Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 11 (1960)
- Issue
- 236 (18.11.1960)
- Date
- 1960-11-18
- Page
- [Seite 3] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3. 1.8. November i960. ‘‘DAS ECHO’’ Ist Zionismus überlebt? Der Zionismus ist zu einer Streitfrage geworden, mit der sich Viele der Besten im jüdischen Lager beschäftigen und auf die bisher keine positive Antwort gefunden werden konnte. Ministerpraesident Ben Gurion und der Weltzionistenfuhrer Nahum Goldmann sind die prominenten Sprecher in diesen Meinungsverschiedenheiten; der eine meint "Zionismus ist ein national — gebundenes Bekenntnis.- Monist ist der, der in Israel lebt; Dr. Goldmann aber ist der Auffassung, dass Zionismus "Sammlung" bedeutet, der Zionismus die Aufgabe hat, moeglichst alle Juden zu praktischen Zionisten zu erziehen. ,, Die Idee des Zionismus ist in der Galuth im welken, teils Hegt es daran, dass in der Diaspora nicht die grossen Perscenlichkeiten sind, um das jüdische Volk an den zionistischen Gedanken zu bind en, teils hat die israelische Regierung zu wenig getan, um das Weltjudentum für den Zionismus brennend zu interessieren. Die jüdische Frag® üi der Welt besteht trotz des Staates |sraeL die Regierung in Jerusalem hat bisher nicht in dem Masse allgemeine jüdische Interessen vertreten, wie dies von Zionisten und jüdischen Israelfreunden erwartet wurde. Die Begeisterung von 1948 für Israel hat sich merkli0^ abgekühlt, was besonders aus den geringen Zahlen der Jugen - AH ja zu ersehen ist. Israel ist für wohlhabende Juden ein reizvolles Tu nstenlcmd, man wirbt im Ausland für dieses Land., oft, um sich dadurch eipe gewisse gesellschaftliche Position zu schaffen — aber im Gross®11 un<^ Ganzen ist die wirkliche Tat der Auslandsjuden für Israel, nie t mehr sehr bedeutsam und überzeugend. j . _ Gewiss werden in den grossen jüdischen Zentren noch immer bedeutende Betraege für Israel aufgebracht, aber auch diese Betraege werden von Jahr zu Jahr geringer. Die jüdische Regierung weiss sehr wohl, dass sie in Küirze kaum noch auf bedeutende Aus. -ndseingaenge wird rechnen koennen und ihr Budget zum all&rgroessten Teil von Israel allein wird aufgebracht werden müssen. Wer hat recht: Ben Gurion der sagt. Zioniri’, ist der, nach Eretz einwiandert ’, oder Goldmann, der die These aufstelll: Zionist ist jeder Jude, der der Idee des Zionismus verbunden ist1'. Zicnirjoms Ja oder Nein?, dürfte das zentrale Thema in dem 25. zionistischen Weltkongress, der am 27. Dezember 1960 beginnt, sein und es ist anzunehmen, dass dieser Fragestellung in Jerusalem kraeftig zu Leibe gerückt wird, Eine realistische Betrachtung dieser aeusserst wichtigen jüdischen Frage ist Tagesförderung,. DAS ECHO, das Blatt, welches der zionistischen Idee dient, ist davon überzeugt, dass Ben Gurion m diesem Falle irrt und der zionistischen Sache mit seinem Schlagwort keinen guten Dienst erweist, da nach unserer Auffassung die zionistische Idee immens wichtig für die Bindung des jüdischen Volkes ist, welches vion einer grossen nationalen Idee getragen werden muss, um in der Galuth als jüdisches Kraftzentrum bestehen zu koennen. Wir bringen anschliessend zwei Artikel zu diesem Problem. Der bekannte englische Zionist und Publizist Josef Fraenkel behea delt das Thema als satirische Vision, welche aber in ihrem Kern ernst und sehr nachdenkenswert ist. Mehr nüchtern behandelt der Israeli Herman Stemberg das Thema "Hat der Zionismus noch eine Berechtigung?". Ueber diese beiden bemerkenswerten Stimmen wollen bitte unsere Leser nachdenken. DIE LIQUIDATION DER ZIONISTISCHEN ORGANISATION Von Josef1 Fraenke! x ' Wenn Ihr wollt, ist es keine Humoreske. Nach einer dramatischen Rede von David Ben Gurion beschloss der letzte Zionistenkongress mit 295 gegen 178 die Zionistische Weltorganisation aufzuloesen. Nahum Goldmann und die “Neinsager” verliessen zum Protest den Saal, weinten, sangen Hatikvah, wurden aber gleich “ersucht”, sich einige Zeit in einem Dorf, nicht weit von Sed«h Boker, aufzuhalten. Kaum wurde das Resultat der Abstimmung bekannt, da versammelten sich Tausende Sabras vor dem Kongressgebaeude, brachen in “Hochrufe auf Ben-Gurion” aus und als Goldmann und die “Neinsager” abgeführt wurden, schrien sie: “Nieder mit der Zionistischen Organisation!” Ben-Gurion ernannte sofort eine Kommission, bestehend aus 49 Personen, um die Zionistische Organisation und ihre Institutionen in 49 Laendern der