Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 11 (1960)
- Issue
- 236 (18.11.1960)
- Date
- 1960-11-18
- Page
- [Seite 4] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4. i i DAS ECHO” 18. November I960. l>ie Liquidation — aller Ruhe. In einem Aufruf, unterschrieben vom Chiefrabbi Israel Brodie, Haham Solomon Gaon, Israel M. Sieff und Isaac Wolfsen, wurden die Zionisten Englands augefordert, keinen Widerstand zu leisten. Einige Abgeordnete im House of Commons interpHierten, aber die Diskussion verlief ruhig und friedlich. Churchill und Macmillan verabschiedeten sich in herzlichen Worten vom Zionismus und die englische Presse veroeffentlichte rührende Nekrologe über die Zionistische Organisation. 77, great Kussel Street (Zionist Federation) wurde geschlössen, so auch die Büros in 217, Tottenham Court Road (Aliyah Abteilung), in 107, Glucester Place (Wizo), in 2, Bloomsbury Place (Peale Zion) und in 345 Grays Inn Road (Mizrachi). Am schnellsten liquidierten sich Mapam und die Latidmann-Gruppe der Allgemeinen Zionisten. Abba Eban arbeitete Tag unu Nacht und konnte nach etwa zwei Wochen offiziell mitteilen, dass über 500 zionistische Vereine in England und Irland aufgeloest wurden. Ausserdem hatte er von 150 Synagogen schriftliche Bestaetigungen erhalten, dass sie ihre zionistische Affiherung annulliert hatten. Am naechsten Tag erschien eine Delegation der Jugendorganisationen im Dorchester Hotel und überreichte ihm feierlich eine Kiste mit alten zionistischen Souvenirs, Fahnen und mit Schlüsseln ihrer Heime von London bis Glasgow. Es war das erste Mal, dass die Vertreter von Habenim, Bachad, Dror, Haschomer Hatzair, Anoar Hazioni, Bnei Akivah und Zionist Youth eine einheitliche Aktion, wenn auch die , letz|ev“ntff" nommen hatten. Unter den Schlüsseln befinden sich auch die der Eder Farm. (Haschscharah), von Dower House und Thaxted. , . ... Abba Eban war auf seine Arbeit stolz. Was er aber nicht verstehen konnte, war, dass diese Orgaisationen die iaehriich Millionen Pfunde nach Israel schicken konnten, grosse Schulden hatte. Fast alle Vereine hatten weder /die Rechnungen Jur die Miete, noch für Licht und Telephon bezfhjen koennen. Fast taeglich erhielt er Mahnungen, insbesondere Rechnungen für die eingestellten Zeitungen Jewish Observer”, “Jewish Vanguard Jevish Review”, “Gates of Zion Tarbuth und für einige Jugendschriften. Abba Eban lehnte die Bezahlung ab und entschloss sich, wieder eine Versammlung einzuberufen. Etwa tausend ehemalige Presidenten, Secretaere, Kassierer und Exekutiv- Mitglieder kamen. Eine überraschend hohe Summe, mehr als notwendig war, wurde gesammelt. Als Abba Eban nun in grosszugiger Weise erklaert hatte, dass er mit diesem Betrag alle Rechnungen bezahlen koenne kam es zu rührenden Szenen. Landman umarmte Bakstansky, Perr> •von der Zionist Federation küsste Levenberg von der Jewish Agency, Ra ,- bi Litvin vom “Gates of Zkmv trank Lechajim nm Jon Kimche vom Jewish Observer”, Wizo-Frauen laechelten Pionier-Frauen an und Berstein von c.er Mizrachi tanzte mit Natham vom hn neuen Board of Llepuhes gab es keine Zionisten menr, mit Ausnahme von Barnett Jänner, der wieder kandidierte Aber ein älter Anti-Zionist, William Dukesen, wurde mit überwiegender Majoritaet zum Presidenten gewaehlt. Barnett Jänner verliess erregt die Sitzung und zog sich vom jüdischen Leben zurück. William