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Das Echo · 1959-11-20 · 214 (20.11.1959) · p. [Seite 4]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Echo
Volume
10 (1959-1960)
Issue
214 (20.11.1959)
Date
1959-11-20
Page
[Seite 4] (sequence 4)
Language
German
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4. “DAS ECHO” 20. November 1959. DAS AUTO eine amerikanische Tragödie ‘•Ein schwerer Lastwagen stiess heute morgen mit einem Schulautobus an der Kreuzung der Fish mit der Burke Avenue in Bronx zusammen. Aus den brennenden Trümmern des Autobusses wurden acht Kinder geborgen. Frank Siburn, siebenundvlerzigjaehrig, Lastwagenführer, verschied auf dem Unfaliplatz”, meldeten die Abendblaetter von New York. Eine lakonische Meldung auf Seite 15, unter dem Strich, die vom müden Leserpublikum mit einem zerstreuten Blick zur Kenntnis genommen wurde. 37.000 TOTE IM JAHR Doch hinter diesem Routinebericht der Strassenpolizei stand das unsagbare Leid von neun Familien, die Verzweiflung und das grauenhafte physische und seelische Leid von Menschen. Und hinter diesen Menschen steht gross und schwarz die schrecklichste Tragoedie Amerikas, die nie endende Kette von Strassenunfaellen. Auf den amerikanischen Strassen sterben jaehrlich mehr als 37.000 Frauen, Maenner und Kinder; dazu werden — nach den Zahlen von 1958 — 1,350.000 Menschen durch Verkehrsunfaelle verstümmelt. Der jaehr- ’,iche Sachschaden belaeuft sich auf mehr als 6.5 Milliarden Dollar. Der Tod durch Verkehrsunfall ist heute die führende Todesursache in den Vereinigten Staaten. Wer traegt die Schuld an all den Toten und Verkrüppelten? Wo liegt der Grund für die scheinbar unaufhaltsame Lawine des Unglücks? Ein erster Grund liegt im Volumen des Strassenverkehrs selbst. Auf den amerikanischen Strassen rdllen heute 70 Millionen Autos und die Zahl der gültigen Fahrausweise übersteigt 80 Millionen! ln Europa kann man sich kaum eine Vorstellung machen vom brausenden Meer der Autos, die den amerikanischen Kontinent überschwemmen. Das Auto ist in den Vereinigten Staaten ein Gebrauchsgegenstand aehnlich der Zahnbürste. Jedermann kann sich so ein chromglitzerndes Ungeheuer erwerben. Selbst die untersten Einkommensklassen fahren im eigenen Wagen, denn einen guten Okkasionskarren kann man schon für 25 Dollar erwerben (was ungefaehr dem Preis eines schlechten Herrenanzuges entspricht). Für neue Wagen gibt es besonders ausgearbeitete Kreditplaene, die Autofirmen haben eigens Finanzgesellschaften gegründet, die es dem Kaeufer erlauben, jaehrlich sein neuestes Modell mit einem Minimum an Bargeld (die Anzahlung für miitfllere Serienwagen wie Chevrolet, Ford usw liegt zwischen 30 und 400 Dollar) zu Stollz und Freude seiner Familie und zum Aerger des Nachbarn erstehen. Selbst in Familien des unteren Mittelstandes ist es nicht selten, dass Mann, Frau und Kinder je ein eigenes Autos besitzen. Die Strassen Amerikas, welche gemeinhin als der zweite Grund für die schreckliche Unfallstatik verantwortlich gemacht werden, sind in Wirklichkeit wesentlich besser als die meisten europaeischen Verkehrswege. Die grossen Staedte sind regelmaessig durch vierspurige Autobahnen verbunden, kleinere werden umfahren. Um zu verhindern, dass der Automobilist nach stundenlanger Fahrt dann doch in die umfahrene Ortschaft abbiegt (um sich bei Coca-Cola und Hamburger zu erholen und Benzui zu tanken, wurden entlang der Betonbahn rund alle 30 bis 50 Kilometer sogenannte “Service- Aeras" errichtet. Ueber ein Kilometer lang sind da am Strassenrand die Restaurants, die ihre Tischchen auf einem immensen Parkplatz aufgestellt haben und dem Fahrer ermoeglichen, ein komplettes Mittagessen zu sich zu nehmen, ohne den Wagen zu verlassen, die Tankstellen und