Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 8 (8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 138 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Hier entstand, wie an vielen Orten, ein ostjüdischer Lern- und Unterstützungsverein. Ich meldete mich zur Aufnahme und bekam keine Antwort. Zwar wissen die Leute, wie ich mir wenigstens einrede, aus mannigfacher Erfahrung, daß ich mich ihnen verwandt und zugehörig fühle. Allein ich bin nun einmal in Deutschland geboren: Mißtrauen). 1. Unter den Flüchtlingen gibt es wenige Schwerarbeiter, viele, die ein Handwerk, ein Gewerbe erlernt haben, und eine Menge Jeschiwo-Jiinger. Zur landwirtschaftlichen Arbeit sind kaum einige geneigt; wo immer es möglich ist, verlassen sie die Arbeitstellen, ln industriellen Werken und Fabriken haben an hundert untergebracht werden können. Für Handwerksgesellen gäbe es Beschäftigung; doch die Meister kleiner Betriebe können auf die Samstag-Arbeit nur schwer verzichten und sträuben sich daher gegen die Annahme jüdischer Leute oder bezahlen unausreichende Löhne. Die Talmudisten schließlich sind ganz übel dran. Handelte es sich nur um Monate, so ließe sich Rat schaffen; aber es muß damit gerechnet werden, daß die Flüchtlinge auf Jahre bei uns bleiben müssen. Gleich nachdem die ersten Ausgewiesenen und der Zwangsrekrutierung Entronnenen angekommen waren und tausende Nachzügler angemeldet hatten, lud Rosenheim auf Anregung des Gruppenverbands die in Frankfurt für ein Hülfswerk in Betracht kommenden Institutionen zur Beratung ein und legte ihnen ein vortrefflich ausgearbeitetes Programm vor. Dieses ging nach Berlin weiter und blieb da leider stecken. Tatkräftige Rabbinen und Raufleute griffen vereinzelt ein und rieten und halfen örtlich von Fall zu Fall. Doch die Zahl der Flüchtenden wuchs weiter, und heute wird sie in Berlin allein auf Vierzigtausend geschätzt. Die Polizei weist hurtig aus, ratlos wandern die armen Menschen und verbrauchen das Mitgebrachte an Geld, Kleidung und Schuhwerk. Von geldlicher Unterstützung solcher Mengen, zudem für die Dauer, kann keine Rede sein. Die Kassen der großen Verbände sind leer und jetzt nicht aufzufüllen. Nur organisatorische Maßnahmen mit geringen Kosten können in’s Auge gefaßt werden und Rettung bringen. Da fast alle Ankömmlinge mit Mitteln von Hause versehen sind und nach Oeffnung der Grenzen sogar Nachschösse erlangen können, so ist die Summe der einzeln mitgeführten und nachzuschießenden Beträge für die Gesamtheit der jungen Männer zu beanspruchen. Anders ist, wie es den Anschein hat, nicht zu helfen. Gelingt es aber, dem Gemeinsinn der Leute das Vertrauen zur (Trganisationskraft der deutschen Judenheit abzuringen, so wäre viel gewonnen. Es wären dann sofort Handwerkerschulen aufzumachen, worin die gelernten Handwerker, nachdem sie von deutschen Meistern ein Prüfungszeugnis erlangt haben, Lehrlinge ausbilden, ln Städten mit zahlreicher jüdischer Einwohnerschaft würden größere Betriebe für Schuster, Schreiner, Schlosser, Spengler, Töpfer, Schmiede, Tapezierer, Weber, Sticker, Färber eingerichtet, alles auf gemeinsame Kosten der Interessenten und ihrer Angehörigen im Osten. — Gleichzeitig können selbständige Handwerker und Gewerbetreibende sich einzeln an andern Orten niederlassen. Auf Inserate in den jüdischen Blättern würden mutmaßlich viele Hinweise eingehen, daß hier ein Buchbinder, ein Sattler, da ein Ofensetzer, dort ein Uhrmacher, ein Mützenmacher sein Brot finden kann. — Neben den Handwerksstätten müßten Thora-Lehrstätten bestehen, wo auf Kosten der neuen Gemeinschaft tagsüber ״gelernt“ wird. Die vielen Ostjudenvereine wären unschwer zur Mitwirkung durch Bemühung und Geldbeisteuer zu gewinnen; auch von Amerika, Holland und Skandinavien würde Beistand zu erwirken sein, und ein großes Werk könnte mit verteilten Kräften aufgebaut werden, ein Werk, das den