Dukesen dankte in seiner Ansprache Ben-Gurion, weil durch oen Ministerpraesidenten von Israel die zionistische Clique vom Board of Deputies beseitigt wurde. Aber es genüge nicht. erklaerte er, nur zionistische Büros zu schliessen, man müsste aucb de.n z'®' nistischen Geist toeten. Er entwickelte sein Programm und sprach über das “Prinzip, dass die Juden nur eine rehg:oese Gemeinschaft” bilden. Neue Parteien entstanden, darun. ter “ludische Geselligkeit” “Liga der Anti-Zionisten” und dip ‘ Union der Englaender jüdischen Glaubens die gemeinsam mit dem “American Council for ludaism” und aehnl.chen Organisationen eine Weltkonferenz nach Genf einberufen hatten. Ueber 50 Laender schickten ihre Vertreter, darunter auch Sowjet-Russland. Eine Weltorganisation “Bürger des jüdischen Glaubens” wurde geschaffen und London wurde das Hauptquartier der europaeischen Exekutive. Im Board of Deputies wurden auch Delegierte der “Landsmannschaft der Sabras” zugelassen, nachdem sie nachgewiesen hatten, dass sie seit Jahren im Geiste von Ben-Gurion eine Flüsterpropaganda gegen die Zionistische Organisation und Nahum üoldmann erj folgrelch geführt hatten. Wichtig für die Anerkennung war die Tatsache, dass Sabras in England sich niemals zionistisch beteiligt hatten. Die Anerkennung der “Chevrah Natore Karta” erfolgte im Board of Deputies ohne Diskussion. , Die Raeder der zionistischen Maschine Englands standen still. Das zionistische Leben ruhte und das zionistische ] Herz hoerte zu klopfen auf. Keine Versammlungen, keine Konferenzen, keine Sitzungen, keine Kommissionen, keine Dinners, keine Seminars und keine Hebraeischkurse. Auch die jüdischen Tagesschulen wurden geschlossen. Zwar bemühte sich Dr. S. Fox diese zu erhalten, aber niemand wollte sie übernehmen. William Dukesen begrüsste das Verschwinden der Jüdischen Tageschulen als wichtiges Ereignis im jüdischen beben Englands, ln allen Staedten wurden die Kommisionen für den Jüdischen Nationalfonds und für den Joint Palestine Appeal aufgeloest. Michael M. Sacher, Praesident des J. i N. F. dankte ab und mit ihm die Lei- I tung, bestehend aus 82 Personen, und so auch Sir Simon Marks, gemeinsam mit 96 Personen, vom Joint Pälestine Appeal. Abba Eban wandte sich an den Board of Deputies, um die Leitung der Sammelaktionen für Israel zu übernehmen aber der Board erklaerte, dass er keine „Fonds für “eigene Zwecke” habe u'nd nicht “Fonds für fremde Zwecke” verwalten koennte. Der Jewish Board of Guardians dagegen war bereit, den J. P. A. zu leiten, unter der Bedingung, dass das Geld in England bleiben würde. Gesuche von Hilfsbedürftigen aus Israel müssten nach London geschickt werden, und diese würden vom “Standpunkt der Humanitaet” betrachtet werden. Ben-Gurion teitte freudestrahlend dem Knesset mit, dass über 10 000 zionistische Vereine und einige hundert Institutionen, von Finnland bis Surinam, liquidiert wurden. Sogar in Spanien und Hong Kong. Auch “Geheime” Vereine in Sibirien und» in einigen arabischen Laendern. Um diesen historischen Erfolg festzuhalten wurde ein “Festtag” in Israel proklamiert und neue Briefmarken wurden herausgegeben. Mit der Aufloesung der Zionistischen Organisation verschwand allmaehlich nicht nur die zionistische Stimmung unter den Juden der Diaspora, aber auch unter den Nicht-Juden. Im House of Commons wurden pro-arabische Fragen gestellt und in der Presse