Dis- ■ pora zu lia.uidieren. Die Liquidatoren j verliessen Israel, darunter Abba Eban, i der sich gleich nach London begab.! Abba Eban erschien im Dorchester; Hotel, mit einem Stab von Experten, : und noch am selben Abend fand eine! Versammlung der zionistischen An- I gestellten Englands statt. Er Hielt eine! eindrucksvolle Ansprache und die j Angestellten resignierten. Abba Eban I überreichte Lavy Bakstansky, dem I General-Sekretaer er Zionist Federa- ' tion, ein Zertifikat der Anerkennung i für geiestete Verdienste >und Barry Mindel von der Mizrachi erhielt die; neueste Prachtausgabe der Bibel, ver- | bessert und korrigiert von David Ben- Gurion. Die Liquidierung vollzog sich in _ (Fortsetzung Seite 4) Infolge drucktechnischer Schwierigkeiten erscheint die naechste Ausgabe erst am 10. De1’' als. TV , a,WT& a N v 0»***® .yi®4-4* .. C WJ- .,**** erbeten an -^irisch unter 6080 oder *«■***■ xiarrison 3, Miraflores. Anzeigen\ Casilla 22\ Aufgabe in HAT DER ZIONISMUS NOCH EINE BERECHTIGUNG? Von Hermann Sternberg, Haifa Wo immer Juden leben, sie j haben den 100. Geburtstag Theo- 1 dor Herlzs gebührend gefeiert. Die Zahl derer, die Herzl und | sein Lebenswerk — den politischen Zionismus — gebührend würdigten, ist gewiss Legion; aber niemand hat sich im Herzljahr an die Beantwortung der Frage herangewagt: hat der Zionismus noch eine Daseinsberechtigung oder ist er mit der 1948 erfolgten Gründung des Staates Israel als erfüllt anzusehen und somit hinfaellig geworden? Wir wissen, dass David Ben Gurion im Widerstreit mit. Dr. Nacbum Goldmann bereits oefters erklaert hat, dass er nicht mehr Zionist, sondern nur noch Nationaljude sei, weil der Zionismus mit der Staatsgründung eriV’llt wurde. Bei allem Respekt vor David Ben Gurion: ich vermag seine Auffasassung nicht als sakrosankt hinnehmen; D. B. G. liebt es, zuweilen recht eigenwillige Thesen aufzustellen, die nicht immer ganz hieb- und stichfest sind! | Wenn wir dem von Herzl dynamisch vorgetriebenen “Zionismus'' eine breitere, logische Interpretation geben und ¡hm den Begriff “Renaissance” gleichstellen wollen, so haben wir 1948 keine Renaissance erlebt, sondern auf dem Weg dazu vorerst einen wichtigen Meilenstein erreicht Ein Volk erlebt nur dann eine Renaissance, wenn es seit urdenklicher Zeit in seiner Gesamtheit auf seinem eigenen, historischen Boden lebt, die Fremdherrschaft abschüttelt und nunmehr sein Haus allein bestellen kann, wie dies z. B. die Tschechen und Polen 1918, die Inder nach dem II. Weltkrieg und neuerdings die afrikanischen Kolonialvoelker getan haben. Unter dem englischen Mandat war die jüdische Bevölkerung Palaestinas nur eine Minderheit,, und als die Mandatsmacht am 15. Mai 1948 das Land verliess, kurz darauf der groesste Teil der arabischen Bevoellkerkung des jti- \ dischen Teils auf Anordnung der Arabischen Liga “flüchtete”, waren wir zwar “unter uns”, proklamierten unsereUnabhaengigkeit als Me.dinat Israel, aber wir waren nur c,a. 600000 kaum 4,3 % der 14 Millionen betragenden Weltjudenheit! Noch heute, 12 Jahre nach der Staatsgründung, sind in Israel, trotz einer vehementen MasserteinWanderung aus allen Teilen der Welt, nur ca. 2 Millionen Juden ansaessig, d. h. 7 % des in der Welt re Brüder hinter dem Eisernen Vorhang moechten, aber sie dürfen nicht zu uns kommen und die in der freien Welt lebenden Juden dürfen zwar, aber wollen nicht kommen; die vollen Fleischitoepfte in Amerika etc. etc. üben noch eine magische Gewalt auf sie aus. Blaettern wir in unserer recht bewegten Geschichte zurück, so werden wir sehen, dass unsere Urahnen bereits vor 2500 Jahren in derselben Situation waren, in der wir uns heute befinden. Auch damals gab es einen Zionismus ’, eine Bewegung, die zur tielwejsen Renaissance führte. _ Als der grausame Nebukadnezar den Tent. pel und Jerusalem zerstoerte und die Juden ins Exil nach Babylon führte empfanden sie den Sieg der Heiden' Zers|°erung des Heiligtums und den Verlust der Heimat in tiefster bcele. Die Sehnsucht nach der verlorerren ¡Heimat war ungemein gross und wurde zudem noch von den damaligen Propheten intensiv wach gehalten; »hije ^Klagelieder erschüttern uns noch heute! war schliesslich für die meisten noch ein flüchtiger Gedanke Traum; b,s 537 v. Chr. Cyrus der ilnhteiepRuCkkehr nach Jernsaleim aubtel Es waren die Eiferer, die 1 'oepfigen und die Minderbemittf — ca. 40 000 mit Weib und Kind die sich als “Heimkehrer” auf (Fortsetzung Seite 4