Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 1/2 (Januar/Februar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6467833-9641057-9626065--0838-9626083- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
17 In der Mitte trug ein geistvoller Maggid עין יעקב vor. Den Zuhörern spürte man noch den Erdgeruch ihrer Beschäftigung an. Nach der schweren körperlichen Tätigkeit des Tages war die Geistesarbeit ein besonderer Genuß. Man fühlt so recht, wie der Segen des Psalmisten sich erfüllte יגיע כפיך כי האבל. — Als wir dann nach dem Maariwgebet wieder bei unserem Gastwirte anlangten, da faßten wir unsere Tageseindrücke kurz zusammen in dem Segensspruch: ברוך מציב גבול אלמנה» Noch einmal das zerfallende ״Schulhäuslein". Vor ein paar Monaten versuchte ich eines der m. E. ernstesten Probleme unseres jüdischen Gegenwartslebens — das Lernen der jüdischen Landkinder — im Rahmen einer ernst wehmütigen Märchenplauderei*) vielen vor Augen zu führen und viele daraufhin zu weisen, welch ungeheure Arbeit da zu leisten wäre. Dringende, notwendigste Arbeit! Ich will noch einmal sagen, was ist und nehme die Verhältnisse einer bestimmten Gemeinde zum Ausgangspunkt. Es ist nur ein Abbild für viele. Zusammengeschmolzen durch Wegzug, Sterben und Kriegsverluste setzt sich die Gemeinde aus wenigen Familien zusammen, nicht steuerkrüftig genug, um die notwendigsten Kultuseinrichtungen aus eigenen Mitteln zu bestreiten, geschweige einen eigenen Lehrer zu halten. Aber eine schöne Anzahl Kinder wächst heran, Kinder, die etwas lernen sotten, die nach Wunsch ihrer Ellern Jehudim werden sollen und verschmachten müssen, weil ihnen keine Speise, verdursten müssen,, weil ihnen kein Trank von der ״Lebensquelle" gereicht wird. Denn was wissen denn die Eltern selber, wenn sie schon Zeit hätten, selbst mit den Kindern zu lernen? Und was kann bei noch so gutem Willen denn der von auswärts kommende Lehrer ausrichten, tvenn er alle Kinder einmal in der Woche ein knappes S t ü n d - lein um sich versammelt? Es kann nie und nimmer genügen, daß an einzelnen Orten, an Stätten unaufhörlichen, idealen Strcbens und Lernens, Schaffens und Lehrens diu Geschlecht herangezogen wird, das wieder Grundlagen sein eigen nennen darf, die cs befähigen, in Lehre und Leben Juden zu sein ״mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Vermögen"! Es genügt nicht, daß an einsamer Oase in der Wüste, wie sie z -B. die Thorabund-Gründung darstellt, neue Saaten gepflanzt, neue Blüten erschlossen werden sollen tdabei bin ich mit manchen anderen, von den künftigeil realen Erfolgen dieser Gründung noch nicht allzusehr überzeugt). Nein, da muß ganz andere Arbeit geleistet werden. Materiell müssen solche lehrerlose Gemeinden noch viel mehr gestützt werden, als es bisher geschieht. Aber was am dringendsten notwendig ist: Sendboten jüdischen Wissens, begabte, begeisterte Menschen, die Kinder zu unterrichten verstehen, müßten hinausgesandt werden, und wenn cs nur einmal ein Paar Wochen, weim es nur von Zeit zu Zeit wäre, wenn cs nur in Form von L a n d k u r s e n geschehen würde. Ich bin mir bewußt, daß solche Forderungen viel leichter mit Idealismus aufzustellen, viel bequemer in der Theorie darzulegen, als es in der Wirklichkeit, ine Alltag zu erfiillen sind! *) ״Israeli:", 0(0. 30—30 vorigen Jahres.