erschienen Artikel und Briefe, die gegen Israel gerichtet waren. Die Verfasser waren Araber und Englaender, aber auch Juden, die dem Verband der “Bürger des jüdischen Glaubens” angehoerten. In der neuen politischen Krise war die oeffentliche Meinung gegen Israel. Die Zahl der Einwanderer und der Touristen nach Israel fiel von Monat zu Monat. Auch die Geldsendungen aus der Diaspora hoerten fast gaenzlich auf. Ploetzlich verlangte Ben-Gurion die sofortige Rückkehr der Liquidatoren, welche dem Kabinett vertrauliche Berichte erstatteten Eshkol drohte zu demissionieren. In seiner Rede hob er hervor, dass das Budget der arabischen Laender durch die Einnahmen der Erdoelquel- 3en gedeckt werden. Die ehemalige Zionistische Organisation war die Rohrleitung zwischen Diaspora und Israel und diese Rohrleitung für Einwanderung, Touristik und Geld wurde i nun zerstoert. Andere Minister warni ten vior einer herannahenden Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit. Unterdessen geschah etwas Merkwürdiges. Je mehr die Juden der Dias- Hat der Zionismus — Weg nach Jerusalem machten. Dies kann kaum ein Zwanzigstel der Gesamtzahl der in Babylon .ansaessig gewesenen Juden gewesen sein! Die Vornehmen und die Reichen blieben auf ihren Besitztümern zuruck und unterstützten die Heimkehrer — wie dies jetzt unsere Brüder in der Gola ebenfalls tun. Die Heimkehrer entwikkelten sofort «in reges, geistiges Sonderleben, das von der ganzen Nation zwar geachtet, aber durchaus nicht geteilt wurde. Nach der zweiten Zerstoerung des Tempels — durch Titus, 70 n. Chr. - wurde zwar nicht die ganze jüdische Bevoelkerung nach Rom ins Exil geführt — wie früher durch Nebukadnezar nach Babylon —, .aber immerhin durch sanften Druck in den verschiedenen Kolonien des Imperium Romanum angesiedelt. Von hier wanderten sie westwaerts weiter, bis sie endlich erstmalig im 7. Jahrhundert im Rheinland erscheinen, um bald teilweise nach dem Osten abzuschwenken. — Osteuropa wurde das Hauptzentrum des Judentums, von dem die Kanaele nach der westlichen Hemisphaere liefen. Heute ist Osteuropa nur noch eine kleine jüdische Oase, denn siebenachtel wurden in der Katastrophe von 1933/45 ausgerottet. Aus keiner der Schifften Herzls kann man herauslesen, das er mit dem von ihm dynamisch vorgetriebenen Zionismus nur das Ziel verfolgt hat, den in Polen, Russland und in Rumaenien unterdrückten und durch Progrome bedrohten Juden eine Zufluchtsstaette zu errichten, i n der die Aermsten durch politische Garantien der Grossmaechte, quasi als sog. “Schutzjuden” — wie einst im Mittelalter — ein Eigenleben führen sollten. HerzI wollte die Renaissance, d. h. das Gesamtjudentum zu einem Staatsvolk zusammenschweissen und sein Pro. \ gramm enthaelt durchaus .konkrete! Hinweise und sogar Thesen, wie der i “Judenstaat" beschaffen und der Auf-; bau des Alt-Neulands m't dem Ge'de der reichen Juden finanziert werden sollte. Daran aendert nichts, dass in den Koepfen der westlich orientierten Juden die irrige Vorstellung geisterte, “uns meint der Antisemitismus nicht”. Ganz gewiss haette Herzl, wenn «r die Staatsgründung 1948 erlebt haette, seine Bewegung, die mit Zionismus bezeichnet wird, nicht als abgeschlossen betrachtet, wie dies einige seiner Epigonen behaupten. Bedenken wir doch, dass durch die Ausrufung der Medinath Israel, 1948, die Judenfrage noch keineswegs gebest