Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 3 (3.1919)
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 38 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6467833-9641057-9626101--0921-9626109- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
58 Vergangenheit zitiere ich nur I. Breuer ״Messiasspuren" (S- 30): ״Die ganze Kraft seines Sehnens bohrt sich in die Vergangenheit. — Aber siehe, es ist nicht die Vergangenheit, wie sie war, sondern die Vergangenheit, wie sie hätte sein können. Mit der Allgewalt seiner sehnenden Phantasie hebt es die geschichtliche Vergangenheit mit ihren dunklen Flecken aus den Angeln und setzt die strahlende Zukunft an ihre Stelle". --- Ist aber die Golnszeit wirklich nur eine Episode zu nennen? Also nur eine untergeordnete Zwischenhandlung, oder ist sie doch ein wichtiger Teil von Gottes Erziehungsplan, bedeutend für das jiidischc Volk wie für die Menschheit, wenn auch nicht voll erkennbar in ihren Zwecken? 7. So sehr wir mit der idealen Gesinnung einverstanden sind, die aus den die Berufswahl betreffenden Bemerkungen spricht, so hätten wir es doch lieber gesehen, wenn die - nur angedeutete -- Auffassung schärfer zum Ausdruck gekommen wäre, daß der Brotberus immer ein Teil des wahren Judenberufs sein soll. Jeder Beruf — ideal aufgefaßt und ausgeführt - ist teilweise Erfüllung des wahren Judenberufs האדם מכבד את מקומר• Die hier gewählte Gegenüberstellung von Brotberuf und Judcnberuf könnte mißverständlich wirken. 8. ״Er soll nicht ruhen, bis er dort (in Erez Jisroel) weilt, und dort nicht ruhen, bis er Gott schaut." Was versteht das Frankfurter Programm unter letzterem? Wir meinten, es sei wohl das von jeder Beweisführung unabhängige, seiner selbst sichere intuitive Erfassen von Gott. Das aber ist von Erez Jisroel unabhängig, das sollte sich überall erreichen lassen, es ist ja wesensverwandt mit dem im ersten Programmsatz erwarteten ״Mit der jüdischen Seele Erkennen". Also warurn erst dort nicht ruhen, bis er Gott schaut? 9. Bei der ״gemeinsamen Arbeit für Jugendgruppen" wird verlangt, daß die Gruppen Sorge zu tragen haben, daß kein Mitglied auch nur einen einzigen Tag vergehen läßt, ohne dem Talmud ein hinlängliches Maß von Zeit und Geisteskraft gewidmet zu haben. Das hört sich wie Zwang und Überwachung an. Warum nicht lieber ״... haben dahin zu wirken, daß jeder seine Ehre darein setze"? 10. Entschiedenen Widerspruch erfordert aber die Bemerkung, es sei die größte Schande sür den Juden, ein Am Haarez zu sein. Gewiß לא עם האר*ן ד/מיד aber es ist immerhin möglich, daß ein Am Haarez ein ehrlicher Jehudi ist. Ein schlechter Jehudi, ein schlechter Mensch zu sein, ist eine viel größere Schande; תלול zu verursachen ist weit schlimmer. Der Verfasser des Programms gibt das sicherlich zu. Warum aber dann diese Wendung? Man betrachtet es als selbstverständlich, daß ein Agudohmitglied sich tadellos führe. Das veranlaßt uns, von einem Mangel des Programms zu sprechen. Die Jugendorganisation will doch erziehlich wirken, sie kann nicht durchaus gefestigte junge Menschen als ihr Material voraussetzen. Wer wollte nun leugnen, daß gerade in den Jugendjahren, in denen sich der Charakter bildet, wie auf geistigem Gebiete so auf moralischem schwere Versuchungen aufkommen, innere Kämpfe stattfinden? Und wenn man auch neue geistige Ghettomauern aufrichten will, die Naturtriebe bleiben, und fremde Einflüsse dringen doch ein. Während nun das Programm die jüdische geistige Kultur eingehend behandelt, ist die Forderung zu vermissen, daß beim Lernen das Ethische besonders hervorgekehrt werden soll, daß Wille und Gemüt nachdrücklichst beeinflußt werden. Viel zu wenig ist — wie schon oben zu be-4 merken Gelegenheit war die Pflicht der Entwicklung moralischer Eigenschaften, vor allem der Selbstlosigkeit, in den Mittelpunkt gerückt, viel zu wenig bei der ״Gemeinsamen Arbeit der Jugendgruppen" die Ausgabe der LebcnsheiliguRg berücksichtigt. Und doch hätte die häufige Enttäuschung über die lernende Jugend