Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 8 (8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 139 (sequence 5)
- Language
- German
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139 Verzweifelnden zu ehrbarem Dasein, den vereinigten Hilfsorganisationen zur Befriedigung und dem Verwandtschaftsgefühl Aller zur Kräftigung verhelfen würde. Dabei brauchen die kleinen, gegenwärtig angestrebten Mittel (Unterbringung in Fabriken, auf Landgütern, zum Thora-Unterricht in Landgemeinden) gar nicht in Wegfall zu kommen. 2. Die Eingewanderten der zweiten Kategorie haben in Deutschland Fuß gefaßt. Sie ließen sich nieder und fühlen sich im allgemeinen wohl. Das ist ein Trost im großen Bruderleid, daß sie wirtschaftlich anscheinend gesichert sind, G. 8. D! Nicht aber haben sie bisher einen festen Grund legen können, um ihr heranwachsendes Geschlecht für Gott und Thora zu erhalten. Noch ist bei ihnen das volle Bewußtsein nicht eingedrungen, was es bedeutet und wie schwer es ist, iu Deutschland als Jehudi zu leben und Haus und Erziehung dafür einzustellen. Noch leben sie sorglos dahin in dem irrigen Wahn, daß es sich hierzulande ebenso einfach und leicht jüdisch leben lasse, wie es ganz von selbst daheim der Fall war. Darum scheinen sie zu meinen, es genüge, Talmud Thoras für die Kinder, Beträume, Schechito, Mikwoaus zu beschaffen. Wir wissen, daß das nicht ausreicht, haben aus schmerzensreicher Erfahrung eines Jahrhunderts gelernt, daß nur der Zusammenschluß aller Gleichgesinnten in Westeuropa die Gewähr bieten kann für die durchdauernde Treue zur Thora, daß nur organisierte Gesamtheit die schwere Sorge der Charejclim bannen kann. Der Gemoro-Aussprueh, daß das junge Geschlecht deshalb so oft von der Väter- und Großväterweise abweiche, weil die Thauro sich nicht einfach vererbt, bewährt sich ganz besonders im Westen. Da muß alles organisiert sein, was im Osten das Zusammenwohnen kompakter Massen ohne organisatorisches Zutun gedeihen läßt. Kolonien in den Städten werden darum, auch 'wenn die Einzelnen für sich oder miteinander Talmud lernen, Gesamtheits-Schiurim einrichten müssen, um an ihnen ragend aufzuzeigen, daß in Deutschland mehr als im urjiidischen Osten die Thauro erworben werden muß, damit man sie besitze, und daß das Talmud - Studium hier ein Anliegen der Gesamtheit ist und von ihr organisiert sein muß, um lebenskräftig durchzudauern von einem Geschlecht zum andern. — Ebenso werden unsere neu-deutschen Brüder die Tochter-Erziehung anders aufbauen müssen als daheim. In ihren großen östlichen Gemeinden lebten die Frauen und Mädchen in einer ganz von Thauro und Jir’o erfüllten Atmosphäre, und wenn sie gar nichts lernten, atmeten sie so viel jüdischen Geist und Dinim-Kenntnis ein, daß sie mustergültige Frauen und Mütter werden konnten. Ganz anders bei uns, wo die Luft von ganz andern Bestandteilen geschwängert ist. Assimilanten sind wir allesamt in dem Sinne, daß wir von der Kultur und Anschauung unserer nichtjüdischen Umgebung in uns aufnehmen; das ist eine unabwendbare Tatsache und als naturnotwendig wahrlich keine Schande. Nur eine Assimilation ist gemein, widerjüdisch, erbärmlich: der Abfall vom Gottesgesetz. Wer einem gutjüdischen Hause entstammt und sein jüdisch Pflichtenleben dem westeuropäischen (oder auch osteuropäischen!) Zeitgeist assimiliert, der mag ein liebenswürdiger Mensch und begeisterter Palästina - Freund sein —- er ist ein Unjude. — Zu Frauen- und Mädchenkursen in Tefillo, T’nach und Diniin werden sich daher auch die östlichen Frauen und Mädchen entschließen müssen, und zwar in organisierten Gruppen, ganz wie es sich bei den Eingesessenen als unentbehrlich herausgestellt hat, damit sie als Noschim zidkoniaus ihre in allen Zeiten seit Mizrajim bewährten Verdienste um ihr Volk mit G. H. weiter bewahren und bewähren;