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Blätter · 1919-05-01 · 5 (5.1919) · p. Seite 77

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Journal
Blätter
Volume
5 (1919)
Issue
5 (5.1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 77 (sequence 7)
Language
German
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77 freilich verloren gegangen durch das jammervolle Dasein, das unsere Väter jahrhundertelang ohne Licht und Luit in der Kerkerhait des Ghettos zubringen mußten. Und nun wolle! wir die Liebe zur Natur wiedererwecken, indem wir uns liebevoll in sie und ihre Geheimnisse versenken. Wir wollen uns wieder selbst als ein Stück Natur fühlen lernen — ich meine natürlich nicht im Sinne der modernen monistisch-materialistischen Philosophen, die den Menschen nur und immer nur vom rein naturalistischen Standpunkte aus betrachten —, wir woben die Kluft überbrücken, auf deren einer Seite der Mensch und seine Geisteserzeugnisse, auf deren anderer die ganze übrige Natur steht. Wir wollen mit dem Vorurteil aufräumen, das gerade in jüdischen Kreisen recht weit verbreitet ist, als ob die Beschäftigung mit den sogenannten Geistes Wissenschaften allein menschenwürdig wäre. Wir wollen uns daran erinnern, daß es ja z w e i Gottesoffenbarungen gibt; die eine; die Thauro am Berge Sinai und die andere, die wir noch heute erleben können, wenn wir nur wollen: die Natur, und wollen diese nicht über jener vernachlässigen. Schließlich bringt gerade uns gesetzestreuen Juden die Betrachtung der Natur und ihrer Grenzen einen herrlichen Gewinn, eine wunderbare Begründung unserer Idee. Überall sahen wir das Naturgeschehene an ganz bestimmte Gesetze, deren Grund wir nicht kennen, gebunden; belebte und unbelebte Natur ist ihnen unterworfen. Auch der Mensch untersteht ihnen; doch der Jude soll neben diesen Gesetzen, unter deren Zwangsherrschaft er sich befindet, noch besondere Vorschriften, die wir ebensowenig zu erklären vermögen, wie die Naturgesetze, aus freiem Willen auf sich nehmen und sich auf diese Weise der Willensfreiheit, die er als Mensch besitzt, würdig erweisen. Nichts aber regt in so hohem Maße als die Wanderung zum Nachdenken über Ursache und Folgen in der Natur an und veranschaulicht ihre Gesetze. Zu diesem Zwecke aber müssen wir uns liebevoll in die Natur versenken, nicht allein durch großartige Naturschönheiten uns überwältigen lassen, sondern das Kleinste, Gewöhnlichste, scheinbar AJ1 tägliche belauschen und beobachten, wii müssen das Staunen wieder lernen, das früher die Menschen, deren Denken noch nicht angekränkelt war ״von ödem Wissenskram“, empfanden, wenn sie die Natur betrachteten, das Staunen gegenüber Naturerscheinungen, die wir mit all’ unserer Wissen- Schaft im besten Falle zu beschreiben, doch nie zu erklären vermögen; und so wollen wir immer neue und neue Wunder entdecken und schließlich — Gott selbst entdecken. Denn nicht in Büchern lebt Gott und nicht in den tiefgründigen Abhandlungen der Philosophen, wohl aber lebt Er in der Natur, wo jede Blume, jedes Blatt, und jeder Baum Seinen Ruhm kündet, wo selbst das Kleinste und Primitivste Seiner Geschöpfe durch die Zweckmäßigkeit seines Baus Zeugnis ablegt von Seinem Wirken und Seiner Weisheit. Mit dieser Betrachtung kommen wir in das Gebiet der Weltanschauung. Gerade mit der naturalistischen Weltanschauung, die angeblich auf den letzten Erkenntnissen der modernen Naturwissenschaft aufgebaut ist, hat ja die religiöse in der letzten Zeit schwere Kämpfe auszufechten gehabt. Die Dogmen dieser naturwissenschaftlichen Weltanschauungen — mögen sie sich nun Naturalismus, Monismus, Materialismus oder sonstwie nennen — aufzudecken und zu entkräften — dazu bietet die Wanderung willkommene Gelegenheit. — Wir wandern des Abends auf einsamer Land- Straße dahin; über uns ist das Firmament dicht besetzt mit leuchtenden Sternen. Die Einsamkeit und feierliche Stille ringsumher und der Anblick des Sternenhimmels regt uns — wie schon vor tausenden von Jahren denkende Menschen — zu Betrachtungen über die letzten Dinge an.

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