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Das Echo · 1960-01-30 · 218 (30.1.1960) · p. [Seite 5]

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Journal
Das Echo
Volume
10 (1959-1960)
Issue
218 (30.1.1960)
Date
1960-01-30
Page
[Seite 5] (sequence 5)
Language
German
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Die beiden Haeuser an den Laengsseiten des Korkballplatzes werden gerade abgerissen. Dort wird ein neues Dormitorium entstehen. Im naechsten Herbst, wenn dieses Gebaeude fertigfesteilt ist, soll die Schule zum Musterinternat erhoben werden. Dann wird sie auch die beiden ersten und die drei malen Elf - Jahres - Schule gehoeren. letzten Klassen erhalten, die zur no-r Das Zimmer der Rektorin im dritten Stock ist das einzige im ganzen Schulgebaeude, in dem Rauchen erlaubt ist. Elena Gregorina Sizich ist fest davon überzeugt, dass die Internattsschule die beste Verkoerperung dessen ist, was eie “Erziehung im kollektiven Geist” nennt. “Wir koennen den Kindern eine bessere Ausbildung geben als die gewoehnlichen Schulen”, erlaeutert sie ihre Ansicht. “Bei uns sind die Schüler dauernd unter Beobachtung. Von Anfang an lernen sie auf ihre spaetere Arbeit in den Fabriken vor und helfen ihnen zu einem besseren Vertstaendnis des Lebens. Wir ilehren sie Ehrlichkeit, Fleiss und Kameradschaft”. Elena Gregorina ist mit einem Obsert- Ingenieur der Roten Armee verheiratet und hat selber eine zehnjaehrige Tochter. Sie ist Mitglied der Partei und seit 18 Jahren Lehrerin. Der straffe Knoten im Genick, die flachen Schube mit den dicken Sohlen, ihre zugleich angenehme und entschiedene Art verraten ihren Beruf auf den ersten Blick. Sie steht dem “Internat Nr. 12” vor, seit es unmittelbar nach dem XX. Parteikongress im Februar 1956 gegründet wurde. Seit diesem Parteitag sind allein in Moskau 63 solcher Internatsschulen errichtet worden — und das ist nur ein An¬ Von George Sherman Die Verwilderung der Jugend, die Diziplinlosigkeit, die Autoritaetsverneinung der Halbstarken sind da6 grosse paedagogische Problem der westlichen Erzieher. Es dürfte nun interessant sein zu er ren es mit der Erziehung Jugendlicher im kommunistischen Russland steht. Es dürfte allgemein bekannt sein, ass Volksrepubliken mit grosser Anteilnahme sich der Jugenderziehung widmen und manche moderner Wege ge un n haben, die auch im Westen Resonanz bei fortschrittlichen Paedagogen hatten. Wir veroeffentliehen ein Beric moskauer Korrespondenten Sherman der deutschen Wochenschrift “Die Zeit”: fang. Ende letzten Jahres besuchten in j Freizeit, und von 14.30 Uhr bis 16 Uhr pchulamt einen besonderen Aufnahmean gehen die Schüler wieder spazieren. I trag für ihre Kinder eireichen. In diesem Aber jeden Dienstagnachmittag müssen j Herbst sind 30 neue Schüler aufgenomdie Maedchen und Jungen der beiden : men worden. An erster Stelle wurden daobersten Klassen von 15 Uhr bis 19 Uhr j bei Voll - und Halbweisen berücksichtigt, auf einem Bau arbeiten. Im September an zweiter Stelle Schüler aus kinder- und Oktober haben sie dabei tausend Rubel verdient. Damit wollen sie jetzt Schlittschuhe, Baelle und andere Sportausrütungen für die Schule kaufen. Um 16 Uhr übernimmt die zweite Klasder ganzen Sowjetunion 180.000 Kinder aehnliche Anstalten; Ende 1965 sollen es fast 2,5 Millionen sein. Bei seiner letzten Sitzung hat der Oberste Sowjet den Etatposten für der* Bau neuer Internate für das kommende Jahr verdoppelt. Im “Internat Nr. 21” hat jede der sechs Klassen zwei Erzieherinnen, die in Sechs- Stunden-Schichten arbeiten. Um 7.00 Uhr früh weckt ide erste die Kinder auf, bringt sie für die taeglichen zehn Minuten j senerzieherin das Regimet. Sie bleibt bis sie für die taeglichen zehn Minuten Frühsport in die Turnhalle und dann zurück in die Schlafraeume. Waschen. Anziehen, Beten machen und Stuben reinigen — die Reihenfolge ist genau festgelegt. Putzfrauen oder Zimmermaedchen gibt es nicht: “Die Kinder müssen rechtzeitig lernen, auf eigenen Beinen zu stehen”. Die Schlafsaele der Maedhern befinden 6ich im dritten Stock, die der Jungen im vierten. Die Schüler sind dort klassenweise untergebracht. In jedem Saal stehen 16 Betten entlang den Waenden- Eins sieht wie das andere aus. Auch die Handtücher, die am Fussende aufgehaengt sind, und die weissen Bettvorleger gleichen einander wie ein Ei dem anderen. In der Mitte des Saals steht ein runder Tisch mit zwei Stühlen. In einem einzigen Schrank sind die Habseligkeiten der Schüler untergebracht. “Die Schüler bringen nichts von zu Hause mit”, erlaeutert die Direktorin.