Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 1/2 (Januar/Februar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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26 Ein CtiamUdio oier JYlürdien für meine lieben Esrafcinder. Ihr wißt doch noch, wie leid es uns allen tat, als an dem Sonntag, an dem wir eine Wanderung machen wollten, der Himmel es nicht erlauben wollte und es regnen ließ, so stark, daß alle Hoffnung, die Sonne könne vielleicht doch noch kommen, fortgeschwemmt wurde. Den ganzen Tag dachte ich: „Eigentlich müßten wir doch geh.n, denn wir wo'.eu uns dock' abhärten, damit wir auch körperlich starke Jchudim werden". Aber es regnete zu schlimm, und so mußten wir unsere schöne Wanderung halt auf ein anderes Mal verschieben. Als ich nun abends eingeschlafen war, da träumte mir, ich sei ganz allein spazieren gegangen, weit, weit fort, bis ich schließlich in einen großen, großen Wald kam. Es war so ein richtiger Winterwald, alle Bäume standen kahl und nackt da und streckten ihre Zweige bittend zum Himmel empor, als ob sie sagen wollten: „Oh lieber Gott, beschütze uns doch vor dem kalten, strengen Winter". Und ich verstand, was sie wollten und fügte hinzu: „Ja, lieber Gott, laß bald Frühling werden für die Bäume und Blumen, für die Menschen und ganz besonders für unsre lieben Esrakinder". Während ich das noch so laut dachte, hatte ich mich auf einem alten Baumstumpf niedergelassen, denn ich tvar von dem weiten Weg rechtschaffen müde geworden. Auf einmal horchte ich auf! Was war denn hier los? Was ging denn hier in dem stillen Wald vor? Ein Wispern und Flüstern, ein ganz feines Klingen und Lachen Hub an, rund um mich herum. Ganz still saß ich. Rührte kein Glied und wagte kaum zu atmen. Da, richtig, da regte sich's! Unter einem welken Laubblatt kam ein kleines Engelein hervor, das war ganz wunderschön zum Ansehen, und auf dem Kopf trugs ein niedliches Krüglein, das mit allerhand Laub umwunden war. Und da sah ich auch noch eines neben einer großen Eiche Hervorkommen, und da noch eines, von überall her kamen sie und sammelten sich ganz in meiner Nähe. Das war ein Leben und ein eifriges Hin und Her, ein Lachen und Schwatzen, daß mir schließlich die Neugier keine Ruhe mehr ließ und ich mir ganz stark wünschte: „Ach, wäre ich nur auch so klein wie all die kleinen Wunderwesen, daun könnte ich doch wenigstens verstehen, was da eigentlich vorgeht". Da merkte ich aber auch schon ganz erstaunt, daß ich kleiner und kleiner wurde, bis ich schließlich nicht mehr größer war als so ein Engclchen. Wie ich mich da noch so verwundert betrachte, da hatte mich auch schon eines bemerkt und rief mir zu: „Oho du kleiner Faulpelz, was stehst du da und hast noch nicht einmal dein Krüglein bei dir!" „Ja, was ist denn eigentlich los hier?" fragte ich anstatt zu antworten. Da fingen sie alle an zu lachen und hüpften um mich herum und riefen durcheinander: „Oho,' der schläft ja noch! Der hat ja alles vom vorigen Jahr vergessen und weiß noch nicht einmal, daß der liebe Gott uns aus unserem Winterkämmerlein befreit hat, damit wir den Bäumen und Blumen neuen Saft bringen!" „Der weiß ja nicht, daß heute Chamischoosor ist, unser schönster Tag im Jahre!" „Ja, denke doch bloß, uns danken cs die Menschenkinder, wenn im Frühling die Bäume Blätter und Blüten treiben, wenn's im Sommer und Herbst so viel Obst, Äpfel und Birnen und Kirschen und Pflaumen und noch vieles andere gibt". Und aufs neue jubelten sie, sodaß die Sonne es nicht mehr hinter den grauen Wolken aushielt und neugierig ein paar wunderschöne goldene Sonnenstrahlen zu den niedlichen Saftträgerinnen sandte. Die wurden aber erst jauchzend begrüßt! Schnell stellten die Chamischoosor-Englein ihre Krüglein beiseite, faßten sich an den Händen, hüpften auf die Sonnenstrahlen und tanzten darauf den schönsten Reigen, den ihr euch denken könnt. „Das müssen unsre Esrakinder sehen!" dachte ich, lief rasch fort, um euch zu holen, da stolperte ich über eine Baumwurzel, — wachte auf und — lag in meinem Bette und blickte verwundert um mich. Und richtig! als ich auf den Kalender sah, da wars Chamischoosor. Da ließ ich all unsere Esrakinder ins Heim