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Blätter · 1919-05-01 · 5 (5.1919) · p. Seite 76

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Journal
Blätter
Volume
5 (1919)
Issue
5 (5.1919)
Date
1919-05-01
Page
Seite 76 (sequence 6)
Language
German
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76 sie doch werden, wird sie nicht rechtzeitig ins richtige Gleis gelenkt. Hier tut sich ein reiches und fruchtbares Betätigungsfeld für den Führer auf, der ja vor allem g e i - stiger Führer sem soll: Schon jetzt, wo dieses Nationalgefühl sich noch in seinem Anfangsstadium befindet, wo es noch unbeeinflußt und unverdorben׳ durch alle mögliehen Theorien ist, wird des Führers Einwirkung einsetzen, auf der Wanderung selbst oder auf den ersten Heimabenden nach der Fahrt, wenn alle noch unter dem frischen Eindruck des Erlebten stehen. Da muß sie der Führer aufklären über ihr unbewußtes Volksgefühl: ״Ja, wir sind eine Nation. Ihr habt es ja erlebt, und die Geschichte beweist es. Wir sind eine Nation kraft unserer nationalen Aufgabe, die wir am Sinai empfangen haben: das Gottesgesetz zu erfüllen und dadurch ein Gottes. Volk zu werden. Doch wir sind kein Volk wie andere Völker sind ״ein Volk, das einsam wohnt, unter die Nationen sich nicht rechnet“. Denn wir sind ein unsterbliches Volk, unsterblich durch die Idee unserer Nation. Daher ai'^h nur solange unsterblich als wir unsere Aufgabe als unsere nationale anerkennen. ״Sowie wir sie beiseite werfen, hören wir auf, Nation zu sein oder werden zum mindesten sterbliche Nation wie die anderen und gehen unter, wie hunderte anderer bereits untergegangen sind. Das beweist die Geschichte unseres Volkes!“ — Bedenken wir ferner, einen wie geradezu unersetzlichen Wert diese großen Wanderungen für die besitzen, die nicht das Glück haben, in einem echt jüdischen Milieu aufgewachsen zu sein, die jüdisches Leben vielleicht nur vom Hörensagen kennen, wenn sie selbst nur für wenige Tage - - jüdisch unter Juden leben können. Doch auch das religiöse Empfinden derer, die eine jüdische Erziehung genossen haben, erfährt durch die Eindrücke und Erlebnisse auf den Wanderungen eine ungeahnte Bereicherung und wertvolle Anregungen. Ich denke da an unsere letzte große Fahrt, auf der wir über Schabbos wegblieben, denke daran, wie mancher unter uns vielleicht selten in seinem Leben den Schabbosge danken so klar und lebendig erfaßt hat wie damals: einen Tag zu bestimmen, an dem man nach all’ den mannigfachen Eindrücken, die während der Woche auf ihn eingestürmt sind, wieder zu sich selbst kommen, wieder mit sich selbst, mit seinem Gotte einig werden kann. Und wer es ferner gesehen, bewußt gesehen hat, mit welcher Begeisterung unsere Jungen alle Mizwaus unter den oft recht schwierigen Verhältnissen ausgeübt haben, wer die Simcho schel mizwoh, die Freude über die Erfüllung des göttlichen Gebotes gesehen hat, die innere Glückseligkeit, die sie empfunden haben, wenn sie ein Gebot allen Schwierigkeiten zum Trotz recht vollkommen ausführen konnten, den können jene in seiner Anschauung nicht irre machen, die da meinen: ״Die Gesetzesherrschaft ist freudenbar und freudenfeindlich“ — vorausgesetzt freilich, daß man unter Freude innere Befriedigung und Beglückung versteht. Ebenso wie die große mehrtägige Wanderung, kann aber auch die Tages- oder Halbtagsfahrt jüdische und allgemein-religiöse Werte schaffen. Was diese leisten kann, — vorausgesetzt, daß sie von einem für seine Aufgabe restlos begeisterten Führer, der auch seine Wanderer mit sich fortreißen kann, geleitet wird — das ist, daß sie Liebe und Gefühl für die Natur, ihre Schönheiten und ihre Wunder bei der jüdischen Jugend wiedererweckt Um ein Wiedererwecken handelt es sich nur: denn unsere Väter, die im heiligen Lande als ein Volk von Bauern und Hirten in inniger Verbindung mit der Natur lebten, besaßen jenes Naturgefühl. Das zeigen uns unsere heiligen Schriften, das zeigen uns die wunderbaren Naturschilderungen im Buche Hiob und in den Psalmen, deren Naturbetrachtung so himmelweit entfernt ist von jeder Sentimentalität, wenn einmal im 104. Ps. die ganze Natur, belebt und unbelebt, beseelt gedacht wird zum Preise ihres Schöpfers. Dieses Naturgefühl ist dann

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