Mannheim
Compact Memory

Das Echo · 1959-08-15 · 208 (15.8.1959) · p. [Seite 3]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Echo
Volume
10 (1959-1960)
Issue
208 (15.8.1959)
Date
1959-08-15
Page
[Seite 3] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/9620162-9632912-9625712--236-9625715
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

15. August 1959. “DAS ECHO“ 3, Blick in die Zeit ERSTAUNLICHES AUS DER KOMMUNISTISCHEN WELT Die kommunistische Welt versteht es, die Menschheit in Atem zu hatten. Ais der bekannte Kommunisten ft fesser Nixon sich — nach langer Vorbereitung — entschloss, in die Hoehle des bolschewistischen Lofe wen zu fahren, so fürchtete mancher seiner Freunde für sein Leben. Doch was der U S-Vicepraesident dort an Herzlichkteit und Willkommenswaerme erfahren konnte, war geradezu überwältigend. So peinlich die Reise für Nixon durch Südamerika wurde, so freundlich war difese durch das rauhe kommunistische Klima von Russland und Polen. Russlands Oberboys war ganz eitel Laune seinem kapitalistichen Gast gegenüber, die Cremte der russischen Damenwelt waren zu Mrs. Nixon gleichfalls reizend, man zeigte dem Hohen Gast mifitaerischb Intimas und modernste Industrieanlagen, fis gab muntere Bankette, launige Toaste, man wechselto herzliche Haendedrücke — man tat ganz so, als wenn sich Vertreter innig befreundeter Laender ihre gegensteitige Hochachtung zum Ausdruck bringen woben. Ein unerhoertes Novum bedeutete, dass die russische Television ihrem HItM«m Gast die von ihr wohlbehütete hochpolitische Apparatur zur Verfügung stellte. Und das ohne Vorzensur. Richard M. Nixon fasste difese grosse Fubükationsmoeglichkeit beim Schopfe und erzaeh'te den MiHibnten von Hoerem 'von der Grossartigkeit der kapitalistischen und den Mangeln der kommunistischen Wtelt. N’cht nur, dass die kommunistische Apparatur afl dies gut verdaute, wurde diese Rede auf Tonband übertragen und auch in fokalen und fernen Provioz-Radiosemdem zum Ablauf gebracht Aber all das wurde noch übertroffen; durch das Regierungsblatt “ïvestiaT, weiches treu und brav, schwarz auf weiss das mitteilte, was der Hohe Gast aus den USA über Sowjetrussland berichtete. Und dieser langte Bericht war absolut sachlich, ohne Einengung durch kritische Kommentare. Was sich in Moskau zutrug, wiederholte sich — vielleicht mit noch groessterer Intensitaet — m Warschau, wo 250 000 Menschen Nixon empfingen und in Hochrufe auf die Freundschaft mit Nordamerika ausbrachen. Nixon war sichtlich gemehrt und auch ein wenig konstemitert über die Riesenwogen herzlicher Sympathie, die ihn berührten. Es bleibt nur noch eine Fragte: Was war an diesen Volkskundgebungen spontan und was war daran insceniert? Denn in Sowjetrussland gibt es ja — so liest man es in der wtestüchen Presse — keine freie Meinungsaeusserung, sodass man also annehmen muss, dass diestes grossartige Spectaculum propagandistisch gelenkt wurde. Es sah jedenfalls ganz so aus, als ob der Kreml ein ehrlichtes Interesse daran hat, nun mit den USA in definitiv guten Beziehungen zu treten. Dass Richard M. Nixon und seine Begleitung von den US-freundlichen Absichten überzeugt wurden, bewites die überraschende Einladung Eisenhowere an Rruschtschew. Die moskowiter Inscenierung also hat geklappt und wir wünschen idem neuen Stück “Dwigth und Niki ta?’ vollen Erfolg. DAS GENFER FIASKO kn Schtusskommunique von Gtenf war ersichtlich, wie tote* die Pleite dkmet tangan dauernd en Konferenz war. Es wurde in diesen Sitzungen tu keiner Form Positives «erreicht; es war am Ende wie am Anfang, dass <dH Russen nicht bereit sind, besondere Konzessionen an Bonn-Deutschland zu ««Sehen. Die Beziehungen zum Jüdisch - religiöse Erneuerung Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so laesst sich jetzt allerorts ein allmaehlliches geistiges Erwachen im jüdischen Lager beobachten. Es kommt besonders zum Ausdruck in dem gesteigerten Interesse für die hebraeische Sprache und ihre Kultur, für die Geschichte des Volkes und seine Tradition — kurz für die geistigen Werte der jüdischen Vergangenheit. Vielleicht ist es noch verfrüht, schon jetzt von einer um sich greifenden religioesen Erneuerung zu sprechen. Laesst es sich heute doch nur schwer feststellen, ob und inwieweit beispielsweise die Juden