Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 1/2 (Januar/Februar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6467833-9641057-9626065--0844-9626089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
23 Es spricht Rabbi Jochanan: Bigsan und Seresch waren tarsäischer Abstammung und sprachen die fremde Sprache ihres Stammes, die, ihrer Meinung nach, keiner sonst im Lande verstand. So unterhielten sie sich denn ganz laut und unbefangen. Es sprach der eine: „Seitdem die neue Königin im Palaste ist, folgt Fest auf Fest, so daß seit Wochen schon der Schlaf aus unseren Augen gewichen ist". Der andere: „Wir müssen uns des zechlustigen Tyrannen befreien, indem wir Gift in die Wcinschale streuen". Ersterer: „Unsere Dienstarbeit führt uns auseinander, wir haben verschiedene Posten, wie sollten wir dann die Tat gemeinschaftlich ausführen?" Der Zweite: „Ich will nun, während du die Giftmischung besorgst, auch deinen Posten versehen". Bei all dem wußten sie nicht, daß sie in Mordechai, der als Mitglied des Sanhedrin alle siebzig Sprachen beherrschte, einen Lauscher hatten, der ihren Mordplan zunichte machte. So heißt es denn auch in der Megillah: „Und es wurde untersucht die Sache und gefunden", d. h. der eine Diener ward nicht auf seinem Posten gefunden. * * * Es gab keinen, der sich auf Verleumdung so verstand und seine Hetzrede so einleuchtend zu begründen wußte, wie Haman. „Und cs sprach Haman zum König Achaswerosch": Wir wollen die Juden vernichten. Achaswerosch, durch die Erfahrung seiner Vorgänger gewitzigt, trug jedoch Bedenken, mit diesem Volk und dessen Gott anzubändeln. Haman aber sprach: „Jeschnau" ihr Gott schläft, er würde keinen Finger mehr für sie rühren, da sie, ungleich ihrer Väter, von seinen Geboten gewichen sind. Achaswerosch: Immerhin dürften doch noch fromme Gelehrte unter ihnen sein, die sie beschützen. „Nein", erwiderte Haman, „Am echad", ein Volk, es ist der eine so geartet wie der andere. Auch wird keine empfindliche Lücke in der Bevölkerung durch ihre Ausrottung entstehen, denn, sie sind ja „verstreut und versprengt", da ein Häuflein, dort ein Häuflein, „in allen'Ländern deines Reiches", innerhalb deiner Landesgrenzen, sodaß sie die Macht unseres Gesetzes und die Gewalt unseres Schwertes überall erreicht. „Und ihre Gesetze sind anders als die aller Völker", indem sie mit uns nicht essen, noch trinken, noch sich ehelich verbinden. „Und die Gesetze des Königs beachten sie nicht", da sie das ganze Jahr hindurch mit den Ausdrücken: „Heute ist Sabbath! Morgen ist Feiertag!" sich den öffentlichen Arbeiten entziehen. „Und des Königs ist es nicht würdig, sie am Leben zu lassen", da sie selbst bei ihrem Male den König kränken und beleidigen. Fällt eine Fliege in eines Juden Becher, so entfernt er diese und trinkt den Wein weiter, berührt jedoch unsereiner, und wäre es der König selber, seinen Becher, so läßt der Jude den Wein stehen und wendet sich voller Ekel von ihm ab. * * * Drei Engel begleiteten Esther vor des Königs Thron. Der eine beschleunigte ihre Schritte, der andere verlieh ihr unwiderstehliche Anmut, der dritte richtete des Königs Szepter so, daß es Esther den Willkommensgruß zuwinkte. * * * Nabba erklärt die Schlaflosigkeit des Königs Achaswerosch folgendermaßen: Es kam ihm Artzwohn in den Sinn, denn er grübelte darüber nach, welche Bewandtnis cs mit der Einladung der Königin an ihn und Haman haben konnte. „Am Ende", sagte er sich, nach langem, selbstquälerischem überlegen, „schmieden sie finstere Mordpläne gegen mich. Wäre aber dem so", sagte er sich wiederum, „so gäbe es doch sicherlich noch einen in meiner Umgebung, der aus Freundschaft, Königstreue oder in Erwartung königlichen Lohnes mir den Plan verraten hätte. „Oder", mußte er sich weiter fragen, „bin ich etwa jemand für derlei Dienste den Dank schuldig geblieben, sodaß heute keiner mehr der Mühe wert findet, für mich i