— “Wir geben ihnen alles, Uniformen, Schuhe, Essen — alles”. Die graue oder braune Internatsuniform wird alle zwei Jahre umgetauscht; und alle sechs Monate — waehren der Ferien —• gereinigt. 21.30 Uhr, wenn die Lautsprecheranlage, die bis dahin Musik, Maerchen und Vortraege in alle Zimmer übertraegt, abgeschalter wird. Zur gleichen Stunde müssen die Lampen ausgeknipst werden. Als einzige Erwachsene bleiben zwei Nachtschwestern und ein Wachmann im Anstaltsgebaeude. Im allgemeinen werden nachmittags zwischen 16 Uhr und 18 Uhr die Hausarbeiten erledigt. Von 18.30 Uhr bis 20 Uhr steht dann Gruppenfreizeit auf dem Programm. Jeden Mittwochabend findet eine Schulversammlung in der Aula im fünften Stock statt, und einmal im Monat halt ein Vorzugsschüler einen Vortrag über Literatur oder Kunst. An manchen Abenden arbeiten die Jungen in einer der sieben Internatswerkstaetten, waerend sich die Maedchen ihre Zeit mit Stickerei vertreiben. Auch die Pionierversammlungen sind auf die Abende gelegt. Dabei erzaehlen aeltere Komsomol - Studenten den Kindern von der “Grossen Sozialistischen Oktober - Revolution” und aus dem Leben der Altbolschewiken. “Schwierigkeiten mit der Disziplin haben wir keine”, bemerkte Elena Gregorina. “Koerperliche Züchtigung erübrigt Eine Art Gesellschaftskleid oder — Anzug sich: die Schüler sorgen, selbst für Dis haengt für jeden in der “Kammer’ Frühstück gibt es im “Internat Nr. 12” um 8 Uhr nach einem halbstündigen Spaziergang. Um 8.30 Uhr beginnt der Unterricht in den Klassenzimmern im zweiten Stock: vier oder fünf Lehrstunden von 45 Minuten Dauer. Den Unterricht erteilen entweder die Klassenerzieher oder einer der dreizehm Fachlehrer. Das Mittagessen wird in Schichten eingenommen. Danach gibt es eine Stunde ziplin. Sie schaemen sich, wenn sie aus der Reihe tanzen. Uebeltaeter werden von ihren Freunden in Schulversammlungen öffentlich kritisiert, und das übt einen ungeheuren psychologischen und moralischen Einfluss aus”. Alle Kinder kommen aus dem unliegenden Bezirk, in dem es vier Internate gibt. Die Zahl der Bewerber ist freilich viel groesser als die der offenen Plaetze, und die Eltern müssen beim Bezirksreichen Familien, deren Eltern wirtschaftliche Schwierigkeiten haben, an dritter Stelle schliesslich “Problemkinder”, die ihren Eltern über den Kopf zu wachsen drohen (auf Vollwaisen und Schwererziehbare entfallen je 10 v. H. der Schülerschaft). Alle Bewerber werden allerdings noch nach “speziellen Gesichtspunkten” überprüft. Was sich dahinter verbirgt, war nicht in Erfahrung zu bringen — wenngleich die Rektoren des “Internats Nr. 12” die Vermutung sehr bestimmt zurückwiesen, dass dabei die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei eine Rolle spiele. Weshalb sind die Eltern so darauf aus, ihre Kinder in einem Internat unterzubringen? “Weil der Staat ihre Erziehung und Versorgung voll und ganz übernimmt”, antwortet Elena Gregorina. Eltern, die es sich leisten koennen, zahlen monatlich hundert Rubel, aber das Internat gibt für jedem Schüler 600 bis 700 Rubel aus. Ein Grund für die Anziehungskraft der Internatsanstalten ist freilich auch in der noch immer erschreckenden Wohnungsnot zu suchen. Viele Eltern geben ihre Kinder nur deswegen aus dem Haus — aber sie holen sie auch dann nicht aus der Anstalt zurück, wenn sie in neue und groessere Wohnungen ziehen. Die Schüler koennen ihre Sonntage und die Ferien in Elternhaus verbringen. Aber das ist kein Zwang, und viele bleiben denn auch in der Anstalt oder gehen waehrend der Sommerferien in ein Pionierlager aufs Land. “Zuerst hegten wir die Befürchtung, die Schüler würden hier ihre Zartheit und Freundlichkeit verlieren” schloss Elena Gregorina. “Doch diese Furcht war unbegründet. Sie wenden nun all ihre Liebe und Zuneigung den Lehrern zu. Kinder vergessen schnell, und sie vermissen ihre Eltern nicht...”