Blätter
- Journal
- Blätter
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 1/2 (Januar/Februar 1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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9 der von ihnen angerichtete Schult entfernt wäre, darüber sind sie zur Klarheit der Erkenntnis niemals gelangt. Es waren eben nur Anfänger. Hoch über sie erhebt sich der Zionismus. Er lernt von ihnen, das Gesetz zu eliminieren. Aber am Zerstörungsgraus findet er keinen Gefallen. Mit genialem Blicke überwindet er den Inhalt, mit dem seine Vorgänger sich so lange in spielerischer Tätigkeit ausgehalten, und entdeckt voll trunkener Freude die reine Form des Judentums, sein Allerheiligstes, von dem die ganze Geschichte ihren Ausgang genommen: das jüdische Volkstum, die jüdische Nationalität an sich. Bei der Form angelangt, ist es ihm ein leichtes, das ganze Judentum aus den Angeln zu heben. Nur die Form ist zeitlos; der Inhalt zeitgeboren. Das ganze nationale Gesctzesleben, wie die Geschichte es kennt, ist nur die eine von verschiedenen Möglichkeiten nationaler Entwicklung, es ist die einzige Möglichkeit, die bisher verwirklicht ist. Wer aber möchte bestreiten, daß dem Boden der Nation, genügend gedüngt, nicht noch tausend andere Möglichkeiten entsprießen könnten! Damit aber hat das Gesetz eine völlig neuartige Bewertung gefunden. Es ist die bis jetzt einzige, kostbarste Blüte der Nation. Aber um sie herum sprießt cs bereits. Und selbst die tauben Früchte der Gesetzesuntrcue können immerhin auf nationalem Boden reisen. Der nationale Boden ist nichts als Mutterschaft. Den Kindern ist, ob schön oder häßlich, gesund oder krank, gegliedert oder verkrüppelt, die Mutterliebe gewiß. Der zionistische Nationalismus ist eine I d e e. Rein spezifisch jüdische Idee; beileibe nicht. Das tut aber ihrer Bedeutung keinen Eintrag. Es ist die stärkste, die wirksamste aller modernen Ideen, die Idee des Nationalismus überhaupt, in ihrer besonderen Anwendung auf das Judentum. Diese Idee verträgt weder einfache Ablehnung noch gar misrachistische Kompromißlerei. Am allerwenigsten letzteres. Ideen dulden kein Verhältnis zur linken Hand. Ideen gehen an die Persönlichkeit. Sie wollen restlos überwunden oder restlos anerkannt sein. Ein drittes gibt es nicht. Der Messianismus, wie ich ihn in meiner Schrift „Messiasspuren" (Verlag von Rudolf Leonhardt Hammon K. G. in Frankfurt a. M.) theoretisch zu begründen versuchte, setzt Idee gegen Idee und will die jüdische Nation gegen das Gift des zionistischen Nationalismus immunisieren. > Der Zionismus nimmt zu der Form, in der sich alles jüdische Leben betätigt, eben der jüdischen Nation, eine ganz bestimmte Stellung. Sie ist ihm, in völligem Anschluß an die allgemeine europäische Ideologie, letzte geschichtliche Gegebenheit. Demgegenüber genügt es nicht, wenn wir, teils in gekorener Nachahmung, teils der „allgemeinen Stimmung" gewissermaßen zwangsweise nachgebend, uns selbst und unsere Programme und sonstige Kundgebungen mit einigen Tropfen nationalen Öles salben, im übrigen aber mehr oder weniger alles beim Alten lassen Jede Nachahmung ist schädlich und jeder äußere Zwang von Verderben. Gegenüber der furchtbaren Gefahr der zionistischen Reform müssen wir das Letzte, das Teuerste, was wir bis jetzt in keuscher Scheu kaum je zu nennen wagten, was wir als Heiligtum in unserem Innersten bargen, müssen wir die letzte wirkliche Gegebenheit unseres jüdischen Bewußtseins heranholen, müssen, ob wir dessen würdig sind oder nicht, das Hochziel jüdischer Bestimmung auf unsere Fahne heften, müssen, ob wir selbst vor Scham erglühen, in die Arena der Völker uns hinausstellen, die nationale Form unseres Seins als göttlichen Protest gegen Jahrtausende alte Ver-