Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 10 (1959-1960)
- Issue
- 226 (15.6.1960)
- Date
- 1960-06-15
- Page
- [Seite 6] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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‘‘DAS ECHO’’ 15.. Juni 1960. LITERATUR - ECHO Von der Dr. Siegmund Kaznelson, der langjaehrige Leiter des Juedischen Verlags und selbst ein Schriftsteller von Rang, durfte wenige Tage vor seinen allzu fruehen Tode noch sein letztes vollendetes Buch in der Hand halten. Es heisst “Juedisches Schicksal in deutschen Gedichten”, und der Autor charakterisiert es auf dem Tite’Matt und in seiner Einleitung als eine “abschliessende Anthologie. Es enthaelt auf ueber 500 Seiten etwa 300 Gedichte von 118 Verfassern, unter ihnen s;nd nur 23 Nichtjuden, 3 Halb — oder Vierteljuden und 5 getaufte Juden. Alle anderen haben sich, in dieser oder jener Form, mit dem juedischen Volk und Glauben zeitlebens identifiziert, wenn auch in verschiedener Staerke, je nachdem das juedische Schicksal sie traf. Die Einleitung gibt einen Querschnitt durch Kaznelsons Auffassung der juedischen Geschichte. Fuenf grosse Motive haben diese von Anfang an und bis in unsere Tage hinein beherrscht: die der Auserwaehlung, der Aussonderung, der Austreibung, der Auswanderung und, zuletzt, der geplanten und fast durchgefuehrten Ausrottung. Diese eigentuemliche Polaritaet liefert den Schluessel zu der sehr charakteristischen Anordnung der Gedichte in ^dreizehn grossen Abschnitten. Der erste, “Die Ahnenreihe”, sucht“ die Frage: woher? zu beantworten, der letzte, “Die Rueckkehr”, die Frage: wohin? Dazwischen stehen dichterische Zeugnisse ueber Weg und Sendung des Juden, seine Beziehungen zur Umwelt und deren tragische Folgen: Wanderschaft und Leid. Dessen Adel stammt weitgehend aus dem Zwiespalt zwischen Glauben und Unglauben und aeussert sich, um mit Heine zu sprechen, als ein “dunkles Weh”, welches, auf irdischer Ebene, das Leben als Schuldgefuehl fasst, auf imetaphvSisch'‘ei1 seiner Vergaenglichkeit ins Gesicht sieht. Werden diese Motive bewusst mit dem Judenschicksal verbunden, so entsteht der spezifische “Judenschmerz”, der sich in immer erneutem Abschied von lieb gewordenen Gefaehrten und vertraut gewordenen Umgebungen und der ihm folgenden Einsamkeit konkretisiert. Eines allerdings ist bestaendig und ueberdauert den Wechsel und Wandel der Generationen: die juedische Familie.! Selbst die grossen Katastrophen, der erste Weltkrieg, d'e Judennot — immer groesserer Massen — ihr Unheil haben einige wenige Dichter, darunter Gottfried Keller und Stefan George, vorausgeahnt — ja sogar Exil und Martyrium haben den Zusammenhalt des juedischen Volkes nicht vernichten koennen, ihn sogar noch gefestigt. Der “Schuld und Scham” edler Nichtjuden — Albrecht Haus- Ahnenreihe bis zur von ERNST SIMON (Jerusalem) hcfer, Rudolf Alexander Schroeder, Ricarda Huch, Ernst Wiechert, Wolf Kilian und Werner Bergengruen — steht auf juedischer Seite gegenueber eine neue, oft glaeubige Auseinandersetzung mit der Bibel, mit Brauch und Ueberlieferung, bis ein Rest schliesslich im Lande Israel die neue Heimat gewinnt. Innerhalb dieses wohl durchdachten Rahmens entfaltet sich eine Fuelle von Gedichten sehr verschiedenen kuenstlerischen Wertes. Kaznelsons Auswahlprinzipen waeren inhaltlich, nichtformal. Das Buch sollte werden, was es geworden ist: in lyrischer Dichtung deutscher Sprache eine Dokumentation des “jahrhundertealten Zujuden und Deutschen. Diese Absicht schloss von sammen-Lebens und- Wirkens” von vornherein solche Gedichte juedischer Dichter aus, die keinen juedischen Stoff behandeln, und solche Gedichte nichtjuedischer Dichter ein, die es tun. Kaznelson fasst das Stoffprinzip recht weitherzig; auch verborgene juedische Motive, wie die Unrast oder das Leid an der Welt, sind vertreten, waehrend andere fehlen“ wie z.B. Seibstironie und Selbsthass. Sie haben den Verfasser offenbar in seinem starken nationalen Empfinden so gestoert, dass er die beidem letzten Strophen von Heines “An die Mouche” fortgelassen hat. Die Eigenwilligkeit des Sammlers kommt bei diesem Gedicht und manchen anderen, noch in einem zweiten Zuge zum Ausdruck. Er gibt ihm einen neuen Titel: “Der Griechen WIEN, nur Du aHein,.. Vielen unserer Leser ist persoenlich