wurde; vielmehr wurde erst d«r Anfang dazu gemacht. Der Zionismus oder die Renaissance — wird erst dann als erfüllt angesehen werden koennen, wen der übergroesste Teil der Judenheit innerhalb der Grenzen der Medinath Israeli leben wird, und nur ein geringer Teil als “Ausland-Israelis” ihren Wohnsitz im Ausland! habem .werden. — Bis dieser Zustand erreicht wird, muss der Zionismus seine Taetigkeit in noch verstaerkterem Masse betreiben. Mit vagen Theorien und noch vageren, uns fremden und dazu laengst ungültigen Ideologien, werden wir keine nationale Renaissance schaffen. Das ist gewiss! Ebenso ist gewiss, dass wir in Israel kein Sonderleben führen koennen, nicht führen dürfen, das unseren eigenen Brüdern in der Gola unverstaendlich und zugleich unheimlich erscheint. Von Jerusalem muss das geistige Leben der in der Fremde lebenden Brüder im reinsten Sinne beeinflusst werden; nicht nur damit sie im die .ihnen vorgehaltenen Sammelbüchsen generoes Geld einwsrfen, sondern mit dem Ziele, ihr Vertrauen zum Staate Israel zu staerken, so dass sie nicht nur als Touristen, sondern als Heimkehrer ins Land kommen, um für sich und spaetere Generationen Freiheit, Glück, Sicherheit | und Frieden zu geniessen. Erst dann,! und nur dann, wird die zionistische Bewegung Theodor Herzls das ihr ge- 1 steckte Ziel erreicht haben und wahrhaft erfüllt sein! DAS ECHO behandelt Wiedergutmachungsfragen Wiedergutmachungsarstiriiche von Angehoerigen des oeffentliche^ Dienstes ln einem Urteil vom 26. Oktober 1960 — IV ZR 126/6q — hat der IV. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs entschieden, dass in den Laender.i der ehemaligen amerikanischen Zone seit dem Inkrafttreten der bundeseinh&itlichen Verwaltungsgerichtsordnung (VwGO) am 1. April 1960 nicht mehr die ordentlichen Gerichte, sondern nach $ 40 Abs. 1 Satz 1 VwGO ausschliesslich die Verwaltungsgerichte für die Entscheidung über Wiedergutmachungsansprüche von Angehoerigen des oeffentlichen Dienstes zustaendig sind. Soweit allerdings Prozessverfahren am 1. Opril 1960 auf dem bisher zulaessigen Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten anhaengig waren und noch nicht rechtskraeftig erledigt sind, haben sie noch über derartige Streitfaelle zu befinden. N OTEL MERSCH v THAL Cochabamba, Casilla 846, Telefon 4427 Das Hotel des Vertrauens und der guten, Küche! ■ II. INI- 4 4 4 4 4 4 4 4 4 4 < 4 4 4 4 4 4 / ¥ f y pora “entzionisiert” wurden, desto zionistischer wurden die Sabras. Sie entdeckten den Zionismus. Man konnte sich dieses Raefsel nicht erklaeren. Auf einmal erwachte ein magnetisches Interesse für die zionistische Geschichte. Die Nachfrage für zionistische Bücher war so gross, dass man neue Auflagen drucken musste. Vorlesungen über den Zionismus an der Hebraeischen Universitaet waren vollgepackt und Studenten waehlten Abhandlungen über die zionistische Literatur für ihre Dissertationen. Das Land \ befand sich in einem zionistischen Fieber. Ploetzlich erinnerte man sich an Nahum Goldmann und an die “Nein- Säger”. Jede Kolonie, jede Stadt, jede Instituion und jede Partei bestimmte Delegationen. Es marschierten Pioniere und Sabras, Professoren und Arbeiter, Soldaten und Studenten, Rabbiner und Journalisten. Endlich erreichten sie das Dorf, nicht weit von Sedeh Boker, und Ben-Gurion bestürmte Nahum Goldmann, die Zionistische Organisation wieder zu reaktivieren.