Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 1/2 (Januar/Februar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6467833-9641057-9626065--0831-9626076- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
10 irrung der ihrem Gotte und ihrer Menschheit entfremdeten politischen Nationen, unser nationales Elend als Folge der durch unsere Unzulänglichkeit eingetretenen Gottesferne, unser nationales Streben als Streben nach Wiedererlangung der Gottcsnähe in Gottes Lande deklarieren und dürfen das zu Boden ziehende Mißverhältnis zwischen solch hoher Bestimmung und solch weitabgclegener Wirklichkeit nicht scheuen, wenn es gilt, unser erhabenes Geheimnis vor frevler Mißdeutung und Verzerrung zu retten. Daß wir eine Nation sind: unsere Väter wußten, warum sie's nicht auf den Markt hinausschrien. Es war nicht die Angst vor Verfolgung und Bedrückung: es war die Scham, die der in Verbannung geschickte, in Verkommenheit geratene Königssohn empfindet, seine hohe Abstamniung dem Pöbel zu verraten. Uns ist die Nation nicht letzte Gegebenheit. Unmittelbar auf Gott führt sie sie zurück. Gott hat sie, ein zweites Etwas aus dem Nichts, mit eigenen Händen geschaffen, um die Menschheit zu erlösen. Untrennbar ist diese Nation mit Gottes Erdennähe, untrennbar ist ihr Elend mit Gottes Erdenferne verstrickt. Wer sich als Sohn dieser Nation begreift, wer den Mut hat, seine Lebensbestimmung bewußt national zu fassen, der nimmt damit die unermeßlich schwere Verpflichtung auf sich, jeden Tag seines Lebens um Gottes Erdenserne zu trauern, jeden Tag seines Lebens als verloren zu erachten, an dem er nicht um Gottes Erdennähe gekämpft und gerungen. Gottes Recht nur bringt Gott zur Erde zurück. Gottes Recht allein bringt Gott und uns dem Lande wieder. Gottes Recht erlöst die Menschheit. Wir haben keine Wahl mehr. Um die Nation geht heute der Kampf. Wir müssen die Parole aufnehmen. Aber spielen dürfen wir mit dem jüdischen Nationalismus nimmer. Die Nation an die Spitze des Programms setzen und im übrigen die alte Leier erschallen lassen: das darf nicht sein. Aus dem messianischen Charakter unseres Nationalismus, den wir an die Spitze setzen, muß sich Punkt für Punkt unseres ganzen Programms entwickeln lassen, wenn selbst dieses Programm eine völlige Umgestaltung unseres heutigen Seins von uns heischt. Nur wenn wir diese Umgestaltung an uns vollziehen, werden wir den Zionismus wirklich überwinden. Agudas Jisroel wird messianistisch sein, oder der Zionismus wird über sie hinwegschreiten. Frankfurt a. M. I)i\ Isaak Breuer. Die Heimkehr nach Palästina unter Esra und Nehemia. Vor einigen Jahren noch gänzlich unvorhergesehene Umstände haben uns in letzter Zeit die Ercz-Jisrocl-Frage näher gebracht. „Näher gebracht" ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck hierfür. Denn es gab ja keinen Tag, an welchem wir nicht Zions und Jerusalems gedachten, an welchem wir nicht den Wiederaufbau Zions und Jerusalems herbeigeschnt haben. Wohl aber haben die Ereignisse Erez Jisroel in den Vordergrund des politischen Interesses gerückt. Woran man im entferntesten nicht gedacht: Durch den Zusammenbruch der Türkei wird auf dem Friedenskongreß voraussichtlich über E. I. als der Heimstätte des jüdischen Volkes verhandelt werden. Mit welchem Ergebnis und mit welchen politischen Rechten cs ausgestattet werden soll, liegt noch unter dem Schleier der Zukunft verhüllt.