Englands, Amerikas oder gar des Staates Israel und anderer Laendei* den Weg zur jüdischen Froemmigkeit und zur Ausübung von rdigioesen Vorschriften beschritten haben. Ein Teil des Volkes steht dem noch recht passiv gegenüber, vielleicht aus Mangel an .F,insicht, wie es um ihn tatsaechlich bestellt ist. Die Mehrheit des Volkes jedoch, will es scheinen, ist heute von einer tiefen Unruhe qm den Fortbestand des Judentums und seiner Werte beherrscht. Der seichte Optimismus Die grosse Gala - Ausgabe: die Unruhe des jüdischen Menschen heute besonders zu steigern und in ihm die Neigung zu Einkehr und innerer Besinnung wachzurufen. In erster Linie ist es natürlich die grosse Katastrophe des europaeischen Judentums der letzten Jahre. Ist ja mit einem Schlage der lebendigste und schoepferischstte Teil des Volkes vernichtet worden. Was von den Lagern und Gaskammern zurückgeblieben ist, sind nur kleine Reste, Splitter eines einst staemmigen und vielgestaltigen Volkstums. Auch die russiche Revolution, an die einst so viele Hoffnungen geknüpft worden sind, hat zutiefst enttaeuscht. Sie hat den Menschen nicht die ertraeumte Befre>unK gebracht. Noch heule, 40 Jahre nach der Revolution, ist der Jude als Jude in der Sowjetunion nicht frpi. Er kann sich weder jüdisch-national noch sprachlich-kulturell, ja nicht einmal religioes als Jude ausleben. Statt der erhofften Freiheit kam es zu Zwang und Sklaverei An die Stelle einer unabhaengigen, stolzen, frei ihr Eigenleben führenden Volksgruppe ist eine Masse von ROSC erscheint &m 22 September! Diese festliche Echo-Edition wird die Brücke sein, welche den bolivianischen Yischuv mit den Gemeinschaften in der ganzen jüdischen Welt verbindet. Mit Glückwunschanzeigen in dieser Ausgabe erreichen und erfreuen Sie alle Ihre Freunde NEUJAHRS — GLUECKWUNSCHANZEIGEN gehoeren in das weitverbreitete ECHO! der früheren, mehr liberalen Epoche hat heute einer ernsten geschichtlichen Auseinandersetzung um die Erhaltung des jüdischen Volkes und seiner schoepferischen Kraefte Platz machen müssen. Nach all den schweren Erschütterungen der letzten Jahre steht der moderne Jude mit leeren Haenden und mit einem bangen Herzen da. Sein Haus ist von jüdischem Wissen und Inhalt geleert und überall waechst die Entfremdung und Unwissenheit. Soll der Prozess eines geistigen Niederganges ungestoert fortgesetzt werden, bis es zu spaet sein wird, Einhalt zu gebieten? Allein, neben der Tatsache der Entstehung des Staates Israel und der tiefgründigen Revolution, die er in den jüdischen Herzen hervorgerufen hat, gibt es noch eine Reihe von anderen Faktoren die dazu beigetragen haben, Marranen getreten, die, ohne Boden unter ihren Füssen, dem Aufloesungsprozess ausgeliefert ist. Daher ist unsere Unruhe um das Schicksal dieses so wertvollen Teiles des Volkes recht gross. -f Auch die neueste Entwicklung der Technik, auf die der Mensch so grosse Hoffnungen aufgebaut hat, hat ihn jetzt in grosse Unruhe versetzt. Das Eindringen in die Welt des Atoms, das Vordringen;in die (Endlosigkeit des Kosmos hat den Menschen vielleicht weiser, aber nicht zufriedener und besser gemacht. Die technologische Revolution unserer Tage hat die Sorge um die Zukunft der Menschheit noch vergroessert. Sie hat den Menschen innerlich nicht befreit, sondern ihm seine Handlungsfreiheit genommen und ihn in seinen menschlichen Dreieck Moskau — Pankow — Bonn dürften nach diteser “Konferenz der Grossen” noch schlechter (soweit dies überhaupt moeglich ist) sein, als vor Konferenzbegmn, Sowohl Gromyko als seine westlichen Gegenspieler taten nichts Ernsthaftes, um dieser wichtigen Konferenz auch nur zu einem einigtrmaßsen bejahenden Erfolge zu vterhelfen. Mit einer Gnosszügigkeit, die einer besseren Sache wert waerfe, wurden die gemachten Vorschlaege kaum überprüft und sofort verworfen. Es ist schade um den gewaltigen Aufwand, den «fiese Besprechungen, beanspruchten, es ist aber noch mehr schade, dass diese Konferenz ein erneuter Beweis dafür war, dass sich weltwichtige Beschlüsse nicht im grellen Scheinwertoflcht der Pubfizitaet erzielen lassen. Die Millionen Augen und Ohren, die an einem solcher Zusammentreffen tdfrsehtnen, wirkten »toerend und verwirrend und verwaessern ernste diplomatische Arbeit In dieser vollen Oeffentlichkeit wollte ein