Reparaturwerkst.aetten, die Apotheken und Einkaufszentren und saeuberlich weiss bemalte Toi'lettenháeuschen. Kann man die amerikanischen Prachtstrassen noch unfallsicherer, noch schoener, besser und verkehrsgemaesser aushauen? Die Experten behaupten nein — und stehen ratlos vor dem Totentanz, den die Autofahrer auf den silbergrauen Betonwegen aufführen. TEMPO - BESCHRAENKUNG — KEIN ERFOLG | | Was laesst sich gegen den maehen- Í den Tod auf den amerikanischen Stras- I sen tun? Die jaehrlich zunehmende Zahl der Motorfahrzeuge laesst sich künstlich nicht beschraenken. Ebensowenig laesst sich der Verkehr weiter — durch Bau neuer Verkehrswege — dekonzentrieren. Bleiben die Polizeimassnahmen. Vom Publikum werden in den Vereinigten Staaten — wie übrigens immer und immer wieder auch in Europa — massive Geschwindigkeitsbeschraenkungen gefordert. Amerika hat das Experiment versucht: Abraham Ribicoff hat seine ganze Wahlkampagne für den Gouverneurposten von Connecticut (einer der verkhrsreichsten Staaten an der Ostküstemit der Parole “Geschwindigkeitsbeschraenkung'' geführt — und im Jahre 1959 auch promp gewonnen. Die Hoechstgeschwindigkeit auf den glaenzend ausgebauten Betonstrassen von Connecticut wurde durch Staatsgesetz auf 50 Meilen pro Stunde festgesetzt und ein Heer von Polizisten zur Kontrolle samt Radar und Spezialuhren zur Ueberwachung bestellt. Die erste Uebertretung wurde mit Entzug des Führerscheins für dreissig Tage bestraft, und für Riickfall wurden saftige Bussen, in schweren Faellen Gefaengnis, in Aussicht gestellt. Waehrend der drei Jahre des Experiments wurden im Durch- EIN SICHERER BAU FUER DIE ZUKUNFT durch Polizenabschluss bei der AMERICAN LIFE DIE VERSICHERUNG FUER SIE! Verlangen Sie Offerte durch die “American Life”, La Paz, C. Potosi 1230 Telefon 5712 - 5623 — Casilla 1724 schnitt pro Jahr 10.055 Fahrer bestraft Das Resultat? Null! Unmittelbar vor Inkrafttreten des Gesetzes war die Zahl der Toten und Schwerverletzten für 100 Millionen Fahrzeugmeilen (die in den USA. gebraeuchliche Masseinheit für die Unfallstatistikin Connecticut 210). Im ersten Jahr der Geschwindigkeitsbeschraenkung stieg diese Zahl auf 212, im zweiten Jahr auf 223 und erreichte in der vergangenen Kalenderperiode 227. Mit anderen Worten: Im Staate Connecticut stieg die Chance, durch Autounfall schwer verletzt oder getoetet zu werden, waehrend der letzten drei Jahre trotz rigoroser Geschwindigkeitsbeschraenkung um acht Prozent! Selbst wenn man die staendig zunehmende Fahrzeuganzahl in Betracht zieht, muss man zugeben, dass das Flxperiment von Connecticut (die Geschwindigkeitbeschraenkung hat in den sogenannten Flaschenliaelsen zu dem zu schauerlichen Stockungen geführt) klaeglich missglückt ist. Geschwindigkeitsbeschraenkungen sind keine gültige Methode zur Verhütung von Verkehrsunfaeüen. FALSCHE BAUART? Doch in den Vereinigten Staaten wird von zahlreichen privaten und oeffentlichen Instanzen fierberhaft weiter nach einer Loesung geforscht — und alles deutet darauf hin, dass sie, in der Form einer Teilloesung vor- Laeufig, von Dr. Hunter Shuiden, einem der hervorragendsten Verkehrsspezialisten Amerikas, gefunden wurde: “Zehntausende von Menschen sterben alljaehrlich auf unseren Strassen, einzig und allein, weil der Innenraum ihres Wagens voellig ungenügend konstruiert ist. Die Türen, Sitze, Steuerrad und Kühlerdisposition sind vom Standpunkt der Sicherheit' aus falsch gebaut. Würden sich die Autoi firmen endlich bereit finden, nicht der! Eleganz, sondern der Sicherheit der : Passagiere den Vorzug zu geben, dann! würden in Amerika pro Jahr minde- 1 stens 28.500 Menschen vom Tod bewahrt'’. So begann sein Artikel im “Journal of the American Medical Association” ■ l — und die auf unzaehligen Versuchen