Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 11 (1960)
- Issue
- 230 (22.8.1960)
- Date
- 1960-08-22
- Page
- [Seite 3] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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22. August I960. ‘‘DAS ECHO’’ 3. Nazi - Skandal! ISRAELFAHNE GESCHAENDET! / NAZIS?, ROWDYS? — NAZI — RODWYS! / SCHWERE FAELLE VON HAUSFRIEDENSBRUCH DURCH JUGENDLICHE NAZIBANDE! “DAS ECHO” FORDERT VOM “COLEGIO ALEMAN” RELEGATION UND BESTRAFUNG DER SCHULDIGEN! Seitdem Nazideutschland im Jahre 1945 kapitulierte, sollte man eigentlich wissen, dass Nazismus etwas Überholtes ist, etwas was sich nicht bewaehrt hat und was keinerlei Ansehen in der Welt der anstaendigen Menschen geniesst. Fast alle Staaten, die in den "Vereinten Nationen" zusa'mmengefasst sind, lehnen den Nazismus sowie Faschismus ab, sie bemühen sich eine demokratische und gerechte Politik zu treiben, sie wollen nicht rekationaer sondern progressiv wirken. So sollte es sein — und dennoch ist es anders! Nicht Regierungen, nicht prominente Menschen bewegen sich in nazistischen Doktrinen, sondern kleine Haeufchen unbedeutender Menschen, die ewig-gestrig und von Natur aus Unruhestifter sind. Kleine Nadelstiche sind an und für sich harmlos, und doch koennen sie zu schweren Entzündungen und Komplikationen führen. Mit den Miniaturgruppen unentwegter Nazis ist es ebenso. Seit den Nazischmierereien am Jahresanfang herrschen in Lateinamerika nazistische und antisemitische Aktionen. Diese Handlungen werden bemerkenswert methodisch gelenkt, eine Tatsache die immer klarer in Erscheinung tritt. Die demokratische Zeitschrift "Das Echo" berichtete in den Ausgaben Nummer 220 von einer nazistischen Bewegung innerhalb der Deutschen Kolonie ven La Paz und in Nummer 227, dass anti-jüdische Aktionen in La Paz unter der Devise "Freiheit für Eichmann!" durchgeführt wurden; es wurden damals Plakate angeklebt und Zettel verteilt, die eine absolut klare antisemitische Linie aufwiesen. Der Fall Eichmann war weniger Motiv als Vorwand für antisemitische Aktionen; eine gewisse antisemitische Gruppe fand in diesem Falle Anregung für ihr schaendliches Tun. Was sich aber am Donnerstag, den 4. August in den Abendstunden in La Paz ereignte, war kein antisemitisches Scharmützel mehr, sondern eine ausgesprochen antijüdisch-politische Aggression, gegen die allerstaerkster Protest erhoben werden muss. Am Vorabend des nationalen bolivianischen Feiertages, gegen 10 Uhr, stürmte eine Bande von 12 Burschen durch die Korridore des "Círculo Israelita" unter Rufen von "Juda verrecke!" und "Heil Hitler" und konnte am weiteren Vordringen nur durch den zaehen Widerstand der Mitglieder des "Circulo" aufgehalten werden. Diese rüden Burschen gingen mit Landsknechtsrohheit gegen die, die den Ueberfall abwehrten vor, sodass einige Personen ernste Koerperverletzungen aufwiesen. Nach dieser "siegreichen Attacke" zogen die nazistischen Halbstarken in das Clublokal "Makabi" wo die Scenen sich in aehnlicher Weise wiederholten. In einem unkontrollierten Augenblick gelang es einen der Lümmel, die israelische Fahne zu ■ergreifen; die Horde floh mit der Fahne vor den Verfolgern, .die diese erst in der Calle México wieder zusammenfand, wo unter Schmaehrufen die Fahne Israels zerstückelt und geschaendet wurde. Dies in kurzen Worten die Schilderung der erregenden Vorgaenge in der Nacht vom 4. zum 5. August. Diese halbwüchsigen Burschen (im ungefaehren Alter yon 18 Jahren), von denen der Raedelsführer verhaftet werden konnte, doch gegen Kaution 'wieder freigelassen wurde, die in deutscher Sprache nazistische Parolen brüllten, sind ein Stosstrupp nazistischer Kraefte, die unbedingt cm das Tageslicht gezerrt werden müssen, damit diese Organisatoren gemeinster antisemitischer Hetze zur Strafverfolgung herangezogen .worden koennen. Diese politisch und sozial unreifen Burschen sind eine Gefahr für die bürgerliche Ordung in Bolivien, die immer wieder in ihren atavistischen Aktivitaeten verfallen und dadurch zu einem Zünder werden koennen, der erhebliches Unheil anricnten kann. Als Raedelsführer wurde Gerd Knorn festgestellt, der den 6. iKursus des "Colegio Alemán" besucht; die übrigen Burschen — soweit feststellbar — gehoeren gleichfalls der Deutschen Schule in La Paz an. , Wir haben des Oefteren auf den ungesunden (nationalistischen und antisemitischen) Geist in der "Deutschen Schule" in La Paz hingewiesen, Diese alarmierenden