. JUDEN IN DER SOWJET UNION JM Ohne Zweifel hat sich die Lage der etwa drei Millionen Juden in der Sowjetunion in bezug auf Lebenssicherheit und wirtschaftliche Verhaeltnisse seit der Stalin - Aera weitgehend gebessert. Es gibt keine Pogrome und keinen Rassenhass, und ausser gelegentlichen Anrempelungen in entlegenen Doerfern auch nicht das, was antisemitische Einstellung genannt, wird. Wirtschaftlich geht es der Masse der jüdischen Bevoelkerung weit besser als in der vorrevolutionaeren Epoche, als sie, eingepfercht im jüdischen Siedlungsgebiet der Westprovinzen, in unvorstellbarem Elend lebte. Heute ist die jüdische Bevoelkerung in den Wirtschaftsprozess des Landes einsegliedert, sie nimmt an der Betsserung des allgemeinen Lebensstandards und dem sozialen Fortschritt mit allen anderen Sowjetbürgern teil. Es gibt nicht mehr jene charakteristische Schicht von “Luftmenschen”, jene armseligen Haendlerexistenzen, die, von Bildung und Fachberufen auf Grund der antijüdischen Gesetzgebung ausgeschlossen, gezwungen waren, sich von zweifelhaften “Luftgeschaeften” zu ernaehren. von Doch ein einem anderen, tragischeren und weit schmerzhafteren Sinn sind die Juden der Sowjetunion heute wieder zu “Luftmenschen” geworden. Die jüdische Bevoelkerung der Sowjetunion ist amtlich als besondere Nationalitaet anerkannt; im Pass jedes jüdischen Sowjetbürgers ist in der Rubrik Nationalitaet der Vermerk: “Jewrej” (Jude) eingetragen. Aber im Gegensatz zu allen andern Nationalitaeten darf sich im Leben der jüdischen Volksgemeinschaft ihr vom Staat anerkanntes Volkstum in keiner Weise auswirken. Die Nationalitaetenpolitik der Sowjetregierung gewaehrt den zahlreichen Völkerschaften des Riesenreichs eine weitreichende kulturelle Autonomie, sie haelt sogar die ruekstaendigen Volksgruppen und Staemme an sich ihres rudimentaeren, halbvergessenen Volkstumes zu erinnern und ihre Sprache und nationale Eigenart zu pflegen. Für manche der asiatischen Volksgruppen haben die sowjetischen Wissenschaftler sogar die Alphabete ihrer primitiven Idiome rekonstruiert damit diese als Amts - und Unterrichtssprache in den betreffenden M. DOLAN Gebieten dienen koennen. Seit Beginn der Sowjetherrschaft bis in die vierziger Jahre hinein genoss die jüdische Bevoelkerung die gleiche Behandlung. So gab es eine jiddische Presse, eine hochentwickelte jiddische Literatur ein jiddisches Theater-und Kunstwesen, ein Erziehungswesen mit jiddischer Uni terrichtssprache. In der Wahnsinnsperiode des alternden Stalin kam dann 1948 der berüchtigte “antikosmopolitische Feldzug”, der in der Hauptsache gegen die Juden gerichtet war, mit den Aerz- ■ teprozessen als Kulminationspunkt, und i dann die radikale Ausloeschung des ge-! samten nationalen Kulturelebens der jü- : dischen Volksgruppe. Die bedeutendsten jüdischen Schriftsteller und Künstler wurden hingerichtet die anderen in Konzentrationslager geschickt. In der Tauwetterperiode nach Stalins Tod wurden zwar einige der ermordeten Schriftsteller und Künstler posthum rehabilitiert und die in Haft gehaltenen ohne formelle Rehabilitierung stillschweigend entlassen. Jegliche jüdische Kulturbetaetigung blieg jedoch untersagt. Heute gibt es in der Sowjetunion keine jüdische Schule, keine Presse, kein Theater, kein jiddisches Buch darf erscheinen, selbst die lediglich die Vergangenheit festhaltenden jüdischen Museen werden von den sonst so museenfreundlichen sowjetischen Behoerden geschlossen. Es gibt keine jiddischen Gemeinden, keine Organisationen irgendwelcher Art, keinen Club, keinen Verein, kurz keinerlei oeffentlich - gesellschaftliche Aeusserung jüdischen Volkstums. Dos Millionenvolk der Juden in der Sowjetunion ist zu einer amorphen Masse geworden, ohne Vertretung und ohne Adresse. Das einzige, was geblieben ist, sind einige wenige Synagogen in den grossen Staedten. In vielen Provinzstaedten mit starker jüdischer Bevoelkerung werden die Synagogen nach und nach geschlossen. Selbst Gottesdienste in Privatwohnungen werden nicht erlaubt. Dies Alles, obwohl Artikel 124 der Sowjetverfassung die Religionsfreiheit gewaehrleistet. Fortsetzung in unserer naechsten Ausgabe! American Life Insurance Cia., Wilmington, Delaware, U.S.A.

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