basierenden Aussagen haben in der Oeffentlichkeit ungeheures Aufsehen erregt. Eigentlich waren die Feststellungen des Dr. Shelden keineswegs neu, denn die Regierung der Vereinigten Staaten hatte sie schon vor zehn Jahren in Form eines Rapports .an den Kongress gemacht Auf der Hoehe des Koreakrieges merkte das amerikanische Oberkommando naemlich, dass mehr Soldaten und Offiziere bei Verkehrsunfaeüen in] Hinterland ums Leben kamen als in den Kampfhandlungen an der Front. Armee und Luftwaffe studierten daher das Problem der Verkehrssicherheit gründliclist — und kamen zum selben Schlüsse wie Shelden. Seit der alte Henry Ford in Detroit des Jahrhundertanfangs sein erstes Auto im Serienbetrieb hergestellt hat, aenderten sich die Verkaufspraktiken der Fabrikanten kaum wesentlich. Verkauft wird der Wagen immer und überall unter Anpreisung seiner Eleganz, seiner Leistungsfaehigkeit und seiner luxurioesen Ausstattung — aber nie dank dem Hinweis auf seine relative Sicherheit im Fall von Kollisionen. Denn die Fabrikanten, urteilen zurecht, dass es besser ist, den potentiellen Kaeufer nicht und mit keinem Wort an die Moeglichkeit eines Unfalls oder gar des Todes .auf der Strasse zu erinnern. Der Effekt einer solchen Warnung koennte nur allzu leicht zu Angstreaktionen, das heisst zur “Abstinenz” des Kaeufers führen Wird deshalb der Totentanz auf den amerikanischen Strassen aus kommerziellen Gründen unbehindert weitergehen? Nein, die Amerikaner sind ein zu vernünftiges Volk, um eine solche F.ataütaet hinzunehmen. Der Druck der oeffentlichen Meinung hervorgerufen durch die mutigen Rapporte von Shelden und dem National Safety Committee, werden früher oder spaeter die Autoindustrie zum Bau sicherer Wagen zwingen. Damit wird die Zahl der Toten und Verkrüppelten herabgedrückt werden. Doch auch der “sicherste” Wagen wird den Automobilisten nicht von seiner ersten und wichtigsten Verpflichtung befreien, naeinlich: Vorsichtig, konzentriert und rücksichtsvoll zu fahren.. DAS ECHO hat sich des Oefteren [ mit Erziehungsfragen in Deutschland ] (z. B. “Giftpilze im deutschen Maerchenwald”) beschaeftigt, da die Paedagogik in Geschichtsfaechern manchen demokratischen Wunsch unerfüllt Jaesst. Aus deutschen Zeitungen entnehmen wir eine überaus interessante Statistik, die ein grelles Schlaglicht auf einen Geschichtsunterricht in deutschen Schulen wirft, der nicht demokratisch, | nicht objektiv, sondern nationalistisch | ist und der ein Gefahrenherd groessten Umfanges für die deutsche Schuljugend darstellt. Die anschliessend veroeffentlichten Angaben beziehen sich auf ein sehr verbreitetes, als_ Lehrmittel staatlich autorisiertes Geschichtsbuch fuer deutsche Lehranstalten, für Schüler der Tertia und Sekunda an den hoeherett deutschen Lehranstalten. DEUTSCHE GESCHICHTE IN NEUER SICHT Geschichte von 1914 bis zur Gegenwart: Ausgabe 1949 71 Seiten Ausgabe 1958 34 Seiten Geschichte des Hitlerreiches: Ausgabe 1949 41 Seiten Ausgabe 1958 13 Seiten Reichstagsbrand: Ausgabe 1958 2y2 Seiten Ausgabe 1958 kein Wort Judenverfolgung: Ausgabe 1949 Ausgabe 1958 Widerstandsbewegung: Ausgabe 1949 Ausgabe 1958 Konzentrationslager: Ausgabe 1949 Ausgabe 1958 3 Seiten 14 Zeilen 8 Seiten kein Wort 5 Seiten nichts mehr Diese paedagogigsche Methodik des “Vergessens” ist alarmierend, da die heutige deutsche Jugend um das Wissen des deutschen Ungeistes unter einen nationalistischen Regime, betrogen wird. Es waere hoechste Zeit, wenn deutsche Schulaufsichtsbehoerden sich mehr mit der Prüfung der vollliegenden Lehrmittel beschaeftigen würden und endlich national-tendenzioese Geschichtsbücher mit Büchern ersetzen würden, die ehrlich sind und demokratisches Gedankengut enthalten.

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