Vorfaelle bestaetigen vollauf die Richtigkeit unserer Kritik in dieser Hinsicht. Es ist nun wirklich notwendig, dass die Direktion des "Colegio Alemán" sich nicht wieder in "Bedauern" erschcepft, sondern endlich etwas Wirkliches und Abschreckendes gegen politische Rowdytum unternimmt! Eine selbstverstaendliche Genugtuung für die Ueberfallenen und Beleidigten waere es, wenn der Schüler Gerd Knorn von der Anstalt cum infamia relegiert werden würde, und dass auch die anderen Aktivisten dieser skandalleusen Vorfaelle, empfindlich bestraft werden. "Das Echo" erwartet von der Leitung der Deutschen Schule eine entsprechende Mitteilung. Wir sind sicher, dass im "Deutschen Schulverein auch liberale und tolerante Maenner sitzen, die mit uns ueber dieses unqualifizierbare Verhalten von Schülern der von ihnen geführten Lehranstalt, empoert sind. Umso mehr muss von diesem anstaendigen und demokratischen Teil des Schulvorstandes erwartet werden, dass diesesmal wirklich energisch durchgegriffen wird, damit diese provokanten Vorfaelle für immer unterbleiben- Dieses deutsch-politische Rowdytum in La Paz hat eine derartige Bedeutung angenommen, dass die Juden Boliviens nich* laenger gewillt sind, diese Anmassungen anzunehmen ohne energisch sich dagegen zu wehren. Es ist uns Z.B. bekannt, dass in Matinee-Vorstellungen in Kinos, jüdische Kinder von Schülern der Deutschen Schule angepoebelt werden, dass es schon oefters passiert ist, dass in diesen Verstellungen "Juden raus!" gerufen wurde; dass diese Poebeleien auch auf der Strasse stattfinden, ergibt sich daraus von selbst. - Die "Deutsche Schule" erhaelt durch den "Schulverein" und durch die demokratische westdeutsche Regierung in Bonn Subventionen. Eine Schuld die aber so wenig von dem demokratischen Hauch spürt, der von den demokratischen Maennern ausgeht, die sie existenzfaehig macht, sollte man von Grund auf renovieren. Es ist hohe Zeit, dass eine neue Geisteshaltung in den Raeumen des "Colegio Alemán" in La Paz einzieht! Curt Ludwig. Deutsche Jugend in Israel 32 Münchener Schüler und 18 Lehrkraefte, die soeben in einer Sondermaschine der israelischen Luftfahrtgesellschaft “EL AL” von einem dreiwoechigen Aufenthalt in Israel zuruckgekehrt sind, wurden auf dem Flugplatz München-Riem empfangen. Die Gruppe stand unter der Leitung von Oberschulrat Walter Lobensommer. Zwei Wochen lang haben die Schüler und Schülerinnen im Kibbuz Nir-Am in der Naehe des Gaza-Streifens bei der Erntearbeit geholfen. Sie haben mit israelischen Kameraden zusammen auf dem Feld und im Stall, in der Küche und in der Waescherei gearbeitet. Obwohl die “Kibbuzniks” von Nir-Am meist aus Rumaenien und I Argentinien stammen, ergab sich sehr schnell ein herzliches Verhaeltnis zwischen Gastgebern und Gaesten. Die Münchener koennen nicht genug die unerwartete freundliche Aufnahme und das Entgegenkommen ihrer Arbeitskameraden rühmen. Zur Verwunderung der Münchener kamen die Israelis von sich aus nicht auf die Politik und die unselige Vergangenheit zu sprechen, so dass die Deutschen schliesslich den Anfang machten und die Israelis rundheraus fragten, ob sie sich eigentlich verabredet haetten, nicht davon zu sprechen. Da stellte es sich heraus dass die Israelis aus Taktgefühl nicht an diesen Punkt gerührt hatten. Anders lagen die Dinge bei der Lehrergruppe, die an einem internationalen Lehrerseminar des Gewerkschaftsbundes Histadruth in Beth Berl in der Scharon-Ebent teilnahmen. Hier wurde natürlich auch über die Vergangenheit gesprochen und diskutiert. Auch hier ergab sich sehr bald ein guter Kontakt mit den übrigen Tagungsteilnehmern. Im Anschluss an die Arbeit im Kibbuz und die Teilnahme an dei' Lehrertagung unternahmen Lehrer und Schüler gemeinsam eine einwoechige Fahrt durch das Land, die sie von Elath am Golf von Akaba bis ins Galil führte. Dass die Fahrt der Münchener Lehrer und Schüller überhaupt zustanj de kam, ist das Verdienst der Stadt | München und des Bayerischen Jugendj ringes, die diese erste Fahrt finanziell j ermoegücht haben. Eine Befragung der Schüler und Schülerinnen, die an der Fahrt teilgenammen haben, laesst die Hoffnung berechtigt erscheinen, dass die mit der Reise verbundene Absicht erreicht worden ist. Alle erkllaeren übereinstimmend, die Fahrt habe ihre Erwartungen bei weitem übertroffen und sie haetten sich nie vorgeselft, 4ass Israel, so schoen sei. Auch über die Israelis sind sie des Lobes voll. Herbert Liebmann