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Blätter · 1919-05-01 · 5 (5.1919) · p. Seite 86

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Journal
Blätter
Volume
5 (1919)
Issue
5 (5.1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 86 (sequence 16)
Language
German
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86 Esra-Rubrik. Kohlennot und Esraglüek. Eiti Esra-Grüppchen, bestehend aus zehn lieben zehnjährigen Mädchen und einer allerliebsten zweimal zehnjährigen Führerin unternahm in der vorigen Woche an einem schönen Frühlingstage einen Ausflug. Es ging mit der Straßenbahn nach dem drei Stunden entfernten A, von dort zu Fuß nach B, woselbst alles getan und genossen wurde, was je eine Esra-Gruppe nach den Berichten der ״Blätter“ getan und genossen hatte, und dann am Spätnachmittag wieder zurück nach A. Und da in der Zwischenzeit, wie man sich denken kann, die kleinen Beinchen und gelenkigen Züngchen nur selten stillgestanden, so waren alle bei ihrer Akunft in A rechtschaffen müde und freuten sich der Heimfahrt, auf die warme Abendsuppe beim Mütterchen und auf das mollige Bett. Desto größer war der Schrecken, als es an der Haltestelle in A hieß: Wegen des Kohlenmangels ist der Betrieb der Bahn heute schon um 6 Uhr eingestellt worden. Es dunkelte bereits, und auch bei Tage hätten die müden Kinder die drei Wegstunden bis zur Stadt nicht mehr bewältigen können. Da wurde der Bahndamm zur Klagemauer. Sarchen schluchzte zum Herzerweichen, weil sie am andern Tag schon ״die erste Stunde“ hatte, Lydia heulte, weil sie sich mit ihrem Reisevorrat doch so ein. gerichtet hatte, daß sie nichts ״heimschleppen“ mußte, und nun fürchtete, Hungers sterben zu müssen, Rena sah schon ihre Mutter krank vor Sorge, und die arme Führerin flüchtete mit kühnem Schwung auf den Bahndamm, damit ihr die sie umdrängenden, aufgeregten Mädels nicht das neue Kleid — Meterpreis 60 Ji, Facon 80 M — vom Leibe reißen konnten. ״Alles geht einmal zu Ende“, dachte sie mit Recht und schwieg beharrlich, bis endlich das Klagen aufhörte. Dann wanderte sie mit ihrer kleinen Schar dem Dorte zu, klopfte mutig an dem ersten Hause an, an dessen Tür sie eine Mesusa sah, und erzählte dort in so rührender Weise ihr Mißgeschick, daß sie sofort erzielte, was sie beabsichtigt hatte: Zwei der kleinsten Unglücklichen wurden ohne Weiteres in Pension behalten und einstweilen an den Tisch ״genötigt“, der schon für das Abendbrot gedeckt war. Die Tochter des Hauses begleitete alsdann die Führerin mit dem Rest zu anderen jüdischen Familien, und nach einer halben Stunde waren sie alle untergebracht, Küchlein samt Henne. Von der aber war überall beim Abschied das Leitwort ausgegeben worden: ״Um 8 Uhr sammeln, Treffpunkt die goldne Krone!“ Und alle, alle kamen —w ohl nicht so pünktlich, aber gut gesättigt und mit blanken Augen. Ein krätiges Mittagessen am Abend ist in ähnlichen Fällen stets der beste Trost. Die halbe Gemeinde begleitete die Kleinen, und die andere Hälfte — natürlich mit der Jugend —folgte bald nach. Der Kronensaal wurde festlich beleuchtet, und nun führte die dankbare Esragruppe alles vor, was sie leisten konnte. Wie leuchteten da die Augen der Einhelmischen! Solches hatten sie doch nicht vermutet. Sie bewunderten die geschickten, gewandten Kinder, spendeten freigibig ihren Darbietungen Beifall, und dann bestieg die Führerin das Podium, um in herzlichen Worten für die echte jüdische Gastfreund- Schaft zu danken. Was sie aber in ihrer frischen, aus tiefem Herzen strömenden Art hinzufügte, das hatte zur Folge, daß die Gemeinde A noch am gleichen Abend die Gründung einer Aguda- und einer Esragruppe beschloß. Einige der begeistertsten Männer hatten unbeobachtet den Saal verlassen. Was hatten die vor? Ihr werdet’s sogleich hören.

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