Benno Weiser bekant, der eine hervorragende Position in der "Jewish Agency” bekleidet, der ein grossartiger Arbeiter fuer die jüdische Sache ist* als interessanter Redner geschaetzt wird und als Schriftsteller und Journalist hohes Format aufweist. Wir wollen heute unsern Lesern Benno Weiser als Dichter vorstellen mit Versen, die bereits im Jahre 1946 entstanden sind und die nichts von ihrer Aktualitaet eingebüsst haben. Nachstehendes Gedicht ist dem Band “Visitenkarte” entnommen, entnommen, welcher im Verlag Martin Press, New York, soeben erschienen ist. [CH SCHLENDERTE DURCH ALL DIE STRRASSEN UND FAND MICH TADELLOS ZURECHT, ALS WAER ICH NIEMALS FORT GEWESEN. DOCH IRGENDWIE WAR GAR NICHTS ECHT. DIE HAEUSER WIRKEN WIE BEKANNTE, MIT DENEN MAN MAL BOESE WAR. DIE GASSEN SIND WIE JUGENDLIEBEN MIT NUNMEHR REICHLICH GRAUEM HAAR. DIE SCHILDER TRAGEN FREMDE NAMEN, HAB DREI VON FRUEHER BLOSS GEZAEHLT. MAN SUCHT NACH IRGENDWAS VERTRAUTEM UND MERKT ERST DANN, WAS ALLES FEHLT. DIE LEUTE WAREN NICHT MAL UNNETT, ICH FAND SIE EHER RECHT BEDRUECKT. MANCH AUGE HAT MICH MIT VERSTEHEN UND MANCHES FRAGEND ANGEBUCKT. ICH FUEHLTE WEDER HASS NOCH GROLLEN. DIE MENSCHEN WAREN MIR EGAL. ICH WUSSTE, DAS SIE BIESTER WAREN. JEDOCH AUCH DAS: ES WAR EINMAL. IN EINER STUNDE FAHR ICH WEITER. DA ICH NUN MAL DIE STUNDE HAB', SUCHE ICH NOCH DAS STRASSENPFLASTER, DAS MAN MIR EINST ZU WASCHEN GAB... Benno Weiser ëMTthiilii i» mmk RHEUMOTERM Schutz aus feinster Wolle für die Knie! (Deutsches Werterzeugnis) Hermann Berg Orthopaede Landaeta 48. - Casilla 1270. SCHUTZ aus feinster Wolle für Leber, Galle und Nieren (Deutsches Werterzeugnis) Hermann Berg Orthopaede Landaeta 48. - Casilla 1270. Rückkehr Lustsinn und Judaeas Gottgedanke”,, der freilich ein Zitat aus dem Gedicht selbst ist, waehrend der urspruengliche Titel nur als ein Untertitel beibehalten wird. Der Gang durch dieses Gedicht- Museum laesst einen an Alfred Lichwarks Hamburger “Kunsthalle” denken: man geht in der Privatwohnung eines sehr kultivierten Menschen herum. Dabei macht man immer wieder neue Entdeckungen, und zwar in doppelter Beziehung: man lernt Gedichte kennen, die man niemals gelesen hat, so z.B. die juedischen Spaetverse Franz Werfels, und man lernt das Bekannte neu sehen, weil es, durch seine Nachbarn nun in einenm thematischen Zusammenhang belichtet wird, der ihm vorher nur verborgen anhaftete. Dies aber sind zwei entscheidende Kriterien fuer den Wert einer Anthologie. Jede solche Sammlung, und gewiss eine so persoenlich bestimmte, wird nicht einem jeden Leser alles das und nur das bringen, was er sich wuenscht. Mir z.B. fehlt Ernst Stadlers herrliches Gedicht ueber die Statuen der siegreichen Kirche und der geschlagenen, aber so viel schoeneren Synagoge an den Eingangsportalen des Strassburger Muensters. Dafuer haette ich auf die beiden Sonette Felix Brauns zu diesem Gegenstand verzichtet, besonders da sie in einem leisen, aber unueberhoerbaren Missionston den chist'üchen Standpunkt des als Jude geborenen, Verfassers verraten. Aber nicht nur deswegen: Stadlers Gedicht scheint mir kuenstlerisch weit hoeher zu stehen. Damit ist ein Hauptproblem jeder Anthologie angeruehrt, besonders aber dieser stofflich beschraenkten. Ihr Charakter als historisches Zeugnis hat keine aethetisch strenge Auswahl zugelassen, und man mag darueber streiten, ob nicht zu viel ausgesprochene Dlettantenlyrik Einlass gefunden hat. Mit die schoensten Gedichte stammen von Nichtjuden — und von juedischen Dichterinnen, wie Else Lasker-Schueler, Gertrud Kolmar, Margarete Sus— man, Hedwig Lachmann und anderen. Was die Nichtjuden anbetrifft, so ist dies kein Problem: nur die seelisch Empfaenglichsten haben sich mit dem juedischen Schicksal dichterisch auseinandergesetzt. Aber warum ist das poetische Durchschnittsniveau der Frauen hier hoeher als das der Maenner? Vielleicht aus demselben Grunde: das Verstehen des Judenschicksals verlangt zunaechst seelische Empfaenglichkeit, bevor es sich in maennliche Tat umsetzen kann. Ueber solche und andere Fragen, die das Buch aufregt, moechte man ^ich gern mit Sjiegmund Kaznelson aussprechen. Dafuer ist es nun spaet. Diese Anthologie wird, vielleicht mehr noch als seine uebrigen Werke, dazu beitragen, seinen Namen fuer lange Zeit lebendg zu halten.