Das Echo
- Journal
- Das Echo
- Volume
- 10 (1959-1960)
- Issue
- 220 (11.3.1960)
- Date
- 1960-03-11
- Page
- [Seite 7] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Arzneimittel- Wucher Der Apotheker durchlaeuft folgenden Studiengang: 1—jaehriges Praktikum, Pharmazeutische Vorpruefung, ß-7 Semester Studium, Hauptprüfung, evtl spaeter Doktorat. Was hat nun der heutige Apotheker von seinem Studium, Wissen und Koennen? Die Zeit ist vorbei, wo zwischen Patienten und Pharmazeuten ein Vertrauensverhaeltnis bestand, da er als Wissenschaftfier angesehen wurde und er nach allen Fachregeln Rezepte herstellte; heute ist der Apotheker nur noch Verteiler von Spezialitaeten, die entweder der Kunde selbst fordert, oder auf Grund einer Verordnung. Das Spezialitaetenwesen hat hier einen wichtigen Berufsstand zu einer Nichtigkeit herabgedrfückt. Aber nicht nur Apotheker sind Opfer des inmmensen Arzneimittelmarktcs. Der Schreiber dieser Zeilen hielt eine Umfrage bei Aerzten mit mittelstaendischer ¡clientela, die ergab, dass Aerzte oft verzweifelt darüber sind, dass die. notwendigen Verordnungen nicht besorgt werden, da die Patienten in vielen Faellen vor den geforderten Preisen zurück schrecken. Anderseits beherrschen viele (insbesondere jüngere) Aerzte nicht mehr die Kunst der Rezeption, es ist ihnen einfacher und bequemer eine “Patentmedizin” zu verordnen, die aber meistens so kostspielig ist, dass eben viele Patienten diese nicht erwerben koennen. Im übrigen werden aber Aerzte durch Literatur, Propaganda und durch . Aerztewerber pharm. Firmen derart beeinflusst, dass ihnen kaum etwas anderes uebrig bleibt, als “Spezialitaeten” zu verordnen. Von Bolivien aus betrachtet, sieht es im Spezialitaetenmarkt recht traurig aus. Hundert Importeuere bringen Pharmazeuticas, die an Farmacias zum Verkauf geleitet werden müssen, d:e diese Fülle von Mitteln aber nicht aufnehmen koennen, da ihre finanzielle Kraft dazu nicht ausreicht. Aus diesem Grunde, infolge zu grosser Uebernahme von Spezialitaeten, ist gerade in letzter Zeit, manche bolivianische Farmacia in Schwierigkeiten geraten. Besonders aber liegt das bolivianische Apothekengeschaeft sehr ungünstig da heute 75 9r des populaeren Arzneimittelbedarfes durch die “Caja Nc! .de Seguridad Social” gedeckt wird, die entweder selbst verteilt oder (mit geringen Ausnahmen) die Medikamente durch Farmacias verteilen laesst; leider sind die Gewinne für die Farmacias so niedrig, und die. Zahlung der Arzneien durch die “Caja” so unpünktlich, dass Apotheken kaum ein Interesse daran haben für die “Caja” zu arbeiten. Um die hohen Spesen, die der Betrieb einer Farmacia erfordert, zu decken, sind nun die Apotheken gezwungen, Spezialitaeten so zu kalkulieren, dass sie auf ihre Kosten kommen. Der Einkaufspreis für pharm. Sonderheiten ist aber bereits so hoch, infolge Grundpreis. Nutzen des Importeurs, Zoll, Zwischenhandel, dass der Verkaufspreis derart gesteigert ist, dass, wie oben angeführt, viele Kranke die Arzneimittel nicht erwerben koennen. Untersuchen wir nun den allgemeinen Arzneimittelmarkt. Wenn man die internationalen Spe- ~zialitaetentlisten durchsieht, so ist man immer wieder ueberwaeltigt von den Zehn— ja Hundert—Tausenden von 'Spezialitaeten. Der prüfende Fachmann wird sehr leicht und sehne'" erkennen, dass mindestens (60 bis 71 ■%) der Arzneimittel keine Originalien darstellen, sondern Nachahmungen (Plagiate) sind, oder bestenfalls geringfügige Formetveraenderungen aufweisen. Der Markt mit Antibioticas, "Vitaminen und Hormonen i s t tatsaechlich überschwemmt; hunderte von Fabrikanten bringen die gleichen Artikel, die sich lediglich durch Bezeichnung und Aufmachung