jeder der Repräsentanten sein Prestige wahren und war dahter nicht geneigt, Konzessionen zu macheri, die im Moment als Schwaeche ausgeiegt werden koenntem, die aber Ietztenendes von eine starken moralischen Kraft Zeugnis gegeben haetten. “Die Konferenz wird auf unbestimmte Zeit vertagt”, so hiess es im Schtusskommunique. was nichts anderes dedeutet, dass cEfese Konferenz mit einem absoluten Fracaso geendet hat Die historische 2-Maenner-Konferenz von Eisenhower und Kruschtschew am stillen Kamin in Washington wird hoffentlich ein besseres Ergebnis Zeitigen, ais «fie Konferenz der vicien, afizu vielen Diplomaten in Genf. Washington - ist heute der Blickpunkt der Welt, wohin man «fie Hoffnung auf Frieden und Varstaendigung traogt. felkas Werten devaäuiert. Anstatt Herr und Meister seiner technischen Schoepfungen zu sein, schein er ihnen zu unterliegen. Die Maschinen, die er schuf, Kinder seines Geistes, sind ihm wesensfremd geblieben und koennten sich eines Tages wie der Golem-Koloss gegen ihn wenden und ihn voellig vernichten. Sprach ja schon Hegel einst von der “creativem” (heute würden wir sagen: technologischen) "Entfremdung” des Menschen, der Entfrem düng zwischen dem schoepferischen Geist und seiner künstlichen Schoepfung. Und so steht der moderne Jude vor einem schweren geistigen Dilemma. Fortschritt und technische Entwicklung haben ihm nicht die noetige moralische Freiheit und persoenliche Sicherheit gebracht. Im Gegenteil, ein Gefühl der Verwirrung, der bangen Angst und der Unsicherheit beherrsch! die Gemüter. Auf der einen Seite ein krässer, unglaeubiger Materialismus, der auf die Dauer kaum befriedigen kann, auf der anderen Seite versteigt sich der rebellierende Mensch in seiner Lust nach Macht bis,ln den Himmel, um dort seine Herrschaft zu begründen. bevor er gelernt hat, auf Erdep in Gerechtigkeit .und in Demut zu wandeln, Welche Diskrepanz zwischen dem. heutigen Menschen und der von ihn] .geschaffenen Zivilisation! . Nun ist der Mensch in -seinen Grundtiefen aufgewühlt. Kann.er doch nicht in einem geistigen Vakuum leben, auch dann nicht, wenn er in. m?; tendier Fülle zu leben scheint. Und so sucht auch der moderne Jude wiederum einen Weg zurück zu sich zu seinem Volkstum und zur reichen Tradition. Er sucht nach neuen Werten, nach einem geistigen Standort. W’aeh* rend der Jude nach einem inneren Ruhepunkt in den Konflikten der Zeit und dem Widerstreit ihrer Kraefte Ausschau haelt, wendet sich sein Blick den geistigen Werten der Vergangenheit zu. Er geht zur Synagoge zurück, dem Versammlungsort, der Gemeinde, Ob wir es hier mit einer Umkehr zur jüdischen Glaeubigkeit und religiotsen Froemmigkeit zu tun haben, ■ ist schwer zu sagen — auch dann, wenn der jüdische Mensch heute mehr denn je zur Synagoge zurückgeht, wenn er seine Kinder in jüdisch-religioese Schulen, ja sogar in Jeschiwoth schickt. Es kann sein, dass wir es hifer nur mit Sentimenten und Stimmungen zu tun haben, die, aus der Not der Zeit geboren, ebenso schnei! abMinpm werden. Dennoch will es uns scheinen, dass dieses Gefühl der “Umkehr” heute tiefe Wurzeln im Volkserleben hat und nicht in einer vorübergehenden, flüchtigen Gemütsstimmung. Vielleicht ist es doch der Beginn einer ernsten Besinnung auf die Ewigkeitswerte des ludentums, die zu einer tieferen Befruchtung des jüdischen Lebens in der nicht allzu fernen Zukunft führen wird. + Auch im Staate Israel haben sich in der letzten Zeit aehnliche Stimmen vernehmen lassen. Das Problem einer traditionsechten jüdischen Erziehung wird haeufig in der Oeffentlichkeit diskutiert. Wir sind Zeugen einer recht hartnaeckigen Kritik, die an der Erziehung der Kinder in Israel geübt wird und die nicht zuletzt für die Entfremdung der neuen Generation schuldig gemacht wird. Natürlich ist die heutige Jugend im Staate Israel eine dynamische und opferbereite, stolz und von einem starken nationalen Bewusstsein getragen. Aber das aBes kann nicht ganz die alten, traditionsgebundenen Werte ersetzen. Man kann ja die Volksgeschichte, wie zuweilen heute in Israel, nicht etwa vom grossen Befreiungskampf und der Staafsgründung oder gar vom ersten Zionistenkongress beginnen lassen. Das sind alles sehr wichtige Etappen, aber (Fortsetzung Seite 5)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.