“ Möchten sie scholejm heimkehren, vollkräftig an Körper, zu vollen materiellen Erfolgen und ungeschmälert in ihrer jüdisch-sittlichen Ganzheit — wie unser Vater Jakob heimgekehrt ist, scholejm begufau, scholejm bemomaunau, scholejm besaurosau. והיה המחנה הנשאר לפליטה Halberstadt, 15. Aw 5679 Gottfried Goldschmidt.