unterscheiden. Hier eine straffe Koordinierung zu erreichen, koennte viele, viele überflüssige Arzneimittel verschwinden lassen, die aber heute geführt werden müssen, da diese durch direkte (Leien) oder indirekte (Aerzte-) Propaganda gefordert werden. Der Hauptproduzent pharmazeutischer (und kosmetischer) Spezialitaeten ist heute Nordamerika. Die nordamerikanische Arzneimittelproduktion konnte nach Kriegsende einen ganz gewaltigen Aufschwung erfahren, da amerikanische Spezialisten in Deutschland, Japan und Italien pharm. Verfahren und Patente sich aneigneten und diese der US-Industrie zur Verwertung übergaben. Es ist sicher, dass ein ganz erheblicher Teil der grossen nordamerikanischen Pharmaceuticas nicht-amerikanischen Ursprungs ist, dass an diesen Praeparaten viele deutsche und andere Wissenschaftler jahrelang und mühevoll gearbeitet haben un durch diese Form der “Kontribution” leer und enttaeuscht ausgingen. Heute arbeitet die deutschen Heilmittelfabriken eigen Arzneimittelindustrie zu einem erheblichen Teil mit US-Kapital, wass zur Folge hat, dass die exakten Versuche und Überprüfungen, die z.B. den waren und ihr den begründeten Ruf verschafften, nicht mehr im alten Umfang bestehen. Arzneimittelherstellung ist zu einem smarten Business geworden, Krankheiten wurden zu einem Riesengeschaeft, Krankheiten wurden erfunden, sie wurden eingeredet, um hoehere Industriegewinne zu erzielen. Auf der andern Seite laesst es eine geschaeftstüchtige Arzneimittelindustrie nicht zu, dass bessere Produkte guten Produkten Konkurrenz machen; in den Safes der grossen Firmen liegen erstklassige Formeln, die effektiv der menschlichen Gesundheit in grossem Umfange dienen koennten, doch bleiben diese Manuskripte, bevor nicht die alten und aelteren Praeparate die ganz grossen Gewinne geworfen haben. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwaehnen, dass die Krebsforschung lange nicht so ernsthaft und intensiv betrieben wird, als wie dies selbstverstaendlich sein sollte. Die grossen “Medizinkoenige” halten diese kostspieligen Forschungen fuer riskant nnd die Auswertung unsicher, da nach Verkündung der Formelstruktur es genug schmarotzende Firmen geben wuerde, die diese Erfindung für sich verwerten würden. Aber nicht nur das gefaehrliche Carzinom, auch das harmlosere Rheuma und manche andefe Leiden koennen nicht geheilt werden, weil die Arzneimitfelgewaltrgen kein grosses Pro Domo-Geschaeft in diesen Geschaeftssparten erwarten. Die grosen Arzneimittelfirmen behaupten, dass die Spezialitaetenpreise hoch sein muessen, da fuer viele von den Praeparaten Millionensummen fuer Forschungsarbeiten ausgegeben werden mussten. Gewiss, grosse Praeparate erfordern oft ein langes und geldfressendes laborieren; aber die Produkte, die einmal in Umlauf Wlirrlfln;_ mer in schon kurzer Zeit bezahlt. Denn die Pharmakologen und die andern wissenschaftlichen Arbeiter in den grossen Arzneimittelfabriken werden nicht so bezahlt, dass die Forschungsarbeiten die Artikel derart verteuern, wie man dies dem breiten Publikum einreden moechte. Was kostspielig an den Praeparaten ist, ist die Propaganda (insbesondere die indirekte) und die Aufmachung. Die Herstellung wird immer mehr mechanisiert, rationalisiert, automatisiert, sodass mit relativ wenig Personal grosse Mengen preisgünstig erzeugt werden koennen. In den Staaten werden z. zt. Untersuchungen und Kalkulationskontrollen bei den grossen Arzneimittelfirmen durchgeführt, da die Preisentwicklungen eine derartige Form angenommen haben, dass daraus ein oeffentlicher Skandal wurde. Die grossen Firmen wollen jetzt ihre Macht noch mehr durch Monopolismus, konzentrieren, um jede kleinere oder laestige Konkurrenz auszuschalten. Die Trustbildung in der pharmazeutischen Industrie hat sich bereits sehr besorgniserregend entwickelt; zum Beispiel erzeugen 70 % aller US-Antibioticas nur sechs Firmen, die mehr oder weniger untereinander liiert sind und vertragliche Preisbindungen haben. Eine Handvoll pharmazeutischer Grossfirmen in den USA beherrschen voelüg den Markt, sie diktieren die Preise und die Vertriebsformen. Diese Firmen sorgen dafür, dass d i e wissenschaftlichen Erfinder nicht zuviel, dagegen die Herren Aktionaere sehr, sehr viel verdienen. Verdienste von oft looo % sind in der pharm. Grossinc'ustrie keine Seltenheit. Wenn zügelloser Kapitalismus sich zum Schaden des Allgemeinwohls entwickeln konnte, so besonders in den .Pharmazeutischen Grosswerken. Die Volksgesundheit wird ernsthaft durch das rücksichtslose, eigensüchtige Treiben der pharmazeutischen Grossindustriellen in -Frage gestellt. Hier haette die US-Regierung eine grosse und verdienstvolle Aufgabe, gegen volksfeindlichen Egoismus und Korruption energisch durchzugreifen. Arzneimitteifirmen sollten unter Kontrolle der Gesundheitsministerien gestellt werden, die nicht nur die soziale und hygienische Führung kontrollieren sollten, sondern vor allen Dingen die kommerziellen Strukturen der Unternehmen, den Wert der wissenschaftlichen Formeln und — vor allen — die Kalkulationsgebahrungen. AVenn die Firmen ganz bedeutend weniger verdienen würden, koennten sie trotzdem sehr gut bestehen und den Kranken und Leidenden koennte in einem weit groesseren Umfange als bisher geholfen werden. Eine weitere dringende Forderung waere, dass der Arzneimittelmarkt beschraenkt wird, dass die Anzahl der Sulfonamide, Vitamine, Antihistamine, etc., etc., auf ein vernünftiges Mass beschraenkt wird, d.h dass bei Neuregistrierungen von pharmazeutischen Produkten darauf zu achten ist, ob eine Notwendigkeit für die Zulassung votliegi. Fuer den Arzt, fuer den Apotheker, fuer den pharmazeutischen Grosshandel und — last not least — für den Patienten, waere es ein Segen, wenn es weniger Praeparate aber dafür diese preisgünstig, geben würde. Freies Unternehmertum ist schoen und demokratisch, aber wenn dieses in einem Smartismus endet, der alle Gebote zur menschlichen Hilfe verkennt, dann muessen drakonische Massnahmen angewendet werden, damit pharmazeutische Leistung sich wieder zum Segen für die Menschheit gestaltet. Wertvoile Pharmaceuticas dürfen kein Privileg nur für Reiche sein, ein jeder der leidet, sollte das Bürgerrecht haben, dass er durch die besten und wertvollsten Arzneimittel wieder gesundet. Es ist kein toerichter Gedanke, wenn man sich die Medizin sozialisiert wünscht. Denn Gesundheit bedeutet Kraft und Kraft heisst Aufbau und Entwicklung. Ein jeder Staat, dem es wirklich ernst ist um Mensch und Staat, sollte ein Arzneimittelgesetz entwickeln, welches dem sozialen Geist der Humanitaet entspricht. Dr. Stargardt. r DIE ZEIT . Die südamerikanische Ausgabe der bekannten hamburger Wochenschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur. UNIVERSAL BOOKSTORE, La Paz MERCADO 1057 WWWWWW DAS ECHO DIE INTERNATIONAL VERBREITESTE ZEITSCHRIFT BOLIVIENS hat Freunde in vielen Laendem, sie wird staenidig gelesen in: Argentinien / Australien / Belgien / Brasilien / Chile / Deutschland / Ecuador / Finnland / Frankreich / Grossbritanien ./ Guatemala / Israel / Italien / Kc.umbien / Kuba / Mexiko / Norwegen / Oesterreich / Paraguay / Perú / Südafrikanische Union / Schweiz / Uruguay / Venezuela / Vereinigte Staaten von Nordamerika. Unter den unabhaengigen deutsch-jüdischen Zeitschriften steht heute DAS ECHO an Streuung und Einfluss mit an erster Stelle!